Der Weg zur Einheit
Richard von Weizsäcker
Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 5.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 14 Bewertungen)
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):
Mehr als nur ein Zeitzeugenbericht 4 von 5.00 Punkten
Verfasser Freilich, als Österreicher kann ich nicht adäquat beurteilen wie die Person Richard von Weizsäcker zu beurteilen ist und inwieweit er Neues zur deutschen Geschichtsschreibung beitragen kann oder ob er weitgehend Bekanntes zumindest originell darzustellen vermag, aber für mich ist "Der Weg zur Einheit" das interessante Werk eines bedeutenden Zeitzeugen, das mich auch zu fesseln verstand. Insofern eine aus meiner Sicht durchaus empfehlenswerte Lektüre.
Unabhängig von meiner Unkenntnis lässt sich zu Weizsäckers Buch allerdings feststellen dass es als autobiografisch gefärbter Rückblick auf die Deutsche Wiedervereinigung einen hohen Wert besitzt. Greift doch schließlich eine der staatstragenden Persönlichkeitn dieser Ära zur Feder und gibt nicht nur viel über das ganz persönliche Verhältnis zur Wiedervereinigung preis, sondern bietet auch einen geschichtlichen Rückblick. Zu Gute halten möchte ich hierbei dass Weizsäcker das Buch selbst geschrieben haben dürfte, was man sich in heutigen Zeiten etwa von österreichischen (Ex-)Politikern kaum noch zu erwarten traut. Findet sich kein einstiger Mitarbeiter bereit einstige Reden und Artikel des Chefs zusammenzufassen und zu einem Buch zusammengestoppelt abzuliefern, so keimt doch bei dem einen oder anderen Journalisten die Idee auf. Wort für Wort äußern sich nur noch die wenigsten selbst, ist es doch viel bequemer und unverfänglicher sich auf Interviews zu beschränken (die man später widerrufen und aus dem Zusammenhang gerissen bezeichnen kann). Das hat Richard von Weizsäcker vermieden und herausgekommen ist ein tatsächlich auch spannender Bericht, wie man ihn sich nur wünschen kann. Das Buch hätte in Hinsicht darauf auch länger sein dürfen.
Fazit:
Nicht nur irgendein Zeitzeugenbericht, sondern der eines Mannes der die Geschichte im höchsten Amt des Staats mitgeprägt hat und anlässlich des Jubiläums 20 Jahre Mauerfall spannend und informativ über die lange Geschichte der Wiedervereinigung zu berichten weiß.
Der Weg zur Einheit, Weizsäcker 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Das Buch ist sachlich, kritisch mit sehr gutem Hintergrundwissen geschrieben, für die deutsche Nachkriegsgeschichte sehr zu empfehlen
Der Weg zur Freiheit, aus der Sicht eines Bundesbürgers 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Herr Weizsäcker ist ein ehemaliger Bundespräsident und hochdekorierter und hoch dotierter Politiker.
Seine Einschätzungen zu diesem thema sind sicherlich, aus seiner Sicht, wichtíg und schildern seine Erfahrungen wieder und seine
Erlebnisse in dieser Zeit.
Trotzdem muss ich sagen, das auch Herr Weizsäcker nicht die meinung derjenigen vertritt oder hat, die 40 Jahre in diesem
"fast Gefängnis" leben mußten.
Natürlich haben auch wir gelebt, und manche nicht schlecht, aber immer nur die haben gut gelebt die entweder mit der Partei gemeinsame Sache gemacht haben oder die auf andere Art und Weise sich Vorteile wie auch immer verschafft haben.
Eines bleibt un umstritten : Ein "Alt Bundesbürger", also einer der in den alten Bundesländern groß geworden ist, sollte es tunlichst unterlassen eine Einschätzung über das Leben der DDR abzugeben.
Das trifft für alle zu.
Das Buch ist sonst eine wichtige Bereicherung der Deutschen Geschichte und Literatur.
