Geschichte des Westens: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert

Heinrich August Winkler

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 6 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Aus dem Westen viel Neues...      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Nachdem ich im vergangenen Jahr Jürgen Osterhammels "Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts" gelesen hatte und absolut begeistert davon war, habe ich Heinrich August Winklers "Geschichte des Westens" mit Spannung erwartet. Und ich bin auch von diesem fundamentalen Werk, das sicherlich zum Standardwerk avancieren wird, vollauf begeistert. Warum? Weil es wohl keine andere derart kompakte (!) Darstellung der Entwicklungen im westlichen Kulturraum gibt. Hier hat man einfach alles beisammen - zumindest bis zum Jahr 1914. Auf den Nachfolgeband, der sich dem "kurzen 20. Jahrhundert" widmen wird, kann man schon gespannt sein.
Doch nun zum Inhalt! Wie kann man ein derart sperriges Projekt umsetzen? Wie hat Winkler es gemacht? Der Historiker setzt sich zunächst damit auseinander, wie "der Westen" definiert werden kann. In politischer und kultureller Hinsicht. Was macht den Westen aus? Was bedeutet das konkret? Wie kommt es zu dieser Definition des Westens? Auf all diese Fragen geht der Autor ein. Interessant ist z.B., dass der Westen als die transatlantische Einheit, als die sie heute begriffen wird, erst seit etwa 1890 als kulturelle und politische Einheit wahrgenommen wird. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Buch sich überwiegend dem vielzitierten "langen 19. Jahrhundert" widmet.
Aber auch die Ursprünge werden betrachtet. Und hier wird auch gleich auf den Osten verwiesen - auf Ägypten als Wiege des Monotheismus. Auch wenn der Monotheismus in Ägypten zunächst nur ein vorübergehendes Phänomen war, hat er sich doch (über die Entwicklung der mosaischen Religion) stark auf die Entwicklung des Westens ausgewirkt. Winkler geht also sehr wohl auf Einflüsse aus dem Osten ein - eine Abwertung nicht-westlicher Kulturräume kann man ihm also keineswegs unterstellen!
Der Autor geht insbesondere auf Werte ein, die die westliche Zivilisation (hier v.a. die europäischen Staaten, USA, Kanada, Australien sowie Israel) bestimmend sind.
Ausgehend von der Religion, über die Trennung von Staat und Kirche bis zu den modernen Herrschaftssystemen. Hier wird schlüssig nachvollzogen, wie der Westen zu dem geworden ist, was er ist.
Der Schwerpunkt liegt erkennbar auf dem mitteleuropäischen Raum, speziell Deutschland. Da das Buch sich aber auch an ein deutschsprachiges Publikum richtet, ist das völlig legitim. Winkler ist ja auch ein Experte für die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. sein 2000 erschienenes Werk "Der lange Weg nach Westen").
In meinen Augen ist die "Geschichte des Westens" eine ungeheuer bereichernde Lektüre, die es dem Leser ermöglicht, sich über viele Dinge klar zu werden, die man in unserem Kulturraum als selbstverständlich hinnimmt. Eine sehr dichte und gehaltvolle Darstellung, für die man sich etwas mehr Zeit nehmen sollte.
Besonders hervorzuheben sind die ausführlichen Register am Ende des Buches. Hier kann man vieles nochmals rasch nachschlagen, denn aufgrund des enormen Umfanges kann es schon mal vorkommen, dass man das ein oder andere Detail vergisst...


Die Entstehung des Westens      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Es ist ein monumentales Projekt an das sich Heinrich August Winkler mit seiner "Geschichte des Westens" herangewagt hat. Zu groß und unfassbar erscheint das Themengebiet, als dass sich Kürzungen vermeiden ließen. Und so ist es dann auch, denn als Kristallisationspunkt für die Entstehung des Westens ist es das lange 19. Jahrhundert (1789-1914) dem Winkler mit 900 Seiten den größten Raum zugesteht. Demgegenüber wird der Zeitabschnitt von der Antike bis in die Renaissance innerhalb von 100 Seiten abgerissen und ist kaum mehr als eine Einführung, an deren Beginn Winkler die für den Westen prägende Entstehung und Verbreitung des Monotheismus stellt. So kommt es dass die Geschichte des Westens im Ägypten Pharao Echnatons beginnt, dessen Vorstoß zur Bildung des Monotheismus möglicherweise zur Entstehung des Judentums beigetragen hat. Ein notwendiger Ansatz, ist doch die christlich-jüdische Religion auch in Winklers Darstellung das Fundament der westlichen Zivilisation.

