Der Untergang des Abendlandes

Oswald Spengler

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 18 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Fundiert und noch immer Top-Aktuell      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Spengler versucht zu beweisen dass alle grossen menschlichen Zivilisationen ein ähnliches Entwicklungsschema aufweisen.
Grundlage ist die Idee dass eine Zivilisation einen Prozess durchlebt, ähnlich dem Lebensprozess eines Menschen.
Geburt - Wachstum - Produktivität - Senilität - Tod.
Die Idee dieses Prozesses ist nicht neu, aber Spengler hat es soweit ich weiss zum ersten mal in dieser fundierten Form und mit zahlreichen
zusätzlichen Basis-Überlegungen auf Papier gebracht.

Grundlage für die Überlegungen bieten die Zivilisationen der Griechen / Römer / Chinesen / Inder und unsere "faustische" Zivilisation.
Dabei versucht Spengler anhand der Mathematik/Kunst/Spiritualität/Religion/Kunst etc etc einen Vergleich zwischen den verschiedenen Kulturen zu ziehen.
Dabei wird klar dass unserer faustischen Kultur grundsätzlich andere Werten und Betrachtungsweisen innewohnen als beispielsweise der indischen,chinesischen oder griechischen.
Dies ist noch nicht verwunderlich, verwunderlich ist dass trotz all der Verschiedenheit jeder Kultur/Zivilisation ein gewisser "Lebensplan" zugrunde liegt.
So etwas wie eine biologische Uhr die tickt.
Nach Spengler durchleben wir in der faustischen Zivilisation gerade die letzte Phase, und bis ins Jahr 2200 wird unsere Kultur in dieser Form untergegangen sein.

Wohlgemerkt: Spengler ist kein Untergangs-Prophet.
Sein Werk würde ich als geschichts-philosophisch betrachten.
Und auch wenn es bereits 90 Jahre alt ist so sind die Betrachtungen und Schlüsse in keinster Weise veraltet.
Im Gegenteil: es wird klar wie stark das Schicksal einer Zivilisation vom Grund-Denken eines Menschenschlages bestimmt wird.
Einem Grund-Denken dass sich in dunkler Vorzeit gebildet hat, vor Jahrtausenden, und weiterbesteht ohne dass dieser Zusammenhang in der Zivilsation wirklich zum Ausdruck käme, respektive ohne dass sich die einzelnen Teile einer Kultur, der einzelne Mensch, darüber im klaren wären.

Insofern ist Spenglers Werk ein Aufklärungswerk und jedem zu empfehlen der sich Gedanken über unsere Zivilisation macht.
Es ist interdisziplinär und wirkt in folgenden Disziplinen: Meta-Mathematik / Geschichte / Philosophie / Soziologie / Ahnenkunde / Psychologie / Zukunftsforschung / Kunstgeschichte etc.

Kantianer aufgepasst, Spengler ist ein Goethianer.
Er versucht zu erkennen, nicht zu verlogifizieren.

Das Buch kann vom Laien verstanden werden.
Spengler bleibt in der Sprache klar und bemüht sich um Verständlichkeit.
Ein Studium der Geschichte wäre natürlich vorteilhaft, aber rudimentäres Wissen über die Gesamt-Zusammenhänge genügen auch.

Kein leichtfertiges Werk.
Zu Empfehlen?
Auf jeden Fall.



Für "starke Denker"      2 von 5.00 Punkten       Verfasser
In seinem 1200S.-Werk mit dem irreführenden Titel "Der Untergang des Abendlandes" stellt sich Oswald Spengler dem Leser als "Geschichtsforscher, Geschichtskenner und Geschichtsphilosoph" vor. Nach des Autors Verständnis besitzt der Geschichtsphilosoph die angeborene, nicht lernbare Fähigkeit, die Bedeutung (d.h. Ablauf und Ziel) der Geschichte zu erkennen. Außer sich selbst benennt O.S. niemanden mit dieser ungewöhnlichen Begabung.
Mit Abendland meint er "die gesamte westliche Welt". Der Untergang (der gesamten ? westlichen Welt) könne - müsse aber nicht - "in einigen hundert Jahren" erfolgen.