Gelebte Geschichte 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Richard von Weizsäcker ist noch ein Staatsmann von Format. Er hat viele historische Ereignisse, die die europäische Geschichte im 20. Jahrhundert prägten, selbst miterlebt und oft auch einen Beitrag dazu geleistet.
Im vorliegenden Buch setzt er sich mit verschiedenen Ereignissen und Entwicklungen auseinander, die Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert verändert haben. Er erzählt spannend und lebendig und bietet damit das, was gerade für junge Leute interessant wäre: Gelebte Geschichte, die kein bisschen trocken, sondern durch und durch interessant ist.
Ich mag Weizsäckers Stil sehr gerne. Er strahlt eine Ruhe und Solidität aus, die bei den Staatsmännern und -frauen von heute leider nicht mehr einfach vorausgesetzt werden kann - leider! Man merkt, dass er ein leidenschaflicher Verfechter des Friedens und der Freiheit ist. Er setzt auf Werte, die eine Gesellschaft stabilisieren können und eigentlich auch müssten. Und er hat niemals die Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber gescheut - selbst wenn die Situation zunächst problematisch erschien. So fand ich es z.B. ausgesprochen spannend zu lesen, wie er 1973 mit einer fünfköpfigen Delegation in der Sowjetunion (im damaligen Leningrad) war und es schaffte offen über seine Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg zu sprechen - er war südöstlich von Leningrad stationiert. Als einer der Russen ebenfalls von seinen Erinnerungen berichtet, kommt heraus, dass die beiden sich am gleichen Frontabschnitt gegenübergestanden haben müssen. Weizsäcker kann solche Geschichten in aller Bescheidenheit und gerade deshalb eindrucksvoll erzählen.
Das Buch ist gerade für junge Menschen (ich bin noch keine 30 Jahre alt) spannend und zutiefst beeindruckend.
Ich habe das Buch innerhalb von einem Tag ausgelesen und muss sagen: Ich ziehe meine Hut vor diesem Mann!
Unbedingt lesen und jungen Leuten schenken, damit sie etwas über das 20. Jahrhundert lernen.
Weizsäckers geniale geschichtliche Sicht auf die erste deutsche Erfolgs-Demokratie 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Richard von Weizsäcker, nicht nur ein hoch geachteter Bundespräsident der ehemaligen kleineren Bundesrepublik Deutschland, ist nach wie vor eine der herausragenden Lichtgestalten der deutschen Nachkriegspolitik. Er gehört - wenn es in Deutschland kein negativer Ausdruck wäre, müsste man sagen: zum intellektuell-politischen Establisment dieser Republik, und das beweist und das zeigt er einmal mehr in seinem neuen Buch mit dem Titel "Der Weg zur Einheit".
Sein geschichtlicher Abriss, den er im Vorübergehen als eine auf das Jahr 1989 bezogene Geschichte fokussiert darstellt, zeigt, wie die deutsche Einheit von den Deutschen selbst errungen wurde, als ein Novum, da es davor so oft schief ging und die feudalen oder totalitären Kräfte im Land immer wieder ihre Restauration zu einer geschlossenen, obrigkeitstaatlichen Gemeinschaft durchsetzen konnten.
Weizsäcker zeigt uns in seinem Buch, dass gerade das Hambacher Fest des Jahres 1832, dass insbesondere die verfassungsgebende Versammlung in der Frankfurter Paulskirche des Jahres 1848 zu hoch bedeutenden Gründungsmotiven der ersten Erfolgsrepublik in Deutschland geworden sind. Er zeigt, wie sehr diese uns so fern scheinenden Ereignisse die eigentlichen Voraussetzungen unseres Strebens nach Einheit geblieben sind, die wir in scheinbar so großer geschichtlicher Ferne des Jahres 1989 erst wirklich erringen haben.