Der Westen ist nach Winkler kein geografisch definierter Raum sondern eine Zivilisation mit allem was dazu gehört. Ohne mit großen Worten darauf hin zu weisen erspart sich Winkler damit einen mühsamen Diskurs darum, um zu definieren was "der Westen" ist, indem er ihn noch über die Religion mit dem Herrschaftsgebiet des lateinischen Christentums gleichsetzt. Heute wären das große Teile Europas, Nordamerika, Australien, Neuseeland und als Ableger eben auch Israel. Dieser durchaus gelungene Ansatz einer Darstellung des Westens als multipolare Einheit stützt sich im vorliegenden Buch natürlich sehr stark auf die Geschichte des 19. Jahrhunderts, in welchem sich die "westliche Identität" herauszubilden begann. Dieser Selbstfindungsprozess ist es von dem die "Geschichte des Westens" primär erzählt und dem auch die sehr umfassende kulturgeschichtlichen Ausflüge geschuldet sind. So wird nicht nur ein weitreichender Einblick in die politische Geschichte des Westens gewährt, sondern auch in Werk und Leben bestimmter Geistesgrößen wie Niccolo Macchiavelli, John Locke, Jean-Jacques Rousseau und ihresgleichen.

Dabei ist eine der großen Stärken von Winklers Werk eindeutig die inhaltliche Weite, welche sich mit dem Aufstieg Preußens genauso intensiv auseinandersetzt wie der Französischen Revolution oder dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die "mitteleuropäische Perspektive" tritt dabei begrüßenswerterweise in den Hintergrund, lässt sich aber wohl an einigen Stellen doch noch erkennen, wo britische, amerikanische, französische oder spanische Autoren eben einen anderen Schwerpunkt gesetzt hätten. Aber die "Geschichte des Westens" richtet sich dann eben doch noch an hauptsächlich deutschsprachiges und mitteleuropäisches Publikum, was im geplanten zweiten Band über das 20. Jahrhundert womöglich umso mehr zum Tragen kommen könnte. Dennoch kein Makel, unternimmt Winkler ja den Versuch seinen Lesern eine möglichst breite Perspektive zu vermitteln und das gelingt ihm sehrwohl. Manch tote Winkel nehme ich zumindest dafür gerne in Kauf.

Zudem ist die "Geschichte des Westens" ein sehr gut gestrafftes Werk, das sich in keinem Kapitel wirklich verliert und zielstrebig ein größeres Ganzes vermittelt. Dass das nicht ohne gewisse Abstriche möglich ist sollte dem Leser bewusst sein, ehe man sich auf dieses doch sehr anspruchsvolle Werk stürzt. Der Umfang ist schlichtweg erstaunlich.

Fazit:
Unterm Strich ein äußerst umfassendes Werk das seinem Anspruch durchaus gerecht wird, wenngleich man wissen sollte dass der Fokus eindeutig auf dem sehr langen 19. Jahrhundert liegt und vielfach auch kulturgeschichtliche Ausflüge unternommen werden.

Winkler hat weder Ahnung noch Interesse      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
Mit hochtrabender Sprache (d.h. für unkritische Geister "schön zu lesen") begründet Winkler, warum »im Westen und nur im Westen« Gewaltenteilung, Herrschaft des Rechts und Menschenrechte erfunden worden seien, wobei er Monotheismus, Christentum, mittelalterlicher Trennung von Pabst- und Kaisermacht und insbesondere den USA hierbei heilsbringend-notwendige Erfinderrollen zuschreibt.

