Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert

Samuel P. Huntington

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 49 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Die Perspektive entscheidet      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Leider kommt dieses durchaus treffliche Werk mit einem Absolutheitsanspruch daher, den es nicht erfüllen kann. Huntington schreibt aus einer anglo-protestantischen Perspektive, die für weiße Amerikaner eine schlüssige Gesamtinterpretation des Weltgeschehens liefert, jedoch polyzentrisch betrachtet mehr konzeptionelle fragen als Antworten aufwirft und die Aussagefähigkeit des Gesamtwerkes auf eine WASP-Perspektive beschränkt. Dies jedoch gelingt meisterhaft!
Zu den konzeptionellen Schwierigkeiten zählt unter anderen die Kulturdefinition bzw. die kulturelle Grenzziehung. Für dden nordamerikanischen, weißen Protestanten sind die Katholiken Lateinamerikas fremdkulturell. diese konfessionelle Trennung hebt er für West- und Mitteleuropa aus, und grenzt stattdessen die Orthodoxie gegen sie ab. Während die christlichen Nationen der Welt in ca 3 Kulturen unterteilt werden, stehen die mohammedanischen Völker als ein Block dar. Ein Perspektivenwechsel in die Sichtweise eines bspw. persichen Betrachtes lässt aber diese grobschlächtige Betrachtung adabsurdum laufen. Der Perser hebt sich und seine ario-schiitische Kultur deutlich von den (laut Huntington mehr oder weniger gleichartigen) Nachbarn ab. Seien es die turanischen "Horden der Dunkelheit" oder die in tiefster Unkultur stehenden Araber, dem schiitischen Perser stehen sie emotional ähnlich nah wie dem US-Amerikaner dem Latino oder Soviet.
Diese Vereinfachung der Weltbeziehungen die Huntington vornimmt, reduziert die Geopolitik auf das für uns als weiße Menschen wesentliche, und deshalb soll die Kritik den Wert des Werkes nciht mildern.
Ein Muss! absolut empfehlenswert!

Sachregister fehlt      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Zumindest der Siedler Taschenbuch-Ausgabe fehlt ein Sach-& Namens-Register,das die kanpp 600 S. zum Nachschlagewerk machen würden.So muß man sich mit 3 S. Inhaltsverzeichnis,2 S. Auflistung der Tabellen,Abbildungen & Karten und 45 S. Anmerkungen mit Quellenangaben zu den 12 Kapiteln begnügen.
Umfangreiche & zutreffende Rezensionen zu den Kernaussagen haben schon viele andere geschrieben,deshalb verzichte ich hier darauf.

Die Debatte leidet bis heute unter einer falschen Übersetzung...      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
...und auf diesen wichtigen Umstand wurde in den bisherigen Rezensionen nicht ausreichend hingewiesen, weshalb ich noch eine Rezension hinzu füge.

Der Originaltitel des Buches lautet: "CLASH of CIVILIZATIONS", also "ZUSAMMENPRALL (NICHT "Kampf"!) der ZIVILISATIONEN". Ein Zusammenprall muss nicht unweigerlich zu einem Kampf führen. Er kann auch anders gelöst werden.

Leider werden im Deutschen (oft auch in den Sozialwissenschaften) die Begriffe "Kultur" und "Zivilisation" synoym gebraucht. Das ist falsch.
Kulturen sind immer LOKALE EINHEITEN, während Zivilisationen GRUPPIERUNGEN ÄHNLICH GELAGERTER Kulturen sind.
Zur Illustration: Deutsche, Franzosen, Spanier,...haben alle unterschiedliche Kulturen, deren Traditionen sich erheblich unterscheiden, dennoch gehören sie alle zur westlichen Zivilisation.

Huntigton geht davon aus, die zukünftigen Konflikte werden nicht-wie in der Vergangenheit der Ost/West-Konflikt-von ökonomischen und politischen Differenzen bestimmt, sondern von KULTURELLEN.
Hier hebt er vor allem den Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam hervor.
Das Buch erschien 1996. Die Geschichte hat ihn inzwischen bestätigt.