Ich bin sicher, dass die Fakten, die Weizsäcker in seinem Buch ausbreitet, die Linien der deutschen Geschichte, die er aufzeigt, erst in zukünftigen Jahren in ihrer ganzen Dimension und Bedeutung erkannt werden. Und er und sein Buch werden jenes so genannte fachkundige Feuilleton Lügen strafen, die sein Buch als ein unbedeutendes Sammelsurium bekannter Fakten und Ereignisse abgestempelt haben, als Buch, das seit vielen Jahren Altbekanntes unter diplomatischer Zurückhaltung eines Elder Statesman nur erneut memoriert.
Ich halte vielmehr dieses Buch Weizsäckers für einen wichtigen Beitrag, vielleicht sein Testament zur deutschen Geschichte und Einheit, als eines, das zeigt, was an der deutschen Einheit wirklich wichtig gewesen ist und bleiben wird. Daher hat dieses Buch ohne jeden Zweifel fünf Sterne verdient.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend (Weltliteratur oder Tendenz zu Weltliteratur); 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.
Gutes Buch eines großen Mannes 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Nicht selbst gelesen, sondern einem politisch interessierten älteren Herrn geschenkt.
Dieser hatte nur gutes über Buch und Autor zu berichten. Der FAZ-Empfehlungsliste sei Dank.
Erstaunlich frische Erinnerungen 4 von 5.00 Punkten
Verfasser Genau rechtzeitig zum Jahrestag kam dieses Buch und es ist gut geschrieben, fasst nocheinmal zusammen, was wichtig war für die Einigung Deutschlands und dazu in einem Stil, der bewundernswert ist, bekommen wir Leser auch noch einen historischen Überblick fast der letzten 200 Jahre deutscher Geschichte geliefert.
Nebenbei gesagt, ist der Mann für deutsche "Gechichte" wohl ein anderer und er hätte in diesem Buch wohl mehr gerühmt werden können, aber wir wissen es, sie waren sich nicht immer grün.
Ja, Helmut Kohl ist einer der Väter der Vereinigung neben Brandt und Bahr, das ist so.
Doch, wer und was unsere Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten veranlasst, verursacht hat, das können wir uns gut vorstellen.
Neben der gewaltigen Rüstung und Nachrüstung beider Teile der damaligen aufgeteilten Welt, die den einen der beiden Partner dazu zwang, aufzugeben, ist es heute angebracht, auch und insbesondere an die Zukunft zu denken.
Und da haben wir in der russischen Föderation einen Partner, dem es zu danken gilt (neben Ronald Reagan und den vereinigten Staaten, das ist klar) und mit dem wir Zukunft gestalten könnten.
Das fehlt mir überhaupt in diesem Buch, also der Ausblick auf die Zukunft, der in diesem Buch nämlich recht dürftig vorhanden, wenn ich nicht irre.
Nur der derzeitige "status quo" hilft uns ja nicht weiter.
Trotzdem, es ist ein gutes Buch und nur die Einsicht auf eigenes Fehldenken oder gar Fehlverhalten etwa ist noch nicht zu finden. So kann man meines Erachtens nicht (und zwar mit keinem Wort!) die damalige Zeit des Nationalsozialismus der Eigenverantwortlichkeit entziehen. Schließlich haben unsere Väter und Großväter das alles eingebrockt, was später gottseidank einigermaßen, aber nicht vollständig wieder hergestellt werden konnte.
Das gilt es auch zu bedenken, wenn man dieses Buch liest.
Alle Achtung vor dem Wirken des honorigen Autors in der Nachkriegszeit, besonders als Präsident unserer Bundesrepublik, da steht noch eine Entschuldigung oder Klarstellung aus, die den Angriffskrieg bereuen mag und evtl. auch einiges aus der Zeit bei Boehringer. Der Vietnamkrieg wurde schließlich auf bestialische Art geführt (wie übrigens alle Kriege) und das vergessen wir Leser nicht so schnell.
Danke für diese Zusammenfassung des guten Willens in einem gelungenen Buch, einige Dinge aber stehen noch aus bevor man Schluss zieht.