Geschichte habe zwar eine Bedeutung, sei aber ansonsten sinnlos. Für ca. 2020 prognostiziert O.S. "starke Denker" , die seine Philosophie und die Bedeutung der Geschichte verstehen werden. Wie die vielen Auflagen des Buches, die Erwähnungen, Zitierungen und pos. Rezensionen vemuten lassen, könnte er sich mit seiner Prognose geirrt haben.

Der "normale Denker" wird indessen große Teile des Werkes (zugestanden : nicht alles) sterbenslangweilig und/oder unverständlich und /oder nichtssagend und/oder fehlerhaft finden. Manche Aussagen sind sogar total abwegig; z.B. daß O.S. den beiden goldsüchtigen Raubmördern Pizarro und Cortez "das Heldentum echter Rassemenschen" bescheinigt.

Oswald Spengler bemängelt an der deutschen Sprache, daß sie ihm nicht die Mittel biete, seine Gedanken präzise darzustellen. Er konstruiert also; z.B. "negerhafter Cäsarenwahn". Was das genau zu bedeuten hat, geht aber auch aus dem Kontext nicht hervor, denn es gibt nirgendwo einen Kontext. O.S. hantiert mit seinen Ideen wie ein Mosaikkünstler, der sein Bild mit der Schaufel gestaltet.

In dem 90S.-Kapitel mit der Überschrift "Pythagoras, Mohammed, Cromwell" wird Cromwell folgendermaßen "behandelt" (und dann nicht wieder): "... Puritanismus ... erscheint im Heere Cromwells und seiner eisernen, bibelfesten ... Independenten, im Kreise der Pythagoräer, die ... das fröhliche Sybaris zerstörten". (Sybaris wurde - nebenbei gesagt - nicht von den Pythagoräern zerstört.) In einigen Nebensätzen werden Mohammed und Pythagoras erwähnt, und ihnen wird geistige Verwandschaft unterstellt. (Ein Vergleich Mohammeds mit dem Münsteraner Knipperdolling wäre treffender.)

Allerdings findet man in diesem Kapitel , wie auch in jedem anderen, "geschichtsphilosophische" Erkenntnisse wie z.B. "Das Gewordene kommt nach dem Werden" oder "Raum verhält sich zu Zeit wie Auge zu Blut, wie Heiliges zu Heldenhaftem". Noch eine Leseprobe: "Das Ausgedehnte wird auch religiös als Augenwelt von dem Ich als Lichtmitte aus erfaßt. Gehör und Getast werden dem Geschehen eingeordnet und das Unsichtbare, dessen Wirkungen man sinnlich verspürt, wird zum Inbegriff des Dämonischen." Hat das etwas mit Puritanismus oder Cromwell zu tun? Der "normale Denker" erkennt es jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Der Titel ist insofern irreführend, als O.S. eigentlich "Große Kulturen" auf Gemeinsamkeiten hin untersucht.
(Große Kulturen: 1. Abendland; 2. antik. Gr.; 3. Rom; 4. Indien; 5. China; 6. Ägypten; 7.Maya; 8.Israel, Babylon, Arabien.)
Große Kulturen SIND für O.S. Lebewesen (nicht: sind wie): Sie werden geboren, reifen, altern und sterben. In entsprechenden Lebensaltern erscheinen laut O.S.analoge Ereignisse und Personen; z.B. die "Zeitgenossen" Aristoteles und Kant; sie seien große Philosophen, aber nicht große Mathematiker gewesen. Oder: Puritanismus bei Pythagoras und Cromwell. Ein Leser findet es besonders tiefsinnig, daß O.S. den Bildhauer Polyklet (geb.480 vor) und den Komponisten J.S.Bach (geb.1685 nach) zu "Zeitgenossen" erklärt. Na, meinetwegen. (Vielleicht kann man mit größerer Berechtigung G.W. Bush zum "Zeitgenossen" von Dschingis Kahn befördern.)
Wenn man nun wüßte, wann Oswald Spengler die "Große Griechische Kultur" untergehen ließ (1453 wäre ein sympathisches Datum), könnte man ausrechnen, wann wir "dran" sind.
Die sogenannte Rechtschreibreform. Ein Schildbürgerstreich
LV

