Eine Landkarte der Zeit: Wie Kulturen mit Zeit umgehen

Robert Levine

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 15 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Leider erklärt er nicht, wie der "Chronos" geschöpft wird.      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
"Eine Landkarte der Zeit" zeichnet nur in geringem Maße tatsächlich eine "Landkarte". Relativ rasch wird über empirische Ergebnisse hinweggegangen, dass in wohlhabenden Ländern der Erde die Menschen schneller gehen und dass auch innerhalb von Staaten der selbe Unterschied zwischen Stadt und Land besteht. Großen Raum dagegen nehmen die persönlichen Erfahrungen des Autors, einem US-Amerikaner, als Universitätslehrer in Südamerika ein, in dem ein vom Norden/Westen verschiedenes Zeitkonzept vorherrscht. Ausführlich werden die beiden Zeitbegriffe "Chronos" und "Kairos" geschildert - Zeit, einmal als meßbare Einheit, gedacht als lineare Dimension, die sich sparen oder verlieren lässt, und dann, ganz anders, Zeit als Geschehnis, das Eintreffen kann oder auch nicht, und nur Realität gewinnt, wenn es eintrifft und nicht verloren ist, wenn passiert, was eben stattdessen passiert.
Erstaunlich und etwas bedauerlich finde ich, dass dem Autor ein wesentliches Merkmal der "Chronos"-Zeit nicht offensichtlich geworden ist, nämlich dass Zeit in der "Chronos"-Variante nur in Bezugnahme auf die Zukunft überhaupt sinnvoll als Begriff existieren kann. Zeit "habe" ich nur in Bezug auf ein zukünftiges Ereignis *bis* zu dem ich die Zeit "habe": Muss ich in 2 Wochen oder 23 Stunden eine Präsentation geben, so "besitze" ich jene 2 Wochen oder 23 Stunden. Geschaffen, geschöpft, wird dieser "Besitz" der Zeit aber nur aus jenen (oder "zwischen" jenen) zwei Bezugspunkten "jetzt" und "in 2 Wochen" bzw "in 23 Stunden". Ohne die Vorausschau auf ein zukünftiges Ereignis, ohne zwei Zeitpunkte zu definieren, zwischen denen ich die ("Chronos"-)Zeit messen kann, entfällt auch der chronometrische Begriff der Zeit. Dann tritt Zeit als das in Erscheinung, was sie auch (oder eigentlich) ist, nämlich "ewiges Jetzt" von dem ich immer gleichviel habe, vollkommen unabhängig davon, was in diesem "ewigen" jetzt auch immer passiert. D.h. vollkommen gleich, ob ich in den "verbleibenden" 2 Wochen oder 23 Stunden an meiner Präsentation arbeite oder nicht, meine Arbeit oder mein Müßiggang finden in dieser kurzen(?) Spanne des "ewigen Jetzt" statt - ebenso mein beruflicher Triumph wie auch das Donnerwetter meines Chefs (wenn ich meine Zeit zur Vorbereitung der Präsentation verbummelt habe). Der von der Wirklichkeit abweichende Zeitbegriff (Chronos) ist also eher jener der nördlichen Halbkugel, während viele Afrikaner die Zeit wohl eher so beschreiben, wie sie "tatsächlich" ist, vor jeder Abstraktion und "Zeitschöpfung", also Kairos, Ereigniszeit. ...Und die Betonung liegt hier auf "beschreiben", denn "wahrnehmen" können wir die Zeit allesamt nur als Ereigniszeit - lediglich durch die Abstraktion des Denkens wird sie messbare, quantifizierbare chronometrische Zeit.
Eine solche Analyse hatte ich in Levines Buch vermisst...

Nachdenken über die eigene Zeit und ihre Kultur      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Bei der Vorarbeit zu einem Referates im Soziologiestudium stolperte ich über dieses feine Buch mit fast schon "lebensveränderndem" Potential. Robert Levine ist es in meinen Augen gelungen, eine schöne und geschlossene Einführung in das Thema Zeit unter kulturwissenschaftlichen Aspekten zu geben, ergänzt durch seine eigene Forschungsrabeit mit interessanten Experimenten und Theorien. Es werden sehr viele Quellen und weiterführende Literatur genannt - als Ausgangsbasis für weitere Studien ein echter Volltreffer!

