Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust.
Daniel Jonah Goldhagen
Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 22 Bewertungen)
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):
Die Sicht des Normalsterblichen 2 von 5.00 Punkten
Verfasser Es lockt ja eigentlich niemanden mehr so richtig hinterm Ofen hervor. Das Buch ist vor langer Zeit erschienen, da frage ich mich schon, warum ich das hier überhaupt mache. Aber gut, Weihnachten ist gerade vorbei, ich hänge durch, mit schwerer Schlagseite und kann nicht einschlafen.
Diejenigen, die eine negative Meinung über das Buch haben wollten, brauchten es gar nicht erst zu lesen. Die, die es gut finden wollten, brauchten es auch nicht zu lesen. Und all die anderen brauchten es schon mal überhaupt nicht zu lesen. Zu der zweitgenannten Kategorie gehörte ich ein bißchen, muss ich ganz ehrlich zugeben.
Doch dann plagen Dich jahrelang immer wieder die Gewissensbisse: seit Jahren verteidigst Du das Buch gegen die Attacken von Leuten, die es kritisieren, ohne es gelesen zu haben. Du wirfst ihnen vor, ein Buch zu verteufeln, das sie gar nicht kennen dabei hast Du es selbst gar nicht gelesen!
Ich bin nur ein Durchschnittsheini, habe etwas Unnützes studiert und folglich jetzt einen Beruf, der mit meinem Studium gar nichts zu tun hat - nur damit Sie wissen, was für einer ich bin. Also ein ganz normaler Durchschnittshanswurst, der normalerweise nur das nächste Zamonienbuch von Walter Moers lesen will.
Da habe ich mich also mal durch dieses "Willige Vollstrecker"-Buch hindurchgezwungen und bin so schlau wie vorher. Es ist nicht für diejenigen unter uns geschrieben, die gern lesen und klare, elegante Formulierungen lieben. Der Schreibstil ist sperrig und schwer verständlich.
Wie gesagt, ich bin nur ein Durchschnittstyp, aber es drängt sich wohl nicht nur Leuten wie mir beim Lesen doch der Verdacht auf, dass all diese Neologismen, Verklausulierungen, dieser Wust aus Fußnoten und Querverweisen einem ganz anderen Zweck dienen könnte als der historisch-wissenschaftlichen Präzision - nämlich eine einleuchtende und wenig überraschende Tatsache, die so banal und altbekannt ist, dass sie sich in einem Satz formulieren lässt ("Aus Haß auf die Juden haben sehr, sehr viele Deutsche am Holocaust mitgewirkt, noch mehr haben indirekt mitgeholfen und noch viel mehr haben zugesehen und nichts dagegen unternommen") so lange aufzublasen und aufzuplustern, bis sich das alles dann so richtig hochgeistig, wissenschaftlich und für uns 08/15-Penner unverständlich liest.
Der Goldhagen-Dani hat also herausgefunden, dass das gar nicht der Hitler allein war, der all die Juden umgebracht hat! Dass da noch andere mitgemacht haben! Dass diejenigen, die mitgemacht haben, Antisemiten waren! Sososo! Ist ja 'n Ding! Wie hat der das denn spitzgekriegt? Man stellt sich vor, wie er monatelang in der Bibliothek sitzt und eine Akte nach der anderen wälzt, um diese sensationellen Erkenntnisse zutage zu fördern. Man hält das Resultat seiner Recherche in den Händen und stellt bestürzt fest: die Judenmörder mochten die Juden nicht! War vielleicht Hitler am Ende selbst ein Antisemit?
Vielleicht ist das jetzt auch ziemlich ungerecht. Immerhin sollte man auch bedenken, in welchem historischen Zusammenhang das Buch entstanden ist. In den 90er Jahren war es in Deutschland Mode geworden, alles, was im dritten Reich passierte, auf die erbarmungslose Hitler-Diktatur zu schieben, gegen die man dann leider nichts unternehmen konnte. So gesehen, waren die spekulativen Diskussionen über dieses Buch ein sehr willkommenes Korrektiv.