Huntington den Vorwurf zu machen, er wolle dem Westen ein neues Feindbild bieten, das dieser nach dem Ende des Kommunismus verloren habe, ist absurd.
Der Konflikt ist real und wurde schon lange vor Huntington festgestellt. Der grosse französische Soziologe RAYMOND ARON schrieb bereits 1961 in seinem bahnbrechenden Standardwerk "FRIEDEN UND KRIEG": "Die Heterogenität der Zivilisationen...wird vielleicht auf lange Sicht schwerwiegendere Folgen nach sich ziehen als die feindliche Gegenüberstellung zweier Regime...Aber diese Heterogenität ist vorläufig durch die Bildung zweier Blöcke...VERSCHLEIERT".
Nun, der Schleier ist seit 20 Jahren weg gezogen. Nun wird der zivilisatorische Konflikt, der im Kern ein WERTEKONFLIKT ist, vor allem zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation, sichtbar.
Es ist Huntigntons Verdienst, diesen Konflikt ins öffentliche Bewußtsein getragen zu haben!!!

Warum ausgerechnet ein Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam? Weil beide universalistische Geltung beanspruchen.

Es ist wichtig folgenden Unterschied zu machen: Der Islam als Religion und Zivilisation ist NICHT gleich zu setzen mit dem ISLAMISCHEN FUNDAMENTALISMUS. Dieser ist eine totalitäre politische Ideologie und gegen die Werte der "Offenen Gesellschaft" gerichtet.
Huntington macht den wichtigen Unterschied zwischen Islam und Islamismus leider nicht.

Zweiter Kritkpunkt: er bleibt bei der Beschreibung des Konfliktes stehen und liefert nur wenig Ansätze zu seiner Lösung.
Hier sollte der Leser zu dem Buch "Krieg der Zivilisationen" von BASSAM TIBI greifen, dessen Buch bereits 1 Jahr vor Huntigton erschien, jedoch leider nicht dessen Bekanntheitsgrad erreichte.

Es ist wichtig, die falsche Übersetzung des Buches von Huntington zu kennen. Sonst kann man nicht sachlich über ihn diskutieren.

Erhellend      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
"Die gefährlichen Konflikte der Zukunft ergeben sich wahrscheinlich aus dem Zusammenwirken von westlicher Arroganz, islamischer Unduldsamkeit und sinischem Auftrumpfen"


Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen" ist zweifellos eines der bedeutendsten, aber auch kontroversesten politischen Werke des 20. Jahrhunderts. In den meisten außenpolitischen und nachrichtendienstlichen
Institutionen westlicher Nationen gehört dieses Buch zum Standardkanon der Ausbildung. Der akademische Impakt dieses Buches dürfte wohl nur noch durch den praktischen übertroffen werden. Dabei ist auch kaum verwunderlich, dass der breite Widerspruch gegen Huntingtons Thesen aus den unterschiedlichsten intellektuellen Lagern stammt.

Laut Huntington erlebt die Welt seit den 70er Jahren eine gewaltige Renaissance der Religionen und betrachtet diese äußerst positiv als Sinn- und Identifikationsstifter in einer immer komplexer werdenden, globalisierten, entwurzelten Welt. Für Befürworter einer säkularen Weltordnung und atheistische Intellektuelle, die in der Religion grundsätzlich die Wurzel allen Bösen finden, ein absoluter Graus.

Laut Huntington existieren zwischen den großen Kulturkreisen tiefe bis unüberwindbare Hindernisse in ihren Werten und der politischen Weltanschauung. Je unterschiedlicher ihre Geschichte und ihre Religionen sind, desto inkompatibler sind diese Kulturen. Für linke Intellektuelle und ihre Ansichten von Toleranz und Verständnis nicht weniger ein Graus.

Ferner bezweifelt Huntington die Universalität westlicher Werte und Ideen, vorallem die der freiheitlichen Demokratie. Ein Graus, den sowohl Linke als auch Konservative gleichermaßen teilen dürften.