Es stimmt, was Wolfgang Neuss sagte, er sei nicht so gut, wie er tut.
"Es war eine Revolution der Freiheit" (193). 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Jahrestage haben die Angewohnheit, bestimmte Persönlichkeiten oder historische Ereignisse wieder in das Bewusstsein eines Großteils der Bevölkerung zu rücken. Und da sich in diesem Jahr nunmehr zum zwanzigsten Mal der Fall der Mauer nähert, befinden sich zurzeit jede Menge Bücher auf dem Markt, die verschiedene Aspekte bezüglich des Untergangs der DDR beleuchten. In einem dieser Beiträge schildert Richard von Weizsäcker, zwischen 1981 und 1984 Oberbürgermeister von Berlin und anschließend bis 1994 Bundespräsident unseres Landes, die Ereignisse und versucht dabei, die globale Entwicklung mit seiner persönlichen Sicht der Dinge zu vereinen: "Dieses Buch ist kein Geschichtsbuch. Aber es ist ein mit persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen angereichertes Buch, in dem die Geschichte eine zentrale Rolle spielt" (7).
Der Fokus von "Der Weg zur Einheit" liegt auf der knappen Darstellung der historisch-politischen Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die zur Gründung der beiden deutschen Staaten und schließlich zur Wiedervereinigung führten. Marshallplan, Stalin-Note, Mauerbau, die neue Ostpolitik Willy Brandts, Helsinki 1975, Gorbatschow sowie die Entwicklungen in den letzten Wochen der DDR werden jeweils sehr kurz aber präzise erläutert und in den Gesamtkontext eingeordnet. Besonders überzeugend sind die Kapitel gegen Ende der Darstellung, in denen von Weizsäcker den Fall der Mauer in die Geschichte der deutschen Nation der vergangenen 200 Jahre einordnet, die sich unter anderem unter der Problemstellung "Einheit und/oder Freiheit?" betrachten lässt. Die Revolution von 1848 konnte keinen dieser beiden Aspekte erfüllen. 1871 wurde mit der Reichsgründung Bismarcks Deutschlands Einheit erfüllt, aber es war eine Einheit auf Kosten der Freiheit. 1948/49 konnte Freiheit nur auf Kosten der Einheit, und auch nur in einem Teil Deutschlands, erreicht werden. Erst durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten konnte das Doppelziel von Einheit und Freiheit erfüllt werden. Daher stellte von Weizsäcker diesen Punkt auch an den Beginn seiner Rede zum 3. Oktober 1990, die am Ende des Buches komplett abgedruckt ist: "In der Präambel unserer Verfassung, wie sie nun für alle Deutschen gilt, ist das Entscheidende gesagt, was uns am heutigen Tag bewegt: In freier Selbstbestimmung vollenden wir die Einheit und Freiheit Deutschlands" (197).
Wie Richard von Weizsäcker im Vorwort herausstellt, handelt es sich bei seiner Darstellung nicht um einen um Objektivität bemühten Tatsachenbericht eines Historikers. Vielmehr beschreibt er als Person, die in weiten Teilen selbst an den politischen Prozessen beteiligt war und hält an manchen Stellen auch mit seiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berg. Vor allem bezüglich der von Helmut Kohl lancierten Währungsreform bezieht er klar Stellung zugunsten des Altkanzlers, dem oftmals vorgeworfen wurde und wird, die Währungsumstellung aus wahltaktischen Gründen wider die wirtschaftliche Vernunft umgesetzt zu haben. Zu den prominentesten Kritikern dieser Entscheidung gehört weiterhin Altkanzler Helmut Schmidt. Aus politischen Gründen jedoch, so von Weizsäcker, sei Kohls Politik alternativlos gewesen. Dazu zitiert der auch Richard Schröder, den SPD-Fraktionsvorsitzenden in der Volkskammer der DDR: "Lieber mit einer ruinierten Wirtschaft in die Einheit als mit einer fast ruinierten weiter im Sowjetblock" (107). Auch wenn man seine Ansichten nicht unbedingt teilen muss, tragen diese persönlichen Anmerkungen sicherlich zur Lesbarkeit des Buches bei.