Der Erfahrung nach würden einige deutsche Hardliner-Wissenschaftler das Buch wohl in den popularwissenschaftlichen Bereich einordnen. Und das vermutlich auch nur, weil Levine hier und da einfach schöne kleine Anekdoten in die Themen einbaut, Geschichten von seinen Forschungsreisen und ab und an sogar einen offener Witz. (Humor bei Geisteswissenschaften, wer macht denn sowas...) Ich persönlich habe nie verstanden, warum wissenschaftliche Lektüre immer broternst sein muss - und Levine scheinbar auch nicht. Handwerklich ist nichts an Levines soziologischer Arbeit auszusetzen, auch wenn er oft in anderen Wissenschaften wildert (er selbst ist eigentlich Sozialpsychologe).

Vom Schreibstil (und auch der Übersetzung) her ist das Buch sehr gut - keine langen Schachtelsätze, kein zwanghafter Fremdwort-Gebrauch und viele schöne kleine Absätze und Unterkapitel, so dass man nie vor einigen riesigen Textblock sitzt. Hier könnten sich viele deutschen Forscher noch einiges abschauen.

"Eine Landkarte der Zeit" hat mich dazu angeregt, ernsthaft über viele Alltagssituationen in meinem Leben nachzudenken und mir persönlich ganz neue Blickwinkel ermöglicht. Fazit: Wer pure, tiefgreifende und basisorientierte wissenschaftliche Studien sucht, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Wer jedoch einen Ausblick auf sich, sein Leben und seine eigene Einstellung zu Zeit und Kultur sucht, Spaß beim Lesen haben will UND dabei noch eine sehr gute Einführung über die wissenschaftliche Seite des Themas mitnehmen möchte, sollte SOFORT zuschlagen.

Interessant!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Interessant! 31 Länder mit ihren Zeitkulturen werden erklärt. Habe nicht mehr auf die Uhr geschaut. Hier springt der Funke über!

Interkultureller Smalltalk      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Dieses Buch dürfte für jeden interessant sein, der sich mit interkulturellen Fragen beschäftigt. Levines Studie zum kulturspezifischen Umgang mit Zeit mag in einzelnen Punkten anfechtbar sein (könnte die Genauigkeit öffentlicher Uhren nicht auch weniger abstrakte Gründe als einen lockeren Umgang mit der Ereigniszeit haben?), es bietet aber einen einigermaßen brauchbaren begrifflichen Rahmen um die zahlreichen Beispiele des Autors sowie eventuelle eigene Beobachtungen zu ordnen.
Der Autor bleibt jedoch nicht bei einer klassifikatorischen Beschreibung der Daten stehen, sondern bietet für den kulturbedingten Zeitumgang auch Erklärungen an. Hierfür verweist er in nachvollziehbarer Art und Weise auf den Zusammenhang von Industrialisierung und Zeitkonzept.
Etwas zu kurz gekommen ist meiner Ansicht nach die Frage nach der neuro-physiologischen Repräsentation des Zeitempfindens. Levine beschränkt sich hierbei auf die Andeutung, dass linkshemisphärisches Denken Handlungen und Wahrnehmungen seriell zerlegt und somit erst ein Bewusstsein für zeitliche Abläufe erzeugt, während sich rechtshemisphärisches Denken, bzw. das, was er als künstlerische Aktivität bezeichnet quasi außerhalb eines zeitlichen Kausalitätsbegriffes abspielt. Dem Tenor des ganzen Buchs entsprechend wird diese These eher anekdotisch illustriert als empirisch belegt.
Gut getan hätte dem Band noch ein Anhang mit weiterführender Literatur für diejenigen, die sich in den einen oder anderen Aspekt stärker einlesen möchten. So ist man darauf angewiesen, zwischen dem Text und den Fußnoten hin- und herzublättern und sich Notizen zu machen.
Fazit:Wer noch etwas Material für den nächsten Smalltalk braucht und sich einen gemütlichen Nachmittag machen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.

Eine interessante "Reise" der anderen Art ...      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein sehr interessantes, kurzweiliges und zugleich humorvolles Buch rund um unser wertvollstes Gut und die verschiedenen Möglichkeiten, damit umzugehen.

Man sollte sich die Zeit für dieses Buch einfach gönnen ...