Nur wüsste Winkler, wenn er wenigstens ein paar seiner Kollegen nicht komplett ignoriert hätte (oder gar tatsächlich eigene Forschungen angestellt, z.B. einfach mal in Google oder Wikipedia geschaut hätte ...), dass das alles kompletter Nonsens ist. Denn es gab und gibt auch außerhalb "des Westens" und völlig unbeeinflusst von diesem sowie von Monotheismus, ... jede Menge - auch weit ältere - Beispiele für Geweltenteilung, Rechtsherrschaft, komplexe demokratische Strukturen und Verfassungen mit Menschenrechtskatalogen, von denen umgekehrt sogar "der Westen" - namentlich die Gründer der USA - bekannter- und erklärtermaßen gelernt und abgeschaut haben.

Viele, viele schlau klingende Seiten, nur leider inhaltlich in Gänze purer Blödsinn.

Geschichtskunst.      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein reiner Lesegenuss, auf den zweiten Teil freue ich mich, die Vorfreude wird sicher bis 2012 reichen.

Faszinierende Geschichte eines unvollendeten normativen Projekts      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Heinrich August Winkler gehört zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Einer breiteren Schicht der interessierten Öffentlichkeit wurde er im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung seines monumentalen Werkes Der lange Weg nach Westen bekannt, in welchem er die Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhunderts unter der Fragestellung behandelt, ob es ihn denn nun gegeben habe, den so oft zitierten deutschen "Sonderweg". In diesem Zusammenhang weist Winkler darauf hin, dass die Geschichte Deutschlands von drei Prämissen geprägt worden ist, die sie von allen anderen europäischen Ländern unterscheidet: Die Tradition des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert sowie der Dualismus zwischen Preußen und Österreich ab Mitte des 18. Jahrhunderts (vgl. Der lange Weg nach Westen, S. 5). Im lange erwarteten ersten Teil seines Buches "Geschichte des Westens" wendet sich Winkler von dieser spezifisch deutschen Perspektive ab und beschäftigt sich mit der Frage, was der "Westen" überhaupt ist, wer zu ihm gehört und, am wichtigsten, was die normativen Maßstäbe angesichts seiner Geschichte sind oder zumindestens sein sollten.

In Rahmen der Einleitung formuliert Winkler, seit wann es das "Projekt des Westens" überhaupt erst gebe: "Seit den beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, war das Projekt des Westens im wesentlichen ausformuliert. Der Westen hatte einen Maßstab, an dem er sich messen konnte - und messen lassen mußte" (21). Für Winkler bezeichnet der Begriff "Westen" also keine geografische sondern eine normative Gemeinschaft, welche sich gemeinsamen Werten und Maßstäben verpflichtet fühlt. Zu dieser Gemeinschaft zählen die Staaten Europas, die USA, Kanada, Australien und Israel.

Der nun vorliegende erste Teil der Darstellung (der zweite Teil soll 2012 erscheinen) behandelt den Zeitraum von der Antike bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Als Ausgangspunkt des normativen Projekts des Westens bestimmt Winkler die Entstehung des Monotheismus im Allgemeinen sowie des Christentums im Besonderen und weist hier vor allem hin auf das "revolutionäre[.] Potential" (33), welches das Christentum aufgrund seines Gedankens der Gleichheit vor dem Hintergrund des Römischen Reiches gehabt habe. Von hier aus stellt Winkler die wesentlichen Entwicklungslinien des Westens dar und wie sie zu dessen normativen Projekt beigetragen haben. Dabei liegt der Fokus erkennbar auf Deutschland, Frankreich, den USA und Großbritannien. Kritiker werfen Winkler daher vor, die Staaten Skandinaviens oder Osteuropas vernachlässigt zu haben. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass Winkler zur Beantwortung seiner Leitfrage unmöglich eine Universalgeschichte aller europäischen Staaten schreiben konnte, sondern sich exemplarisch auf die zentralen Entwicklungslinien, die maßgeblich zur Entstehung des normativen Projekts des Westens beigetragen haben, konzentrieren musste. Alles andere hätte den Maßstab einer Darstellung in Buchform gesprengt. Selbiges gilt für den Vorwurf, Winkler vernachlässige die Kulturgeschichte und konzentriere sich auf das Politische. Das ist korrekt, jedoch wiederum mit Blick auf die Problemstellung der Leitfrage verständlich. Für alle an der Kulturgeschichte Europas Interessierten, ist immer noch Egon Fridells Kulturgeschichte der Neuzeit uneingeschränkt zu empfehlen, welches auch 90 Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Winkler unterteilt seine "Geschichte des Westens" in vier an der Chronologie orientierten Hauptkapitel, in denen der klar strukturiert die für seine Fragestellung wichtigen Aspekte behandelt. Dabei ist es vor allem Winklers Fähigkeit, komplexe Sachverhalte gut lesbar und präzise auf den Punkt zu bringen, die seine Bücher zu einem gewinnbringenden Lesevergnügen gestalten. Ebenso sorgt die sinnvolle Unterteilung in zahlreiche Unterkapitel dafür, dass der Leser von den gut 1400 Seiten nicht erschlagen wird, sondern sich gezielt einzelne Themengebiete heraussuchen kann.