Fazit: Spannende und sehr gut zu lesende Darstellung über Geschichte und Bedeutung der Vereinigung beider deutscher Staaten für Deutschland, Europa und den Rest der Welt. Richard von Weizsäckers Leitmotiv ist die Frage nach Einheit und Freiheit, welche eines der wichtigsten Aspekte der Geschichte Deutschlands in den vergangenen 200 Jahren darstellt. Allen Lesern, die sich intensiver mit dieser Fragestellung auseinandersetzen möchten, sei die mittlerweile bereits klassisch zu nennende Darstellung Der lange Weg nach Westen. des Historikers Heinrich August Winkler empfohlen, auf den auch von Weizäcker sich in Teilen seines Buches stützt.
"Gute Zukunft braucht klare Erinnerung" - ein ganz herausragender Beitrag 20 Jahre nach dem Mauerfall 5 von 5.00 Punkten
Verfasser In diesem Jahr jährt es sich zum zwanzigsten Mal, dass nach dem Fall der Mauer in Berlin der Weg zur deutschen Einheit frei geworden ist, die dann am 3. Oktober 1990 auch entsprechend vollzogen wurde. Der 9.11.1989 war aber nicht nur für Deutschland ein wichtiger Einschnitt in seiner Geschichte, sondern dieses Datum besiegelte auch das Ende des Kalten Kriegs in Europa.
Richard von Weizsäcker, der damals amtierender Bundespräsident war und schon in seiner Rede im Mai 1985 zum 40.Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges die wesentlichen intellektuellen und politischen Vorgaben gemacht und Grundlagen gelegt hatte für das, was auch er nicht so schnell erhofft hatte, legt in diesem Buch eine sehr persönlich geprägte Bilanz vor seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der deutschen Frage.
Und so beginnt er seinen in 30 Kapiteln gefassten Essay mit der Ausgangslage, in der das zerstörte und besiegte Deutschland sich 1945 befand. Er zeichnet die unterschiedlichen Wege auf, die die beiden Teile Deutschlands nahmen, schildert die Auseinandersetzungen um die deutsche Frage in der Adenauerzeit und die schmerzhafte Zäsur durch den Mauerbau 1961.
An den sich dann anschließenden Bemühungen um die Formulierung einer neuen Außenpolitik, einer Annäherung an Polen und einer Entspannungspolitik bis hin zu der Gipfelkonferenz von Helsinki 1975 hat Richard von Weizsäcker immer regen politischen und intellektuellen Anteil genommen.
Natürlich nimmt sein gut lesbarer und auf höchstem sprachlichen Niveau stehender historischer Essay auch ausführlich Bezug auf die Monate, die dem Mauerfall vorausgingen und würdigt in diesem Zusammenhang besonders die Rolle und die Leistung von Michail Gorbatschow.
Doch Richard von Weizsäcker gibt sich mit dieser Schilderung nicht zufrieden. Er beschreibt im letzten Drittel des Buches den Weg zur inneren Einheit bis 2009, die Probleme durch die langen Schatten der Staatssicherheit und verfolgt noch einmal den Weg der deutschen Nation. Zwar hält er Nationalismen für Irrwege, kann aber doch der Idee der Nation auch in einem zusammenwachsenden Europa viel abgewinnen, und er zeigt sich als überzeugter Anhänger der europäischen Idee. Diesem Europa schreibt er in einer globalisierten Welt wichtige Aufgaben zu, die es nur bewältigen kann, wenn sein innerer Prozess zur Einheit immer weiter sich verbessert.