Auf gewisse Weise verdienstvoll sind außerdem die historischen Beispiele an denen er seine mottige These festmacht.
Fazit: es ist nichts grundsätzlich Falsches daran, alte, ranzige Ansichten zu vertreten, denn das tun wir schließlich alle: die Erde ist rund, ein Kubus ist es nicht und die Deutschen waren und sind Antisemiten. Nicht alles, was alt und langweilig ist, ist deshalb zwangsläufig falsch. Aber wenn man dieses Buch einmal als einen Diskussionsbeitrag werten will, dann orientiert sich der Wert dieses Beitrags daran, wieviele neue Erkenntnisse oder Argumente er liefert. Ein Beitrag, der in hunderten von unleserlichen Sätzen nur das umformuliert, was ohnehin schon alle wissen, ist das zwar noch keine Lüge, aber als Beitrag überflüssig, daher bedeutungslos und folglich falsch.
übertragbar auf heute 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Der Charakter des gewöhnlichen Deutschen hat sich nicht geändert, nur weil Hitler besiegt wurde. Die Mittäterschaft der Bevölkerung und Justiz ist nie aufgearbeitet worden. Hinter dem damaligen Antisemitismus steht eine geistige Bereitschaft zur Diskriminierung, die umso mehr zum Ausdruck kommt, je schwieriger die wirtschaftliche Lage ist. Diese Bereitschaft besteht in der Bevölkerung, der Regierung und der Justiz bis heute fort. Deshalb sollte man Goldhagen aufmerksam lesen und seine Schilderung des Verhaltens der gewöhnlichen Deutschen nicht nur auf das 3. Reich beziehen.
Lesenswert und im Kern richtig 5 von 5.00 Punkten
Verfasser In der Debatte um das Buch ist schon alles gesagt worden. Die Kritiker von Goldhagen, die im wesentlichen keine Argumente liefern, kann man leicht und locker mit einem Federstrich zurechtweisen. Es mag sein, dass Goldhagen "nur" historische Fakten und Quellen aneinanderreiht und daraus seine Schlüsse zieht. Aber was könnte daran falsch sein?
Die Kernaussage Goldhagens lautet: Der (völkische) Antisemitismus der Deutschen war - erstmals in der Geschichte - auf die Vernichtung der Juden ausgerichtet. Und die große Mehrheit der Deutschen fand dies richtig und hat freiwillig (!!!) mitgemacht. Mag sein, dass andere Faktoren hinzukamen und den Holocaust begünstigt haben, aber das streitet Goldhagen auch gar nicht ab.
Dabei ist es in Ordnung, zu pauschalieren und die Deutschen als Volk in Sippenhaft zu nehmen. Es geht eben nicht um "das Einzelschicksal des braven Deutschen, der sich nicht wehren konnte", sondern um das große Ganze.
Ob es in anderen Ländern auch Antisemitismus gab, spielt keine Rolle (was für ein Argument: nur weil mein Nachbar bei Rot über die Ampel fährt, darf ich das noch lange nicht und fahre nebenbei noch einen Radfahrer über den Haufen). Und ob die Quellen alle stimmen, kann ich eh nicht beurteilen, und bei welcher wissenschaftlichen Arbeit ist das schon so?
ungehaltene Versprechen 3 von 5.00 Punkten
Verfasser Goldhagen verspricht zu Anfang, die Mechanismen bloßzulegen, die eine Hitlerei ermöglichen, die "einfache" oder "normale" Menschen dazu bringen, Vollstrecker zu werden. Er möchte somit eine Alltagsgeschichte des Ausnahmezustandes schreiben und auch erklären, wie ein Otto Normal zum Dämonen wird. Doch das Wissen ist nach Luhmann nicht mehr integrierbar. Und daran scheitert Goldhagens Erklärungsversuch: Er nimmt sich zu viel vor. Gut, wir erfahren en détail, wie viele wie mitgemacht haben, wie bieder die Typen, wie beider ihre Herkunft ist, wie banal das Böse. Aber was die Menschen letztlich dazu treibt, Kinder vor offenen Gräbern zu erschießen, Befehlen zu gehorchen, nicht massenhaft zu verweigern, das bleibt im Dunklen.