Major though controversial philosophy of universal history      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Spengler's two volumes, originally published in 1918 (with revised edition in 1923, vol.1) and 1922 (vol. 2), rank as a major, though controversial philosophy of universal history. The present edition has a new typesetting and a critical essay by Thomas Zwenger (vol. 2, pp. 677-727). The work still invites comment, and it must be said that its major chapter on religion misleadingly entitled "Problems of Arabian Culture" awaits critical evaluation even more than eighty years alter its original publication. It is based on Spengler's distinction between "Faustfan" and "magical" culture, with Islam, the final Synthesis of all Semitic religions, representing the realm of magic. Hopefully, this new edition will inspire scholars to take another look at what used to be a bestselling title during the author's lifetime (d. 1936). The editor and publisher are to be thanked for making the book available.

und es lässt einen doch wieder los. . .      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ja, Herr Spengler hat ein Mammutwerk geschrieben, das aus seiner Zeit betrachtet, visionär war und uns neue Erkenntnisse brachte.

Doch bei allem Lob stolpere ich bei ihm immer wieder über Stellen, die dermaßen daneben sind, dass ich das Buch irgendwann zur Seite legte:
Beispiele: Über Mann und Frau (S.961 ff.) "Der Mann ... begreift die Kausalität, die Logik des Gewordenen nach Ursache und Wirkung. Das Weib aber ist Schicksal, ist Zeit... Eben deshalb bleibt ihm (dem Weib) das Kausalprinzip ewig fremd." und weiter unten: "Der Mann führt Schlachten ... Das Weib erringt seinen Sieg im Wochenbett. ... Deshalb verachtet das Weib diese andere Geschichte, die Politik des Mannes, die sie nie versteht, von der sie nur weiß, dass sie ihr die Söhne raubt."

Auch wenn das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen ist, zeigt es ein Frauenbild was exemplarisch ist für die dogmatische Argumentation des Herrn Spengler durch das ganze Buch hinweg. Alles ist einfach so, weil er irgendwelche Zusammenhänge sieht und andere ignoriert, so kann er über das Wesen von Millionen Menschen mit einem Satz urteilen, Geschichte nach seinem Gutdünken nochmal völlig re- und weginterpretieren, völlig undifferenziert, ohne kritische Abgrenzung zur Realität. Die Macht der Halbwahrheit ist hier sehr deutlich zu spüren, denn man muss sich im wahrsten Sinne des Wortes "aus seinem Bann lösen", Abstand zu seinen Thesen gewinnen.

Irgendwann auf diesen 1200 Seiten wird man dieser Art der Weltvereinfachung einfach überdrüssig, kann nicht mehr von Dingen lesen, die offensichtlich aus massiv tendenziöser Überinterpretation von Fakten im Lichte einer einzigen, der Spenglerschen, Wahrheit so zurechtgebogen wurden.

Wer also auch die Einseitigkeit dieser Argumentation nicht mag, den kann ich beruhigen: Man muss Herrn Spengler nicht gelesen haben, um sich Gedanken über den Untergang oder Fortbestand des Abendlandes zu machen.