In der Tat ist es schwierig Risse in Huntingtons Gedankengebäude zu finden. Der oben dargelegte SPIEGEL-Artikel von Erich Follath zeigt es eindrucksvoll. Follath hat das Buch nämlich ganz offensichtlich nur in einer Zusammenfassung oder nur auszugsweise gelesen. Das Zitat Thomas Kuhns ("Eine Theorie muss nur besser sein als alle anderen, sie muss nicht alles erklären können.") brachte Huntington nicht erst beim SPIEGEL-Gespräch. Es steht auch in "Kampf der Kulturen". Und er gebrauchte es nicht, weil er sich vom großen Denker, Rhetoriker und Journalisten Follath "in die Enge gedrängt fühlte", sondern weil es nun mal die wissenschaftliche Realität darstellt, auch in zig anderne Bereichen wie beispielsweise der Volkswirtschaftslehre. Huntingtons Modell ist nicht perfekt, kann es garnicht sein, weil zu viele Faktoren (bspw. historische, wie bei der Feindschaft zwischen den orthodoxen Staaten Georgien und Russland) zu Ausnahmen führen. Das räumt Huntington allerdings schon zu Anfang allgemein und später im Buch detaillierter ein. Auch die Einteilung der Kulturkreise und deren Problematik wird ausführlich dargelegt - und stammt dazu noch meist aus den Paradigmen anderer Kulturwissenschafler. Auch hier entlarvt sich Follath als Nichtleser des Buches, genauso wie bei den unendlich abstrusen Beispielen, mit denen er Huntingtons Thesen (die er leider nicht ausführlich kennt) zu widerlegen versucht.

Der Kerngedanke von Huntingtons Theorie ist simpel, Menschen denken in Kategorien wie "wir" und "die anderen". Während des Kalten Krieges gab es ein (westliches) "wir" und ein (kommunistisches) "die anderen" und es wird auch weiterhin ein "wir" und "die anderen" geben, nur statt des Ostblocks sind "die anderen" eben die verschiedenen Kulturkreise und ihre Kernländer, die mit dem Westen und dessen Kernländern (USA, "EU") konkurrieren. Ziemlich einleuchtend. In den Nachrichten wird es schließlich auch nicht anders dargestellt.

Freilich kommt man damit nicht auf knapp 600 Seiten, deshalb ist "Kampf der Kulturen" zum größten Teil eine Analyse wie sich die Kulturkreise und ihre Kernländer im 20. Jahrhundert politisch, wirtschaftlich und militärisch entwickelt haben und vermutlich entwickeln werden. Und genau hier erkennt man - besonders 15 Jahre später in der Retrospektive - was für ein brillanter Analytiker Huntington doch war. Die Gedankengänge des Autors sind ebenso schlüssig wie haltbar. Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die geopolitische Lage eine deutlich andere, dennoch liefert KdK eine sehr viel wertvollere Erklärung unzähliger aktueller Konflikte wie beispielsweise dem Krieg in Georgien, den Aufständen im Iran und der politischen Verfassung Russlands, als 95% aller aktuellen journalistischen Erzeugnisse. Nach KdK liest man seine Tageszeitung definitiv mit anderen Augen.

Im Übrigen:

Der oft geäußerte Vorwurf, Huntington leiste dem Kulturdarwinismus Vorschub, halte ich für gewagt und vorallem unreflektiert. Der Mann war in erster Linie ein Realist. Einer, der noch dazu nicht zu knapp die westliche Arroganz mit ihrem unbewussten Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Kulturen kritisierte. In unserem Kulturkreis glaubt man nur zu gerne, dass alle Menschen auf der Welt genauso sein wollen wie wir. Allein schon für die Aufklärung dieses Irrglaubens, hat das Buch 5 Sterne verdient.

Kampf der Kulturen? Doch nur eine Illusion?      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Huntingtons These des Kampfes der Kulturen ist einläuchtend. Allerdings ist er, wenn man das Buch an sich liest, nur schwer zu kritisieren, da er sehr überzeugend, allerdings auch einseitig, argumentiert. Will man die Gesamtzusammenhänge seiner Theorie verstehen, ist eine weitere Literaturarbeit sinnvoll. Huntington beschreibt sehr logisch und plastisch wie sich zukünftige Konflikte entwickeln könnten - Auf jeden Fall empfehlenswert!