Broch und Canetti haben zum Thema bereits vor langer Zeit bessere Erklärungsversuche erarbeitet. Broch sieht zum Beispiel das traumwandlerische, schläfrige, durch Religion benebelte, sportbegeisterte, indifferente, massenhafte, undurchdachte, esoterische, feiernde (heute Brüllshows glotzende) Panem-Et-Circenses-Volk als Basis des Massenwahns und dessen Täterkonsequenz. Jener eher künstlerische Ansatz war, denke ich, fruchtbarer als Goldhagens streng wissenschaftlicher. Sicher, die Schilderungen sind detailreich, sie zeugen von akribischster Archivarbeit. Dennoch fehlt die angekündigte ganz große Klammer, der Erklärungsveruch.
Viele Seiten, oft wiederholt 3 von 5.00 Punkten
Verfasser Ich lese dieses Buch mit Begeisterung und es beantwortet einige Fragen zum Verhalten der Deutschen.
Ein sehr gelungenes Buch in meinen Auggen.
Aber: Der Autor wiederholt sich so oft, dass es streckenweise enorm langweilig ist. Sicherlich könnte man gute 100 Seiten weniger zu lesen haben, wenn nicht viele Dinge mehrfach gebetsmühlenartig wiederholt werden würden.
Der Autor hackt unverschleiert auf seine Historikerkollegen ein, was in meinen Augen etwas unverschämt ist.
Alles in allem ein Buch, das man gelesen haben sollte, aber man darf nicht schnell das Interesse verlieren.
Bericht eines umstrittenen Historikers 4 von 5.00 Punkten
Verfasser Daniel Goldhagen Hitlers willige Vollstrecker Goldmann
ISBN 3442150884
Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker hat seiner Zeit in Deutschland und unter Historikern zu ungeheurem Aufruhr geführt.
Es gab danach eine Ausstellungen in Frankfurt in der Paulskirche, es gab Diskussionen in der Alten Oper in Frankfurt. Die Gemüter erhitzten sich und stritten um die wahren oder falschen Thesen.
Inzwischen ist erwiesen, dass Goldhagen unsaubere historische Arbeit geleistet hat. Seine Intention, die ganze Deutsche Nation zu Hitlers willigen Vollstreckern zu machen, ist ihm nicht gelungen.
Er hat Quellen ungenau erarbeitet und Thesen aufgestellt, die nicht haltbar waren.
Immerhin ist durch sein Buch die Diskussion noch einmal angeheizt worden, sich mit dem Holocaust, seinen Ausführenden und der unguten deutschen Geschichte auseinander zu setzen.
Erinnern heißt heute zuhören, die Geschichte immer wieder durcharbeiten und durch die Erinnerung daran gemahnt werden, Gleiches nie wieder geschehen zu lassen.
Insofern ist jeder Anstoß zum Nachdenken über die Geschichte der Deutschen Vergangenheit von Nutzen.
Man sollte das Buch lesen, um sich von vielen Seiten Einblicke zur
Nahen Vergangenheit zu erschließen.
Kein Meilenstein 2 von 5.00 Punkten
Verfasser Ein Großteil der Analysen sind interessant, werden aber durchweg wiederholt, als verstehe man es erst beim dritten Mal - ein Großteil der Fakten werden teilweise mit Geplauder zusammengehalten. Goldhagen ist gnadenlos analytisch, dabei aber seltsam distanziert und einseitig. Mir war es insgesamt zu wenig handfester Stoff, den ich zuvor aufgeregt erwartetet hatte. Der wirtschaftliche Aspekt des Ursprunges des Holocaust ist vollständig ausgebremst, was mir als eine gewaltige Lücke vorkommt. Teilweise widerspricht Goldhagen sich zudem schon im Vorwort in Einzelheiten. Ich finde das sehr schade, denn der Ansatz ist völlig richtig.