Fels in der Brandung      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
"Das ist der Untergang des Abendlandes" pflegte meine Oma zu sagen, wenn im Fernsehen Berichte über die "Achtundsechziger" - die heutige Politikergeneration - erschienen. Der Titel von Spenglers Buch ist zu einem geflügelten Wort geworden, das den Bekanntheitsgrad seines Werkes bei weitem übertrifft. Schade eigentlich, dass Spengler heute überwiegend negativ beurteilt wird. Er hat den Versuch einer umfassenden vergleichenden Geschichtsbetrachtung unternommen, allein dieser Selbstanspruch macht ihn schon lesenswert. So oder so, historische Analysen sind immer relativ und Ansichtssache. Woran jedoch der Wert eines Historikers gemessen werden kann, ist seine Fähigkeit, auf Grund seiner Betrachtungen der Vergangenheit eine zutreffende Analyse der Gegenwart und eine Prognose für die Zukunft erstellen zu können. Und dies kann Spengler brillant. Generationen von Kritikern und Abschriftstellern haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Schwächen seiner morphologischen Betrachtungsweise herauszustellen. Doch letzten Endes können sie nicht an der Tatsache vorbei, dass Spengler in seiner Vorhersage Recht behalten hat. Die von ihm so genannte "Fellachenkultur" als Zukunftsbild der aufgeklärten Gesellschaft ist tatsächlich eingetroffen - und wir sind Teil von ihr. Vielleicht ist dies der Grund, warum Spengler immer wieder angegriffen wird? Aus der Vielzahl historischer Werke ist "Der Untergang des Abendlandes" wie ein Fels, dem auch der schmutzige Wind politisch verzerrter Urteile nichts anhaben kann. Absolut lesenswert und eine gute Alternative zur Bundeszentrale für politische Bildung.

Ein gigantisches Werk und Zeugnis echter denkerischer Kraft      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Wie sehr Oswald Spengler für mich zu den Hellsichtigen, ja Propheten zählt, messe ich allein an der Tatsache, dass seit dem Erscheinen dieses Werkes kein deutscher Historiker auch nur annähernd ähnlich brilliant auftrat. Weder im Denken noch in der Sprache, kann diesem Giganten einer von ihnen das Wasser reichen. International betrachtet verhält es sich ebenso. Das Werk Samuel Huntingtons -Kampf der Kulturen- zeigt, wie tief und selbstverständlich das Werk Spenglers in der globalen Denkerklasse rezipiert wurde und wird.

Ein in Deutschland vehement verleugneter Autor, von den mediokren Lehrplan-Technokraten für Höhere Schulen totgeschwiegen, vom Mittelmaß in der Wissenschaft beständig geschmäht: dies ist auch eine Bestätigung von Spenglers Aussagen, dass der Westen, die abendländische Kultur (die Faustische, wie er sie nennt) auf abschüssigem Gelände operiert. Wo wahre Größe fehlt, da satteln die Pygmäen ihre Ponys. Immer wieder widmet er sich den Sitzdenkern, wie er sie nennt, den Akademikern, die die Geschichte der Menschheit auf einem Zeitstrahl herauf und herunter fahren sehen - wie die rote Flüssigkeit in einem Thermoterglas.

Spenglers Morphologie der Weltgeschichte führt die Sitzdenker ad absurdum. Das haben sie ihm schon vor rund neunzig Jahren nie verziehen. Oswald Spenglers Werke (lesenwerter Einstieg in sein Denken: Der Mensch und die Technik, ein 80-Seiten-Essay) fehlen in keiner Regierungs-Bibliothek. John F. Kennedy hat die Exemplare geordert, die noch heute in der Bibliothek im Weißen Haus stehen.

Die dümmlichen Versuche, diesen Mann in die Nähe der Nationalsozialisten zu rücken, wollen nicht enden. Doch wen kümmerts denn? Hier haben wir einen Philosophen, verstorben 1936, den diese Gesellschaft (wieder)entdecken muss und wird. Es beruhigt im Grunde, was dort steht. Man ahnt dann wenigstens, wo die Reise hingeht, wo unsere Zivilisation enden wird. Wenn wir uns umblicken, wissen wir zugleich, dass der Prozess bereits im Gange ist. Das hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, das Wort ist viel zu klein für das, wofür uns Spengler die Augen öffnet.