Kulturdiskussion      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Sehr interessante thesenhafte Darstellung der Entwicklug der Weltgemeinschaft, seit Ende des kalten Krieges.
Aufschlußreiche Darstellung der Zusammenhänge sowohl zwischen den einzelnen Kulturbereichen als auch innerhalb.
Sehr zu empfehlen, wenn man die Hintergründe der aktuellen Konflikt- und Machtbereiche auf dieser Erde verstehen möchte.

unversönlich      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
das Buch war in gewisser Weise prägend für mehrere Jahre der US Außenpolitik. Huntington hat gewisse Sachverhalte richtig analysiert aber teilweise die falschen Schlussfplgerungen daraus geschlossen. Nichts desto trotz ist das Buch immer noch sehr wichtig, wenn auch überholt.
Den fünften stern verwehre ich dem Buch wegen der unversöhnlichen Haltung und dem mangelnden Glauben an ein friedliches miteinander. Konflikte und Konkurrenz wird es auch weiterhin zwischen Staaten/Kulturen geben, doch hat die Menschheit mitlerweile Instanzen, wie die UNO, die ausgleichend wirken könnten.

Wenige, recht einfach zu widerlegende Grundthesen und zu viel darauf aufgebaut      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
Zunächst die Hauptthese:
Weltpolitik würde nicht mehr primär von verschiedenen Nationalstaaten, Ideologien oder Wirtschaftsgebieten bestimmt, sondern von Auseinandersetzungen oppositioneller Zivilisationen.

Der "Beleg":
Da schnelle Umbrüche, Veränderungen und Modernisierungen in der Gesellschaft die Menschen nach Gemeinsamkeiten (=Halt) suchen liessen, werde der Nationalstaat durch Kleingruppen abgelöst. Da man zwar halb Franzose und halb Italiener sein, aber nicht zur Hälfte einer Religion angehören könne, müsse also die größte Gemeinsamkeit zwangsläufig die Religion sein.
Ergo: Religion ist gemeinschaftsstiftend, daher sind Fundamentalisten auf dem Vormarsch. Kriege würden also Religionskriege sein.



Diese Thesen sind von absolutem Schwarz-Weiß-Denken geprägt.
Die Welt ist weit komplexer, als hier dargestellt wird!

Kann man nicht auch, christlich erzogen, die 10 Gebote verinnerlicht haben und trotzdem in seinem weiteren Leben beispielsweise Kontakt zum Busshismus haben und auch der Reinkarnationslehre etwas abgewinnen?
Das nur mal als Beispiel, wie schnell (und sogar auf oberflächlicher Argumentationsebene) man Huntingtons Grundthesen etwas entgegensetzen kann.

Ein weiterer Faktor der Unseriösität: den Faktor Armut (als Kriegskatalysator) negiert er völlig.

Zudem hat das Heidelberger Institut für Konfliktforschung festgestellt, dass es seit dem 2. Weltkrieg hauptsächlich (ca 2/3) interne Kriege, also z.B. Regimekriege, gab und auch in die Zukunft schauend ergibt sich kein anderes Bild. Dies widerspricht Huntingtons Theorie völlig.


Die Lektüre kann man sich getrost sparen.



Vorschlag für eine Neue Weltordnung      2 von 5.00 Punkten       Verfasser
Zusammen mit Nostradamus gesammelten Prophezeiungen war Samuel Philips Huntingtons "Kampf der Kulturen" eines jener Bücher, die im Zuge von 9/11 im unsicheren Klima des angebrochenen Jahrtausends Bestsellerstatus erlangten. Dabei wussten die wenigsten Leser dass Huntingtons Analyse der weltpolitischen Lage einem 1993 entstandenen Artikel für das hoch angesehene US-Magazin Foreign Affairs, dem konservativeren Gegenstück zur französischen Le Monde, entstammt. Als Reaktion auf das Feedback zu diesem Artikel begann Huntington seinen Artikel zum Buch auszubauen, die Theorien zu vertiefen und weil er ja als Berater des Außenministeriums galt, genoß das Buch sehr schnell große Anerkennung, wie es auch verteufelt wurde. Nun, Huntingtons Prophezeiungen haben sich bisher nicht erfüllt, die Stimmen welche US-Politikern und Thinktanks ein Denken wie im Kalten Krieg vorwerfen sind lauter geworden.