Zusammenfassend bilanziert er und schaut nach vorne:
"Unsere Wiedervereinigung als Nation und Staat erfüllt uns immer von Neuem mit Freude und Dank. Doch gehen Aufgaben und Verantwortung weiter. Unser Weg zur inneren Einheit schreitet voran. Um ihr Gelingen ringen wir jeden Tag. Zuweilen wird uns dabei auch künftig helfen: der Austausch unserer persönlichen Erlebnisse und der Blick auf unsere lange gemeinsame Geschichte in Deutschland und Europa. Gute Zukunft braucht klare Erinnerung."
Das vorliegende Buch leistet dazu einen wichtigen und herausragenden Beitrag.
Zum Glück gibt es Weizsäcker 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Den Rezensionen von Detlef Rüsch, C. Borries und Dietrich Marquardt erlaube ich mir nur deshalb, eine weitere hinzufügen, weil ich als Schweizer eine Aussensicht einnehme. Denn inhaltlich haben meine Rezensentenkollegen das Wichtigste bereits gesagt. Richard von Weizsäcker ist für viele Schweizer zu einer moralischen Instanz Deutschlands geworden und prägt damit das Bild mit, das wir von unserem Nachbarn haben. Natürlich im positiven Sinn. Wenn der Mann mit den schneeweißen Haaren nun seine Sicht der Wiedervereinigung beschreibt, hat das also Gewicht. Vor allem nach einigen unliebsamen kommunikativen Vorkommnissen im Vorfeld der Wahlen.
Richard von Weizsäcker gilt als einer der großen Staatsmänner, denen das Volk auch kleine Misstritte verzeiht und sogar bereit ist, das Herausheben eigener Verdienste zu akzeptieren. Über Verirrungen während der dunklen Jahre Deutschlands und nachträgliche Geschichtsklitterung zu urteilen, steht Außenstehenden ohnehin kaum zu. Mir hat die Mischung zwischen persönlichen Erlebnissen und historischen Begebenheiten sehr gut gefallen. Denn nur in dieser Zwischenzone dringt das durch, was der Wirklichkeit wenigsten ein wenig nahe kommt. Da ich gute Freunde hatte, die ich in früheren Jahren in der DDR besuchte und meine Großmutter in Leipzig aufgewachsen war, wäre ich am Tag der Mauerfalls am liebsten nach Berlin gereist, was leider nicht möglich war. Umso stärker verfolgte ich dann das Geschehen der gegenseitigen Annäherungen. Aber bald hatte ich das Gefühl, dass es mit der Gegenseitigkeit nicht weit her ist. Warum außer einigen Kultprodukten und Ampelmännchen von der ehemaligen DDR nicht viel übrig blieb, ist seit einigen Jahren Forschungsgegenstand von Soziologen und interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlern. Obwohl ich es nicht erwartet habe, dass Richard von Weizsäcker auf solche Ergebnisse näher eingeht, war ich über diese Lücke trotzdem ein bisschen enttäuscht. Denn solange gewisse Tabus nicht angetastet werden, wirken sie unterschwellig weiter und bestimmen eben auch, wie die Geschichte weitergeht. Obwohl von der Größe und der geschichtlichen Einbettung her überhaupt nicht vergleichbar, gibt es in der Schweiz ebenfalls Probleme mit der Akzeptanz des Andersartigen. Aber auch uns Schweizern fällt oft nichts Gescheiteres ein, als Integration mit dem Sprechen von Ausgleichszahlungen zu lösen, wie das Beispiel unseres Kantons Jura zeigt.
Mein Fazit: Mit Richard von Weizsäcker näher an historischen Ereignissen dabei sein zu können, hat die Lektüre der 200 Seiten vorangetrieben. Viele Aspekte waren mir bekannt, viel Neues kam hinzu. Nach allen Enttäuschungen, die uns so genannt ehrenwerte Leute in den letzten Jahren beschert haben, tut es gut, die persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen eines deutschen Bundespräsidenten zu lesen, der so sehr als moralische Instanz gilt, dass es erschütternd wäre, würde man wider Erwarten auch in seinem Keller eine Leiche finden. Ich glaube und hoffe, dass dies nicht der Fall sein wird.