"Der Anspruch der unveräußerlichen Menschenrechte aber bleibt ein universaler, und solange sie nicht weltweit gelten, ist das normative Projekt des Westens unvollendet" (24). Der Maßstab des Westens, unser Maßstab, wurde formuliert in zwei Dokumenten 1776 und 1789 und sollte unser Denken und Handeln noch heute leiten. Doch wie lässt sich dieses Projekt am wirksamsten in der Welt verbreiten? Winklers Antwort hierauf sollte man an die Wände der Büros sämtlicher westlichen Staatschefs hängen: "Der Westen kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war" (ebd.).

Fazit: Monumental, gewinnbringend und von brennender Aktualität. Wer sind war, was macht uns aus, auf Grundlage welcher normativen Maßstäbe handeln wir? In der "Geschichte des Westens" geht Winkler diesen Fragen nach und liefert klare, fundierte und (selbst)-kritische Antworten. Auf den zweiten Teil kann man sich nur freuen.

Das lange 19. Jahrhundert      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Winklers voluminöses Buch ist eigentlich keine 'Geschichte des Westens', sondern eine des langen 19. Jahrhunderts. Rund 1100 Seiten behandeln die westliche Geschichte von 1789 bis 1914; so erscheint die Zeit seit der griechischen Antike - auf etwa 300 Seiten komprimiert - als Vorgeschichte des 19. Jahrhunderts. Natürlich schildert Winkler minutiös die ganzen Haupt- und Staatsaktionen der damaligen Zeit und die dahinter liegenden Motive, wobei ein Schwerpunkt auf der Entwicklung des Wahlrechts, des Republikanismus und der Demokratie liegt. Ihm gelingt so ein plastisches, umfängliches und durchaus nicht unkritisches Bild der Chancen und Möglichkeiten, der Protagonisten der Entwicklung und ihrer Grenzen (so macht er Alexis de Tocqueville als vehementen Verfechter der gewaltsamen Kolonisierung Algeriens kenntlich). Die sozialen Veränderungen werden kurz, aber prägnant benannt und in ihren Auswirkungen auf die Politik dargestellt. Es versteht sich von selbst, daß Winkler die Schattenseiten des 19. Jahrhunderts von der brutalen Unterdrückung von Minderheiten über die barbarische Kongo-Politik bis zur imperialistischen Ausdehnung der USA detailliert beschreibt.

Die 'Vorgeschichte' konzentriert sich auf wesentliche Entwicklungen, z.B. auf die folgenreiche Trennung von Kirche und Staat, die später erst demokratische Tendenzen ermöglichte. Die großen Antipoden der westlichen Entwicklung Europas, der russische Zarismus und das Osmanische Reich, werden leider nicht differenziert behandelt (aber dann hätte das Buch noch 500 Seiten mehr und könnte noch nicht einmal als Briefbeschwerer nützen). Dass Winkler ein sehr eloquenter Schriftsteller ist, muss ich nicht hervorheben - seine erhellenden Ausführungen lassen sich häufig mit Genuß lesen.

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