Ursprünglich schrieb Huntington von einem "Clash of Civilisations?", ließ dann aber das Fragezeichen wegfallen und in deutscher Lizenzübersetzung wurde aus dem Zusammenprall der Zivilisationen ein Kampf der Kulturen. Doch so sehr sich Huntingtons Artikel seit 1993 durch Buch und Übersetzung verändert hat, so sehr hat sich auch die Welt verändert. Der Kampf der Kulturen ist lange vor der Jahrtausendwende entstanden, lange vor steigenden Ölpreisen und Rohstoffverknappungsängsten, Huntington konnte das nicht wissen, seine Theorien gehen daher von einer Weltordnung aus, die von der Euphorie des Friedens nach dem Kalten Krieg getragen wird, in der die Nationen keine größeren Probleme haben, als ihre kulturelle Homogenität und Zivilisation durch andere Religionen bedroht zu sehen, denn an der Religion verläuft laut Huntington die Hauptverwerfung im Kampf der Kulturen. Rückblickend wirken Huntingtons Aussagen, wie die Kernstaatenthese zwar ideal, um sich Achsen des Bösen zusammenzuschustern und den Irak als Hort der Al Qaida anzugreifen, doch hoffnungslos veraltet und in Cold-War-Denkmustern verhaftet. Die Aufteilung der Welt in nun regionale Machtzentren und deren Einflusssphären, mit Konflikten an Überschneidungszonen, mag da als ideales Beispiel dienen.

Es ist nicht nur eine gewisse Naivität an Huntington, die von kulturellen und zivilisatorischen Standpunkten ein friedliches Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Regionen in Frage stellt, sondern auch die verschwiegene Implikation eines tiefgehenden WASP-Rassismus, der mitschwingt, aber erst in Huntingtons neuerem Werk "Who are we" zur Geltung kommt. Die USA sollen sich mehr an das kulturell und zivilisatorisch ähnliche Europa annähern, Europa jedoch die Führungskompetenzen der USA anerkennen und sich unterordnen. Im Falle der EU müsste das zu einem Ausschluss von Griechenland und Rumänien führen, da diese als mehrheitlich orthodoxe Staaten in einer Huntingtonschen Weltordnung keinen Platz in "Europa" hätten. Worte wie Überfremdung, ethnische Homogenisierung und Säuberung kennt Huntington anscheinend nicht, lässt Lesern aber die Möglichkeit offen, diese im Einklang mit seinen veralteten Theorien als legitim anzusehen. In den USA sieht Huntington die Ordnung durch die Zuwanderung der Latinos bedroht, dieser würden auf absehbare Zeit zur dominierenden ethnischen Gruppe im Lande werden und in seinem abschließenden fiktiven Szenario unterstellt er ihnen wenig diskret Unpatriotismus, liberale Denkweisen und Sezessionsabsichten, sollten sie Bundesstaaten durch Mehrheitsverhältnisse dominieren.

Huntingtons Latinophobie mag nur ein Beispiel sein, für die "ethnopolitischen", also rassisch-politischen Problemstellungen, die er gekonnt aufzuzeigen vermag. In vielerlei Hinsicht merkt man dem 1996 erschienen Buch an, dass es eher in die Zeit des ausgehenden Kalten Krieges passt, denn in das 21. Jahrhundert. Als typischer "Advisor" vertritt Huntington auch sehr widersprüchliche Standpunkte, welche vielleicht in seinem Geiste zur Außenpolitik eines George W. Bush angeregt haben könnten. So tritt er zwar für eine Internationalisierung ein, lehnt dieser aber gleichzeitig ab, am Beispiel des Haager Kriegsgerichtstribunals, soll dieses zwar alle Staaten umfassen, die USA aber nicht. Neben halbherzigen und eher resignierenden Aussagen zur Internationalisierung und Stärkung solcher Institutionen, wie der erheblich zu liberalen UNO und ihrer daher machtlosen Funktionäre, fußt Huntingtons Kampf der Kulturen auch auf einen schon eher modernen Gefühl der Niederlage, dass weltpolizeiliche Einsätze sinnlos sind, weil keiner die zivilisatorischen Leistungen der USA erkennt und daher vielleicht besser ein isolationistischer Weg einzuschlagen sein. In dieser Hinsicht verteidigt er die damals geschlagenen Republikaner, welche mit Clintons internationalem Engagement sehr unzufrieden waren, jedoch 2003 einen genau solchen Einsatz gegen den Irak riskierten. Am Ende waren es Verfehlungen der Befehlshaber und eine gewisse Arroganz der zu Besatzern gewordenen Befreier, deren ursprünglichen Motive nach mehrmaliger Revidierung als blanke Lügen und Falschinformationen auf Basis von Spekulationen herausstellten.

