Mythos Weimar: Zwischen Geist und Macht

Peter Merseburger

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Macht und Geist als Zwiespalt des deutschen Bewusstseins      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Peter Merseburger, einst Korrespondent des Spiegels, Chefredakteur des NDR, ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington hat in diesem wissenschaftlich fundierten kulturhistorischen Werk den großartigen Versuch unternommen, die Wege und Irrwege der deutschen Politik, der deutschen Mentalität und des deutschen Bewusstseins in der Historie der kleinen Provinzstadt Weimar in Thüringen zu spiegeln. Ein gewagtes Unterfangen, dem man nach der Lektüre allerdings ohne jegliche Abstriche konzedieren muss: Es ist ihm vollauf gelungen!
Tatsächlich, so erscheint es dem Leser, präsentiert sich in der Geistesgeschichte Weimars in nuce das gesamte Spannungsfeld deutscher Gesellschaft und Mentalität.
Der Grundstein zu dem spezifisch deutschen Spagat zwischen Obrigkeit und Innerlichkeit, zwischen Macht und Geist, zwischen Politik und Individuum wird bereits in der Anfangsphase der Stadt zur Zeit der Renaissance gelegt. Mit Lucas Cranach als Maler, mit Bach als Musiker, der im 17. Jahrhundert zur Zeit des Barock in Weimar einige Wochen im Gefängnis einsaß, um aus seinem Vertrag beim Fürsten herauszukommen und freilich mit Luther, der in Weimar aus dem nahen Wittenberg kommend einige Predigten hielt, wurde Weimar schon früh zu einem Zentrum des protestantischen Glaubens. Luthers Trennung von Geistlichem und Weltlichem markiert den Bruch zwischen Innerlichkeit und Öffentlichkeit, der sich schließlich zu der für Deutschland so typischen Kluft zwischen Macht und Geist weiten wird. Die Grundlage hierfür wird also bereits durch Luthers Einfluss gelegt und später durch die Bildungskonzepte Humboldts, Schillers und Goethes in Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution untermauert.
Zunächst aber ist es für die weitere Entwicklung Weimars von Bedeutung, dass die junge Herzogin Anna Amalia, die von Braunschweig in den Hof eingeheiratet hat, den späteren Goethe-Freund Herzog Carl August gebar und dann im jungen Alter von 21 Jahren bereits Witwe wurde, sich jeglicher Bevormundung durch den Hof widersetzte und stattdessen den damaligen führenden Literaten Wieland als Erzieher ihres Sohnes an den Weimarer Hof holte. Heute interessiert sich für die Literatur Christoph Martin Wieland nur noch die Literaturwissenschaft. Damals war er aber mit seinen riesigen satirischen Romanen und aufklärerischen Schriften der führende Literat Deutschlands. Sein Ruf trug mit dazu bei, dass in seiner Folge auch andere große Namen kamen. Goethe erreicht Weimar am 7. November 1775. Seine frühe Freundschaft mit dem 10 Jahre jüngeren Carl August ist legendär und anekdotenreich. Bedeutend für die Entwicklung jener spezifisch deutschen Geisteshaltung in Bezug auf Politik und Obrigkeit wird aber natürlich die Freundschaft mit Schiller ab 1794. Im Zeichen der Weimarer Klassik und in Abkehr von den Wirren der Französischen Revolution entwickelt sich hier eine Begrifflichkeit des Individuums, die zwar die allgemeine Bildung des Subjekts emphatisch preist, zum anderen aber glaubt, dies nur in der Abkehr von den politischen Niederungen der Alltagswelt ermöglichen zu können. Der Rückzug aus der Welt, die bloß profan ist, und die Hinwendung zur Ausbildung eines Selbst, das sich selber genügt und auf die Teilhabe an der Welt verzichtet, haben hier ihren Ursprung.
Dieser Streit zwischen Geist und Macht gewann in den drauffolgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein immer wieder Aktualität. Merseburger zeigt dies an den weiteren Kapiteln der Weimarer Geschichte. Von Bedeutung sind dabei im 19. Jahrhundert die sogenannte Silberne Zeit im Zeichen der Musik. Franz Liszt und Richard Wagner spielen hier eine Rolle. Die Jahrhundertwende mit der Wende zur Moderne: Nietzsche und das Bauhaus. Die Weimarer Republik, deren Nationalversammlung 14 Monate in Weimars Theater tagte, da man Angst vor Ausschreitungen in der Großstadt Berlin hatte. Schließlich die düstere Zeit des Nationalsozialismus mit dem Zwillingsort Buchenwald und dann die ideologischen Verzerrungen des DDR-Regimes.
Höchst aufschlussreich an dieser Darstellung Merseburgers ist, wie nach dem Tode Goethes die Weimarer Klassik für alle folgenden Zeiten ein Gegenstand der Auseinandersetzung sein musste, wie aber auch jede Zeit - ja selbst die des Nationalsozialismus - es verstanden, ihr Kapital daraus zu schlagen und die Klassiker in ihrem Sinne nutzbar zu machen. Der Leser vermag hier sich seine Lektionen in Fragen von Gesinnungs- und Ideologiekritik zu holen: Wer glaubt, über gesicherte historische Kenntnisse zu verfügen, hat vielleicht noch nicht tief genug im Bodensatz seiner eigenen Zeit gegraben.