Vieles, was er vor neunzig Jahren verfasst hat, ist genau so eingetreten -ein Grund mehr für seine Neider und Verleumder sich aufzuregen und ihn mit kleinkarierten Kritiken zu überziehen.

Ein Spengler-Zitat: Das Gegenteil von vornehm ist nicht arm, sondern gemein.

Kaufen Sie dieses Werk, es wird Sie nie mehr los lassen!

GELEBTE WAHRHEIT      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein alter Schinken aus der Weltkriegszeit verkündet den Untergang seiner eigenen Kultur, wird anfangs bejubelt, später belächelt und bald darauf zum philosophischen Sondermüll erklärt. Schwarzmalerei. Analogie-Naivität. Herrisches Vokabular. Die Kunst des Totsagens kann so einfach sein.
Dennoch empfehle ich dieses Buch als Genußmittel.

Wer auf der Suche nach einer Geschichtsphilosophie ist und sich vor allem für die Wahrheit interessiert, tut gut daran, sich über die Unzulänglichkeiten Spenglers zu beklagen und es dabei zu belassen; wer jedoch eine weitere Quelle der Inspiration aufstöbern will, sollte seine Wünschelrute bei Seite legen und hier mit beiden Händen schöpfen.
Der vielbeschworene Kulturpessimismus kann dem Autor nur von Leuten vorgeworfen werden, die von seinem Werk lediglich den Titel kennen. Spenglers Empfinden für epochale Mentalitäten, Weltbilder und Zeitgeister zeugt von einem tiefen Verständnis des Fremden und gerät zeitweilig sogar zur Schwärmerei, auf jeden Fall aber sollte diese Arbeit als ungeheure Pionierleistung gewürdigt werden.

Spengler erzählt die "Geschichte der Wahrheit" und meint damit die gelebte Wahrheit innerhalb verschiedener Kulturen. Die ganze Erfahrung des In-der-Welt-Seins, die Innerlichkeit mit der man Religion und das Wissen um die Welt erlebt, die jeweilige Mentalität mit ihren emotionalen und kognitiven Fesseln, all das bezeichnet Spengler mit dem schönen Wort "Seele". Eine kulturgebundene Seele kann der Vergangenheit angehören und dennoch "wahr" sein, in dem Sinne wie auch die moderne Mathematik lehrt, daß durchaus mehrere in sich stimmige Axiom-Systeme unabhängig voneinander existieren können. Der ehemalige Mathematiklehrer Spengler betont dementsprechend die Bedeutung - nicht etwa der Mathematik - sondern des mathemathischen Denkens als ein Paradebeispiel für grundsätzliche kulturelle Unterschiede.

Spengler unterscheidet acht große Kulturkreise - etwa die apollinische, magische oder faustische Kultur - und findet deren authentischen Ausdruck unter anderem in Architektur & Kunst, Literatur & Sprache, Philosophie & Wissenschaft und interessanterweise auch im Geschichtsdenken. Als Kulturphilosoph entwirft der Autor erhellende, zum Teil strahlende Interpretationen menschlichen Wirkens. Selbstbewußt bewegt sich Spengler auch auf dünnem Eis, und mitunter möchte man meinen, er versuche übers Wasser zu laufen.
Die Kritiker haben es leicht.
Aber es handelt sich hier um eines der letzten großen Gemälde der Geschichtsphilosophie und solcher Art Kunstwerke ist nicht mit "wahr oder falsch" beizukommen. Für den einen oder anderen besitzt ein kühner Gedanke, der sich als falsch herausstellt, durchaus seine Berechtigung.