Das Geheimnis seines Erfolgs 1 von 5.00 Punkten
Verfasser Es liegt eigentlich auf der Hand, daß Goldhagens Fakten zwar richtig sind, aber höchst einseitig ausgewählt. Er schiebt rigoros alles weg, was nicht zu seiner These eines tief in der deutschen Kultur verwurzelten eliminatorischen Antisemitismus paßt. Nur ein paar wenig beachtete Beispiele:
- Im deutschen Kaiserreich gab es in der Tat eine lebhafte antisemitische Agitation, die über den Hofprediger Stoecker bis in allerhöchste Kreise reichte. Man muß aber bedenken, daß die antisemitischen Parteien auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs gerade mal magere 3,4 % erreichten. Demgegenüber war die größte und erfolgreichste Partei, die SPD, stark von Juden geprägt. Sie verdankte ihre ideologische Grundlage dem Juden Karl Marx, ihr Gründer war der Jude Ferdinand Lassalle und unter ihren prominenten Führern waren viele Juden. Warum, wenn die Deutschen so zutiefst antisemitisch waren, bekam die SPD so viele Stimmen?
- Das erste jüdische Mitglied des Supreme Court in den USA war Louis Brandeis, der 1916 von Woodrow Wilson berufen wurde. Das kaiserliche Deutschland war da schneller. Der erste Präsident des Reichsgerichts in Leipzig war 1879 - 1891 Eduard Simson, ein Jude. Simson war schon 1848 Präsident der deutschen Nationalversammlung gewesen, später war er auch Präsident des Norddeutschen Reichstages. Er leitete als führender Parlamentarier 1849 die Delegation, die Friedrich Wilhelm IV. den deutschen Kaisertitel anbot, und 1870 die Delegation, die Wilhelm I. um Annahme des Kaisertitels bat. 1888 wurde er geadelt. Wie war eine solche Karriere möglich?
- Wenn einer für Antisemitismus empfindlich war, dann wohl Theodor Herzl. Aber man lese mal in seinem Zionistischen Tagebuch, wie er von führenden Persönlichkeiten empfangen wurde, vom Großherzog von Baden, von Philipp Eulenburg, Staatssekretär von Bülow, Reichskanzler von Hohenlohe und schließlich dem Kaiser. Von letzterem ist Herzl geradezu hingerissen. Jaja, man kann viel Böses über Wilhelm II. lesen, aber Herzl hat merkwürdigerweise nichts davon bemerkt. Sicher, er muß sich die üblichen Klischees anhören, daß die Juden ja alle viel Geld hätten, aber daneben gibt es viel Freundlichkeit und Interesse für den damals nicht sehr berühmten Herrn Herzl aus Wien und seine verrückte Idee eines jüdischen Staates. Paßt irgendwie auch nicht ins Bild.
In der Art könnte man ein ganzes Buch schreiben, das freilich genau so einseitig und verzerrend wäre, wie das von Goldhagen. Aber warum bekommt der Mann dann so gute Kritiken? Gut, außerhalb Deutschlands ist dieses Buch eine willkommene Gelegenheit, die eigenen Vorurteile scheinbar autoritativ bestätigt zu finden (machen wir uns nichts vor, es gibt 'ne Menge Leute auf der Welt, die alle Deutschen für geborene Nazis halten). Aber hier?
Ich nenne das die Kronzeugenregelung.
Goldhagen ist sozusagen der Staatsanwalt, der das deutsche Volk zur Rechenschaft zieht. Seine Anklageschrift ist ebenso scharf wie umfangreich. Was macht man da als Deutscher? Man versucht zu beweisen, daß man kein gewöhnlicher, sondern ein außergewöhnlicher Deutscher ist. Ein selbstkritischer Deutscher. Ein Deutscher, der unangenehmen Wahrheiten unverwandt ins Gesicht schaut, der nicht verdrängt, beschönigt und relativiert - einer, der aus der Geschichte gelernt hat. Und so sagt man denn, daß der Herr Goldhagen ganz recht hat, man "gibt es zu" und schafft womöglich noch weitere Beweismittel heran. Und indem man so die breite Unterstützung deutschen Volkes für den Holocaust bezeugt, erwirbt man - die Aura der Unschuld. Denn man ist ja ganz anders, nicht wahr?
