Moses der Ägypter: Entzifferung einer Gedächtnisspur Jan Assmann Taschenbuch, Juli 2004 Verkaufsrang: 175182 Gewöhnlich versandfertig in 24 Stunden Moses gilt - so will es die biblische Überlieferung - als Begründer der ersten monotheistischen Religion; nachdem Gott ihm im brennenden Dornbusch erschienen war, führte er sein Volk Israel aus Ägypten, und indem er die Zehn Gebote verkündete, traf er die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion. Der kulturelle Raum, der durch diese Unterscheidung aufgerissen und dadurch zum erstn Mal geschaffen wurde, ist der des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus: Seine historische Wirkungsmacht beruht auf der ausgrenzenden Kraft dieser ersten, fundamentalen Unterscheidung. Doch konstituiert und stabilisiert sie durch Ausgrenzung nicht nur Identität, sie schafft dadurch nicht nur Orientierung, sondern ist immer auch Ursprung von Konflikt, Intoleranz und Gewalt. Es hat daher nicht an Versuchen gefehlt, sie rückgängig zu machen, um dadurch den Konflikt zu bändigen. Ihren entschiedensten Zerstörer hat die "mosaische Unterscheidung" in Sigmund Freuds religionspsychologischem Werk Der Mann Moses und die monotheistische Religion gefunden. Indem er Moses zum Ägypter machte und den Monotheismus auf Echnatons religiöse Revolution zurückführte, hoffte er die konfliktträchtige Unterscheidung aufzulösen. Die Geschichte Moses' liest sich bei ihm daher anders: Die Israeliten haben sich gegen ihn erhoben und ihn schließlich ermordet. Dieser Vatermord habe die Wunschphantasie vom dereinst wiederkehrenden Messias hervorgebracht. Religion wird durch die aufklärerische Behandlung des Psychoanalytikers zum Ausdruck einer Zwangsneurose. Freuds Deutung steht am Ende einer langen und verzweigten Tradition der Auseinandersetzung mit der Moses-Gestalt. Sie führt von der Symbolisierung der mosaischen Unterscheidung in der Erzählung vom Exodus über Moses als Verkörperung ursprünglicher Weisheit in Mittelalter und Renaissance zur Lichtgestalt der Aufklärung bis zur Version Freuds. Die Faszination, die von dieser Thematik und insbesondere von ihrer Behandlung durch Freud ausgeht, war für den international angesehenen Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann Anlass, die Geschichte dieser Deutungen zu rekonstruieren. Assmanns Moses der Ägypter, das nun auch als Taschenbuch vorliegt, ist nicht nur ein weitausholender religionswissenschaftlicher Beitrag, der durch die Eleganz der Gedankenführung besticht, sondern zudem ein eindrucksvoller Versuch, Ägypten wieder zu einem Teil des kulturellen Gedächtnisses Europas zu machen. -Jens Kertscher
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de, s.u.): Durchschnittliche Gesamt-Bewertung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 3 Bewertungen)
Großartiger Inhalt, hohe Sprache 4 von 5 Punkten Jan Assmann verfolgt in diesem Buch auf einen sehr hohen Niveau die geistesgeschichtliche Entwicklung jenes kulturellen Raumes, in dem wir, wie er sagt, bis heute leben: ...Raum, der durch diese (mosaische) Unterscheidung kontruiert ist. Jan Assmann hat ein primär wissenschaftliches Anliegen und bleibt diesem das Buch hindurch treu: Er verzichtet auf Wertungen, untermauert seine "Thesen" mit soliden Quellen, usw. Dieses Buch ist auch empfehlenswert für Studenten der Theologie, gerade im Zusammenhang mit dem Alten Testament. Klar ist natürlich auch, dass viele historische Fragen ungeklärt bleiben, was aber legitim ist... denn im Grunde können wir Frage wie: Wie gelangte ägyptisches Kulturgut in das Gedächtnis der Israeliten, wenn diese niemals in Ägypten gewesen sind? lassen sich (noch) nicht detailiert beantworten...obgleich wir dank der Archäologie, der Ägyptologie, etc. die möglichen Antworten durchaus eingränzen können. Einziges "Manko": Das Buch ist sprachlich teilweise anstrengend, viele lateinische und griechische Zitate werden nicht übersetzt, was manchen Lesern vielleicht Probleme bereiten könnte. Ansonsten: Alle Achtung!