Thomas Reuter

Mythos Weimar      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Das Buch vermittelt viele Information, es verwirrt aber auch ein wenig, da es zu viele Informationen sind

Weimar - und was den Mythos ausmacht      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Wer hat nicht schon etwas beim Besuch dieser Stadt vom "Mythos Weimar" gespürt - ohne zu wissen, was genau es wohl ist, was den Besucher "berührt". Die "Kulturgeschichte Weimars", wie Merseburger sie schreibt, hat dem Leser viel darüber zu sagen. "O Weimar! dir fiel ein besonder Loos! Wie Bethlehem in Juda, klein und groß", schrieb Goethe, der ein gerüttelt Maß zu diesem Mythos beigetragen hat, der die Kulturgeschichte dieser Stadt entscheidend mitgeschrieben hat. Heute aber ist es Peter Merseburger, der sich auf die Spuren des Mythos begeben hat. Er weiß anhand dieser wohl einzigartigen Biographie zu schildern, wer und was von Martin Luther bis heute den Aufstieg und den Niedergang, der nicht zuletzt mit "Buchenwald" benannt ist, zu verantworten hat. Große Namen allenthalben und ihr Wirken werden aufgezeigt. Die Stadt ist zum Symbol geistiger Hochzeit und politischen Abstiegs geworden ist. Und zu einem einzigartigen Beispiel der Antinomie zwischen Geist und Macht. Weimar - das ist Deutschland und deutsche Geschichte mit all den vielen Facetten. Merseburger weiß sie zu benennen. Sein Buch ist Geistesgeschichte und politische Geschichte zugleich. Und ein fantastisches Lesebuch.

Eine spannende Geschichtslektion      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Man kann es kaum aus der Hand legen, das Buch über die Geschichte Deutschlands aus dem Blickwinkel der großen kleinen Stadt Weimar. Luther und Bach, natürlich Goethe und Schiller, Liszt, die Weimarer Republik, Buchenwald und die DDR: Was in Deutschland passierte, hat seine Spuren in Weimar hinterlassen, was in Weimar passierte, prägte mitunter Jahrzehnte in Deutschland. Peter Merseburger gelingt es, ein nüchternes, ein kritisches , ein genaues Buch zu schreiben, das sich gut lesen lässt und das auch dem, dem Geschichtsunterricht in der Schule langweilig war, Spaß machen kann als eine Zusammenschau eines halben Jahrtausends deutscher Geschichte.

Merseburger räumt fundiert mit dem Mythos Weimar auf      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Peter Merseburger will in seinem Buch "Mythos Weimar" zeigen, was dieser Mythos ist, der Weimar umgibt und wie weit es damit her ist. Wie er in der Nachwelt sich darstellt und ob man ihm gerecht geworden ist, ja, ob es ihn in der Form überhaupt gab. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, das Merseburger aber mit Bravour gemeistert hat. Spannend zu lesen, gleichzeitig aber auch historisch genau, wie seine umfangreiche Bibliographie beeindruckend bestätigt. Er schlägt dabei den Bogen von Anna Amalia über Goethe, der selbstverständlich eine große Rolle einnimmt, über den Bauhaus-Stil bis hin zur linken und rechten Inanspruchnahme des "Mythos von Weimar".

Merseburger ist es gelungen, dem wahren Weimar einen Schritt näher zu kommen. Ohne Verklärung und ohne Gefühlsduselei. Dies ist ihm zu danken. Daß er das Ganze noch in einer sehr guten und flüssig zu lesenden Form tut, spricht nur für ihn. An mancher Stelle sind allerdings die inhaltlichen Sprünge von einem Absatz in den nächsten nicht ganz nachzuvollziehen, jedoch findet man sich schnell wieder in den Lesefluß hinein. Es ist kein im strengen Sinne wissenschaftliches Buch, aber diesem Anspruch wollte Merseburger auch nicht gerecht werden. Es geht ihm darum, möglichst viele Menschen auf den Mißbrauch der Klassiker aufmerksam zu machen und das ist ihm gelungen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)


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