Gratuliere.
Verständlich so zu denken - aber geschichtlich nicht haltbar 3 von 5.00 Punkten
Verfasser Nach einem Ereignis wie dem Holocaust, emotional nicht nachvollziehbar - der der Welt ein nicht unbeträchtliches Stück Unschuld und Illusion genommen hat ... Da ist es nicht verwunderlich, daß es Historiker gibt wie Goldhagen, die eine rechgt einseitige und verhärtete Recherche betreiben. Was übrigens für die meisten israelischen Historiker nicht zutrifft, die der deutschen Bevölkerung in der Mehrheit keine Kollektivschuld zuweisen und Deutschland nach wie vor eine gewissen Sympathie und Respekt entgegenbringen .... Hut ab vor diesen!
- Fehler: Goldhagen vergleicht den Antisemitismus Deutschlands nicht mit anderen Nationen vor und nach 1933. Sicherlich hat es das ein oder andere antisemitische Vorurteil in Deutschland gegeben, oft aus unseriösen Gründen wie Neid oder Fremdenangst ... mit dem Berufsverbot Hitlers glaubten die meisten Deutschen den Höhepunkt in dieser Politik erreicht zu sehen haben. Doch umbringen: Um Himmels willen. Hitler versteckte nicht ohne Grund seine Vernichtungspolitik vor den Augen Deutschlands und der übrigen Welt.
- Es spricht für das deutsche Volk (die begeisterten und verblendeten Nazifunktionäre sehe ich nicht als typisch Deutsche an), daß es sich etwa nicht aktiv an der Reichskristallnacht beteiligt hat. Es brauchte dazu einen Adolf Hitler und dessen fischköpfige Funktionäre, die kaltblütig, farblos-uninteressant, einem jegweden Brötchengeber ihre gewaltsamen Morddienste zur Verfügung gestellt hätten (einem Stalin, Hitler, Pol-Pott usw. ganz egal) und die auch ihrem "Führer" nach 1945 die Treue sogleich lossagten und verschwanden. Das war in meinen Augen nicht die Mehrheit des Volkes, eine gefährliche Minderheit, die das Volk als SA, SS, Gauleiter oder Gestapo terrorisierte. Und das Volk waren nicht zuletzt auch die Juden mit ihren kulturellen und wirtschaftlichen Diensten, die sie seit Generationen Deutschland erbrachten. Aus Vaterlandsliebe eher als aus Kapitalismus (siehe die Bücher von S. Haffner). Die Reichskristallnacht wurde von Erich Kästner ungefähr so erlebt: Jeder Polizist/Gestapomann hatte ca. 10 Geschäfte zu zerstören und zu verhaften, es war eine angeordnete Sache, das Volk konnte - auch nach 6 Jahren Propaganda - nicht bewogen werden mitzumachen. Allerdings - wen wundert es - traute sie sich auch nicht zu helfen. Es gab keinen tiefen Haß der Bevölkerung auf die Juden. Das wäre wohl den Juden vor 1933 sicher aufgefallen und sie hätten wohl nicht Deutschland zu einem ihrer Lieblingsländer erkoren ...