Gut vs.Böse 5 von 5 Punkten Jan Assmanns Buch hat in der wissenschaftlichen Welt viel Staub aufgewirbelt. Er entwickelt in diesem das Konzept der Gedächtnisgeschichte, das sich von der Diskursanalyse in einigen Punkten unterscheidet. Für Assmann ist die Geschichte das, was von ihr in der Gegenwart erinnert wird. In Moses der Ägypter folgt der Leser einer Gedächtnisspur, die laut Assmann in der Armana-Dynastie im 14. Jahrhundert v. Chr. beginnt und sich bis in die heutige Zeit nachvollziehen lässt: Die mosaische Unterscheidung prägte und prägt die europäische Geisteswelt. Monotheistische Religionen sind auf einer Konstante aufgebaut: der "Kampf" des Guten gegen das Böse, die Ikonoklasten vs. die Idolatrie. Der Mensch steht, wenn er etwas erschafft, vor einer "creatio ex nihilo". Er erblickt das "Geschaffene" und das "Nichts". So entsteht ein dualistisches System. Für Assmann gibt es nur eine Lösung, um die mosaische Unterscheidung aufzulösen: Man muss die Religion bzw. das Gottesverständnis des alten Ägyptens finden; man muss in einer polytheistischen liberalen Einheit leben. Die Freimaurer versuchen seit dem 18. Jahrhundert, diese friedliche Gedankenspur zu vollenden.
Auf Spurensuche 5 von 5 Punkten Jan Assmann geht behutsam den Spuren nach, die hinführen zu einem verständnisvollen Annehmen unserer abendländisch-christlichen Religion, deren Ursprung wahrscheinlich ägyptischer ist als wir denken. Anhand von Forschungen - vor allem John Spencers und Ralph Cudworths aus dem 17. Jahrhundert, beide aus Cambridge, deren Arbeiten er bespricht, zieht Jan Assmann Folgerungen, die interessant sind. Innerhalb des religiösen jüdisch-christlich-islamischen Raumes gibt es Unterschiede, deren Ursprünge wissenschaftlich untersucht werden können und deren Verständnis wichtig ist für ein Miteinander in Zukunft auf dieser Erde. Nachdem in uralten Zeiten die Götterbilder vertauschbar waren, übersetzbar, wie es uns z.B. die griechisch-römische Götterwelt zeigt, entstand mit dem Aufkommen des Monotheismus (Echnaton, Moses) eine Art Gegenreligion aus dem (wissenschaftl.!) denkenden Geist des Menschen und diese Religion entfachte naturgemäß Streit (nicht nur auf geistiger Ebene)bis in die heutige Zeit, dessen Ursache wohl die Absolutheit des Gottesbildes ist. Wer sich wirklich für die Entstehung von Religion interessiert, findet in den Werken Assmanns Erklärung über dieses geistig- kulturelle Phänomen. Maimonides, Spinoza, Freud, Schiller, Thomas Mann, Richard Wagner, Hegel, Nietzsche, Hitler, all diese Figuren werden verknüpfbar in jeder Hinsicht bis hin zu Vernichtungs- und Hasstiraden gegeneinander. Moses als Echnaton (?), das Paschalamm, die Bedeutung der Hieroglyphen als übersetzbare Regeln ägyptischer-jüdischer Religionsgesetze, diese Entwicklung bis hin zu den Menschenrechten, alles wird irgendwie verständlich und ist doch so vielseitig, so daß Satz für Satz aus diesem Buch sorgfältig gelesen werden sollte. Lassen wir uns also tragen von den Forschungsergebnissen Jan Assmanns, denn seine Bücher enthalten den Sinn und das Wunderwerk menschlichen Geistes in bezug auf Religion und deren Entstehung. Und das Verständnis um absolute Geisteshaltungen, wie sie jüdische, christliche und muslimische Religion nun einmal verkörpert und auch gefährlich beinhaltet, wird uns hoffentlich das Rüstzeug für zukünftige Auseinandersetzungen geben, die aber im Geiste und nicht mit Waffen (!) ausgetragen werden müssen. Daran wird sich Verständnis des Anderen und Politik ausrichten in Zukunft und es wird dann auch vielleicht Massakerwut gezähmt werden, dieses Unheil des Nichtverstehens und Nichtverstehenwollens. |
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