In der Weltpolitik, die das Bündnis eines Hugo Chavez mit dem Iran erlebt hat, haben Wirtschafts- und Verteidigungsminister mehr Einfluss als kulturelle oder rassische Faktoren. So ist auch Huntington 1996 im Alter von 69 Jahren doch ein träumerischer Idealist gewesen, der durch seine Theorie wirtschaftlichen und politisch-militärischen Faktoren jeglichen Einfluss absprechen wollte, genauso wie der Armut. Selbst in Zeiten des Kalten Krieges, wo die Kernstaatenthese zwischen der US-geführten freien Welt, den Kommunisten und dem fast immer kommunistisch beeinflussten Rest funktioniert haben mag, gab es wie mit Jugoslawien diverse Abweichler vom huntingtonschen Ideal.

Fazit:
Veraltete Theorien, in irreführender Übersetzung, die schlicht und einfach zu sehr in Denkmustern des Kalten Krieges verhaftet sind. Dennoch ein Werk das man nicht nur gelesen, sondern auch darüber nachgedacht haben sollte.

Zeitlose Analyse      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Der deutsche Titel dieses Buches ist so gewählt worden, weil er eingängig (um nicht zu sagen reißerisch) und dramatisch ist, im Gegensatz zum Sinn des Originaltitels. Die Kernaussage des Buches ist schlicht, daß die Menschheit sich in verschiedene Gruppierungen aufteilt (die Kulturen) innerhalb derer die Menschen auf bestimmte Art eine gemeinsame Lebensweise haben, die meist von der Religion bestimmt wird. Die Lebensweise von Menschen aus anderen Kulturen unterscheidet sich meist mehr oder weniger stark, so daß sich jeder Mensch zu seinem Kulturkreis hingezogen fühlt und nicht die Lebensweise kulturell andersartiger Völker annehmen möchte.
Huntington beschreibt in seinem Buch, daß diese Unterschiede nur teilweise und oberflächlich aufgehoben werden, wenn Geld oder Gewalt im Spiel ist, letztenendes die Beziehungen zwischen kulturell gleichen Staaten immer tiefer und über längere Zeiträume gut sind als zwischen Staaten mit unterschiedlichen Kulturen. Die "zusammenführende" Gewalt geht dabei meist von vorübergehend mächtigen Kulturen aus, die früher oder später wieder fallen und anderen Mächten Platz machen.
So war lange Zeit der Westen weltweit tonangebend, kann diese Macht aber heutzutage nicht mehr halten und kämpft gegen den Abstieg an. So erging es vorher schon Ägyptern, Persern, Griechen, Römern und kleineren regionalen Reichen, die auch alle wieder verschwunden sind.
Nach dem Wegfall des Kommunismus, der eigentlich auch als Kultur zu bezeichnen war, ordnet sich jetzt die Welt neu. Dabei gesellt sich Gleiches zu Gleichem, jeder möchte ein möglichst hohes Maß an Freiheit und Wohlstand, mancher sogar die Macht über andere. So war es immer, so wird es immer sein, das liegt in der Natur des Menschen. Dabei wechselt die Stärke der einzelnen Kulturkreise, es kommt zu Kriegen und Konflikten. Und so wird es immer weitergehen, solange es Menschen gibt.

Das ist letztenendes die Aussage dieses Buches, wenn man sich den Sinn des Originaltitels vom Zusammenprall der Kulturen vor Augen hält, ist die Aussage des Autors bei weitem nicht so dramatisch wie oft getan wird. Laut Huntington wird es auf der Welt in greifbarer Zukunft keine vorherrschende Macht geben, sondern viele Mächte, die nebeneinander existieren werden. Der Westen muß näher zusammenrücken, um am Ende nicht ganz von der Bildfläche zu verschwinden.

Einige Längen und Wiederholungen sind schon vorhanden, man hätte das Buch sicher auch um einiges kürzen können. Aber lesenswert ist es allemal.

Die Texte sind Eigentum von Amazon.de.
Die Wiedergabe erfolgt gemäß dem Web Services Licensing Agreement von Amazon und ohne Gewähr.

 Hauptseite "Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert"   Seite 2