"Es gibt keine ewigen Wahrheiten"      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
In seinem Nachwort schreibt Detlef Felken, Oswalds Spenglers Kulturkritik sei "ein ebenso anregendes wie bedrückendes Werk". Dem ist nichts hinzuzufügen. Schon der Titel "Untergang des Abendlandes" klingt bedrohlich. Spengler verneint den blinden Fortschrittsglauben, etwa eines Turgot, der eine stete Weiterentwicklung der Kultur und des Denkens unterstellt. Statt dessen entwickelt er ein Epochenkonzept von der Frühzeit einer Kultur bis zum Winter der Zivilisation, welches mit "innerster Notwendigkeit", ja "Schicksal" aufeinander folgt: "In diesem Buch wird zum erstenmal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen".

Um es vorwegzunehmen, die abendländische Zivilisation befindet sich nach seiner Einschätzung in der Spätphase der Zivilisation. Dieses Stadium kann jedoch "vom Umfang mehrere Jahrhunderte" andauern, "in deren Anfang wir gegenwärtig stehen".

Viele seiner konservativen Gedankengänge mögen aus heutiger Sicht befremden. Er heiligt den Krieg als "Schöpfer aller großen Dinge" und lehnt den Parlamentarismus als "bürgerliche Revolution mit anderen Mitteln" ab. Äußerungen wie "Das dritte Reich ist das germanische Ideal" wurden ideologisch missbraucht. Sicher, Spengler hat sich von den Nationalsozialisten blenden lassen, aber nachdem die braue Flut ihre wahre Gesinnung zeigte, distanzierte er sich von den "geistig Minderbemittelten". Er nennt Goethe und Nietzsche als diejenigen, denen er alles verdankt. Eine Beurteilung seiner Gedanken kann nur vor dem Hintergrund der konservativen Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts verstanden werden. Mir hat die Vor-Lektüre Martin Greiffenhagens "Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland" sehr geholfen.

Betrachten wir nun seine Morphologie der Geschichte. Spengler unterscheidet vier Kunstepochen: die ägyptische, die antike, die arabische und die abendländische Epoche. Jede Epoche besitzt ihre eigene Zahlenwelt, ihre eigene Wissenschaft und ihre eigene Philosophie: "Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Jede Philosophie ist ein Ausdruck ihrer und nur ihrer Zeit...". (Wie kann Spengler aber dann andere Kulturen vergleichen?). Spengler unterscheidet innerhalb einer Epoche die Kulturphase und die Zivilisationsphase: "Kultur und Zivilisation ? das ist wie der lebendige Leib eines Seelentums und seine Mumie... Kultur und Zivilisation ? das ist ein aus der Landschaft geborener Organismus und der aus der Erstarrung hervorgegangene Mechanismus. Der Kulturmensch lebt nach innen, der zivilisierte nach außen, im Raume, unter Körpern und Tatsachen." Kultur ist Seele, ist Zeit; Zivilisation ist Geist, ist Raum.

Für die antike Epoche bildet Griechenland die Kulturnation, während das römische Reich die Zivilisation verkörpert. Ein Kulturvolk wie das der Griechen ist beseelt. Es denkt an den Augenblick, nicht an die Zukunft: "Die dorische Säule war eine Holzsäule. Darin spricht sich die tiefe Feindseligkeit der antiken Seele gegen die Dauer aus".

Im Abendland begann die Kultur mit der Gotik und trat im 19. Jahrhundert in die Zivilisation ein: "Die Gotik ergreift das ganze Leben bis in seine geheimsten Winkel. Sie hat einen neuen Menschen, eine neue Welt geschaffen." Den Gipfel der abendländischen Kunst erblickt Spengler in der Kammermusik. Über die Renaissance spottet Spengler, dass sie "die wirkliche Antike nicht einmal berührt, geschweige denn verstanden und wiederbelebt" habe. Ihr kommt lediglich der "Charakter einer bloßen Gegenbewegung" zu. Hart sind auch Spenglers Wort über die zeitgenössische Kunst: "Es ist ein Spiel mit toten Formen ... Was heute als Kunst betrieben wird ist Ohnmacht und Lüge."