- Seltsam: Die Argumente, mit denen man Antipathie gegen Juden schüren wollte ... sind nicht unähnlich jenen den das Ausland den Deutschen gegenüber hat - seit der Jahrhundertwende: Mit dem Kaiserreich verlor Deutschland in den Augen anderer Nationen an Sympathie. Wie nett und goldig wurden die Nürnberger Leute z.B. von keinem geringeren wie Balzac geschildert: Gastfreundlich, etwas unbeholfen, fleißig, hilfsbereit, bescheiden, lebenslustig, sinnlich, leicht böse, leicht wieder versöhnlich ... Solche liebevollen Schilderungen gab es nach 1900 weniger. Es kamen Charakterisierungen der Deutschen hinzu wie: Neureich, unzufrieden, dominant, rechthaberisch, machtlüstern, die einst so nette Bevölkerung sei offenbar verfallen einer Sucht nach "Mehr" und "Anders", ohne zu wissen, wie diese Veränderung denn konkret aussehen soll ... Und das, obwohl alle Klassen unter Wilhelm II in einem blühenden Land lebten, sich offenbar über den blühenden Garten nicht freuen konnten, eine Kunst, die Deutschland unter Bismarck durchaus beherrscht hatte
- Seltsamerweise wurden Eigenschaften wie Geschäftstüchtigkeit , Karrieredenken, hohe Schul- und Berufsbildung den Semiten nicht zugestanden. Da waren die eigenen Stigmata plötzlich unmoralisch. Wirklich seltsam !! Wenn ein Teil der Bevölkerung über die Semiten so (oberflächlich) gedacht hat, hätte es eigentlich in etwas Seelenverwandschaft feststellen müssen, eine Krähe hackt der anderen eigentlich kein Auge aus ...
- Auch heute wird (zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt) Deutschland in der EG als reich, dominant, überlegen, moralisch stets von seinen guten Eigenschaften überzeugt von kleineren Nationen wie Lichtenstein oder Belgien empfunden ...
- Ganz ähnliche Vorürfe werden wieder gegen Juden in New York etc. hat, die angeblich das meiste Kapital, die meisten Mitsprachrechte etc. besitzen ... Und wieder ohne zu recherchieren und ohne einen einzigen der Beschuldigten jemals persönlich kennengelernt zu haben. Seltsam diese Gemeisamkeiten.
lesenswert, aber bitte eigene Meinung bilden nicht vergessen 3 von 5.00 Punkten
Verfasser "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust." von Daniel J. Goldhagen.
Durch das Aufsehen, das dieses Buch bei seinem Erscheinen vor einigen Jahren erregt hat, sollte man eigentlich meinen, dass eine Rezension von mir dazu überflüssig sei. Weiß doch jeder, dass das Buch von der Mehrheit der Historiker der NS-Zeit geradezu verrissen wurde, zumindest in Deutschland. Allerdings bezog sich das auf die Schlussfolgerungen, die Goldhagen in seinem Buch zieht, nicht auf die Fakten, die er schildert und die ihn zu diesen Schlussfolgerungen geführt haben.
Durch den Aufbau, den Goldhagen in den einzelnen Kapiteln wählt, ist es jedoch jedem Leser möglich seine eigenen Schlüsse zu ziehen und muss nicht zwangsläufig die des Autors übernehmen. Genau deshalb halte ich das Buch für sehr empfehlenswert! Auch ich stimme nicht unbedingt jeder seiner Schlussfolgerung zu, aber alleine aufgrund der teilweise sehr detaillierten Darstellungen von Vorgängen, beispielsweise bei Massenerschießungen, bei Todesmärschen, bei anderen grausamen Verbrechen, halte ich für äußerst wichtig, auch wenn es an der einen oder anderen Stelle arg unter die Haut geht. Aber das muss es auch, damit auch uns, die wir doch alles nur noch aus verblassten Erzählungen kennen, das Grauen der damaligen Zeit bewusst wird!
Sehr ausführlich wird im ersten Teil des Buches vor allem die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland behandelt. Manches mag überzogen klingen, doch aus persönlichen Kontakten mit Zeitzeugen weiß ich auch, dass vieles wirklich stimmt.
Mein Rat also: Buch lesen und eigene Meinung bilden!
Als zusätzlichen Tipp möchte ich noch auf ein Buch verweisen, das als Reaktion auf Goldhagens Buch erschienen ist. "Ein Volk von Mördern", herausgegeben von Julius H. Schoeps, ist eine Sammlung von Kommentaren von Journalisten, Historikern, Professoren aus den USA, Großbritannien und Deutschland. Abgesehen von mancher Polemik wird von manchen auch durchaus sachlich Stellung genommen und kann damit auch zur eigenen Meinungsbildung ein großes Stück beitragen.