Die Großstadt ist für Spengler Ausdruck der Zivilisation und Born allen Übels. Dieser unfruchtbare "Steinkoloss Weltstadt steht am Ende des Lebenslaufes einer jeden großen Kultur". In ihr haust der heimatlose, zivilisierte, freie Mensch, der "intellektuelle Nomade". Nur der Kulturmensch zählt zum menschlichen Typus, der Rest ist geschichtslos.

Eng verwoben mit den Begriffen Kultur und Zivilisation sind die Vorstellungen der "apollinischen" Seele und des "faustischen" Geistes. Die sinnliche, den Augenblick genießende Seele bezeichnet Spengler als "apollinisch". In der Kunst spiegelt sich diese Haltung in der Skulptur und dem Akt wider. In der Malerei dominieren die Farben des Vordergrundes gelb und rot. Apollinisch ist auch das antike Drama, in dem die Einzelperson nicht zählt, die Masse alles bedeutet. Die Schauspieler trugen Masken "persona", um ihre individuellen Gesichtszüge zu verbergen.

Im Gegensatz dazu steht die esoterische Weltanschauung des vergeistigten Menschen. Spengler gibt diesem nach Erkenntnis ringenden Geist die Bezeichnung "faustisch". Der Verstand beherrscht seine Überlegungen. Sein Handeln ist sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit gerichtet. Der Augenblick bedeutet ihm nichts. Die Tiefenwirkung der Ölmalerei mit ihren blauen und grünen Hintergrundfarben und die Instrumentalmusik sind Ausdrucksweise dieses Lebensgefühls.

Den Unterschied zwischen Seele und Geist erblickt Spengler auch in den beiden Geschlechtern. "Der Mann erlebt das Schicksal und begreift die Kausalität, die Logik des Gewordenen nach Ursache und Wirkung. Das Weib aber ist Schicksal, ist Zeit, ist die organische Logik des Werdens selbst."

Auch in den gesellschaftlichen Ständen erkennt er diese Polarität. Der Adel verkörpert die Seele, das Priestertum den Verstand. Spengler gerät ins Schwärmen, wenn er von ritterlichen Tugenden wie Ehre und Sitte spricht oder die adeligen Grundwerte Blut, Boden und Rasse rühmt. An der Spitze des Adels steht ein unumschränkter Herrscher wie Napoleon, der sich "zugleich als Träger einer Sendung fühlt ... Wie macht man Politik? ? Der geborene Staatsmann ist vor allem Kenner ... Er hat den Blick der ohne Zögern, unbestechlich den Kreis des Möglichen umfasst. Das Richtige zu tun, ohne es zu wissen." Dem Kaufmanns- und Kriegsadel folgt der Grund- und Geldadel der Wirtschaft: "Um in ihr Erfolg zu haben, muss man Kenner sein ... und braucht kein Wissen". Er beschreibt aber auch die Gefahr der Diktatur des Geldes in der großstädtischen Zivilisation.

Im Unterschied zum Adel ist das Priestertum der Stand der "Gelehrsamkeit". Frei, zeit- und geschichtslos nennt Spengler den Priesterstand. Die Kosterschulen waren der Ursprung der abendländischen Wissenschaft und damit auch der modernen Technik, die den Menschen ins Joch spannt. Der bejahenden Ethik des Rittertums steht die verneinende christliche Moral entgegen. "Ehrlos" ist dem Adligen das Schlimmste, "sündig" dem Gläubigen. Spengler ist überzeugt, dass kein Glaube und keine Worte die Welt verändern oder gar Frieden bringen können: "Nicht die christliche Predigt, der christliche Märtyrer hat die Welt erobert, und dass er die Kraft dazu besaß, verdankt er nicht der Lehre, sondern dem Vorbild des Mannes am Kreuz."

Mein Urteil: In einem geistreichen Plauderton geschrieben, aber zu langatmig.


Heute aktueller denn je      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Der "Untergang des Abendlandes" ist ein großartiges Werk. Die vermittelten Inhalte sind für ein tieferes Verständnis geschichtlicher Zusammenhänge unerlässlich. Das historische Vorwissen eines Lesers muss dennoch nicht sehr groß sein. Mir selbste fehlte Wissen über die chinesische und arabische Geschichte. Trotzdem konnte ich den Ausführungen Spenglers problemlos folgen.

Dem Werk wird oftmals pauschal vorgeworfen "antidemokratisch" zu sein. Spengler selbst war ein Gegner der Weimarer Republik im Speziellen ? was aber überhaupt nicht Thema des Buches ist. Im "Untergang des Abendlandes" beschreibt er die einer jeden Demokratie innewohnenden Selbstzerstörungsmechanismen. Man macht es sich jedoch viel zu einfach, wenn man deswegen dem Werk das Attribut "antidemokratisch" anhängt. Die genannten Mechanismen zu kennen ist in unserer heutigen Zeit des zunehmenden Demokratieabbaus wichtiger denn je. Natürlich wird so ein Buch vom Establishment massiv kritisiert. Ein mit dem Rückenwind vom Establishment geschriebenes Nachwort ist der dtv-Ausgabe des Buches beigefügt. Ich empfehle jedem Leser, das Nachwort wirklich erst nach der Lektüre des Werkes zu lesen. Er wird dann eine ähnlich schlechte Meinung wie ich von dem Nachwort haben.

Ich kann rückblickend keine nicht definierten Begriffe in dem Werk finden. Spengler benutzt zugegebenermaßen manchmal eigenwillige Begriffe ("Tabu", "Totem", "Cäsarismus"), erklärt aber auch, was er damit jeweils meint. Als eins der wichtigsten Argumente wird in dem dtv-Nachwort angeführt, dass viele Wissenschaftler dem Werk ablehnend gegenüberstehen und es nie eine Spengler-Schule gegeben habe. Das ist nicht verwunderlich. Wer könnte in einem System eine akademische Karriere machen, wenn er unangenehme Wahrheiten aufzeigt?


Spengler lohnt die Auseinandersetung      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Spenglers Werk ist zweifelsohne bedeutsam. Hier haben wir es mit einem - vielleich sogar DEM - Klassiker der Anti-Moderne zu tun. Man muss Spenglers anti-demokratische Gesinnung und teils recht bornierten Konservativismus nicht teilen, um nicht scharf- und tiefsinniges in seinem Werk zu finden. Manche seiner Beobachtungen, zum Beispiel über das Phänomen der Kinderlosigkeit in spät-zivilisierten Gesellschaften, lesen sich hoch aktuell und beeindrucken besonders in Anbetracht der fast huntert Jahre, die seit Erscheinen des Buches vergangen sind. Bei den gerade in Deutschland stark ausgeprägten Vorbehalten dem Werk gegenüber stellt sich die Frage: wer hat das Buch überhaupt ganz gelesen? Gewiss ist Spengler methodisch manchmal dunkel, aber nichts desto Trotz ist der Grundgedanke seiner Kritik der Moderne - denn darauf läuft es über weite Strecken hinaus - die Auseinandersetzung wert. In Zeiten, die sich ideologisch immer weniger selbst in Frage stellen, muss das Niveau eines Spenglers erst einmal wieder erreicht werden. An alle, die sich überlegen das Buch zu kaufen: Spengler setzt viel historisches Wissen voraus, manchmal mehr, als selbst sehr gebildete Laien mitbringen.

Die Texte sind Eigentum von Amazon.de.
Die Wiedergabe erfolgt gemäß dem Web Services Licensing Agreement von Amazon und ohne Gewähr.

 Hauptseite "Der Untergang des Abendlandes"   Seite 2