Informative Einführung in die vielfältigen Aspekte der Zeit      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Der amerikanische Psychologe Robert Levine hat mit einfachen Experimenten in 31 Ländern das Lebenstempo berechnet und daraus "Eine Landkarte der Zeit" zusammengestellt. Seine zentralen Fragen für seine langjährigen Forschungsarbeiten lauteten: " In welchen Kulturen ist das Tempo besonders schnell oder besonders langsam? Und wie beeinflusst dieses kulturelle Tempo die Lebensqualität der Menschen?" (S. 177).

Levine untersuchte die Gehgeschwindigkeit für eine Distanz von 100 m in Großstädten, die Bedienungszeiten an Postschaltern und die Genauigkeit von Uhren. Bei der Ermittlung des "Gesamttempos" landete die Schweiz, gefolgt von Irland und Deutschland auf Platz eins; die letzten drei Plätze belegten Brasilien, Indonesien und Mexiko. Bemerkenswert ist, dass sich acht der neun schnellsten Länder in Westeuropa befinden; Japan ist der einzige "Eindringling" in diese geschlossene Gesellschaft. Die USA werden in der Untersuchung auf den 16. Platz im Mittelfeld platziert.

Levine stellt klare positive Ergebnisse in Gesellschaften mit einem hohen Lebenstempo fest, da dieses zu einer höheren wirtschaftlichen Produktivität, höherem Sozialprodukt, mehr Kaufkraft und ganz allgemein zu mehr Zufriedenheit führe. Andererseits schildert der Autor in seinem insgesamt sehr unterhaltsam geschriebenen Buch auch mit viel Sympathie und Humor Anekdoten über seine Erfahrungen in den Ländern mit einem geringen Lebenstempo. Als Resümee seiner Untersuchungen stellt Levine fest: "Wie wir gesehen haben, verweisen meine eigenen Untersuchungen auf positive wie negative Folgen eines schnellen Lebenstempos. Menschen in einer schnelleren Umgebung sind stärker potentiell gesundheitsschädlichem Stress ausgesetzt, was sich etwa in einer höheren Anzahl koronarer Herzerkrankungen zeigt, aber es ist auch wahrscheinlicher, dass sie einen komfortablen Lebensstandard erreichen und, wenigstens teilweise aus diesem Grunde, insgesamt mit ihrem Leben zufriedener sind" (S. 276).

Levine sieht es angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtungen und den damit verbundenen Reisemöglichkeiten zwischen verschiedenen Kulturen als erstrebenswert an, sich kontrolliert dem Zeitbewusstsein eines anderen Lebenstaktes anzupassen. Die Kontrolle über die Zeit, die Bewältigung der Zeitvorstellungen fremder Kulturen, all das sind für Levine positive Erfahrungen. "Und wenn Menschen, die nach der Uhr leben, sich auf eine langsamere Kultur einstellen - nun, was ist denn so schmerzhaft daran, in ein Bewusstsein einzutauchen, in dem persönliche Beziehungen Vorrang vor Leistung haben, in dem Ereignisse ihren natürlichen, spontanen Lauf nehmen dürfen, in dem man Zeit Zeit lässt?" (S. 265)

Das Buch ist auch für Laien durchgängig gut verständlich geschrieben. Es bietet eine sehr gute Einführung in das Thema Zeit.


Die Relativität der Zeit oder Wie Kulturen mit Zeit umgehen      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Der Wissenschaftler Levine hat sich die Mühe gemacht und anhand von ungewöhnlichen Experimenten den Unterschied von Lebenstempo verschiedener Kulturen beschrieben.

Das Buch liest sich streckenweise spannend wie ein Roman mit wissenschaftlichen Touch. Oft musste ich schmunzeln, wenn Levine Geschichten erzählt wie die von den beiden Brüdern aus Afghanistan: beide erschienen am verabredeten Ort, aber jeder von beiden in einem anderen Jahr. Interessant war für mich ein kleiner Einblick in die Lebensart der Japaner. Auch dort scheint zu gelten, dass alles eine Frage der Einstellung (und natürlich auch der Erziehung) zu Arbeit und Zeit ist. Da Levien Amerikaner ist, beschränken sich seine Experimente auf das Gebiet Nordamerikas, was wahrscheinlich bis auf die Stadt New York oder den Bundesstaat Californien für die meisten Deutschen nicht unbedingt nachvollziehbar ist.(Wann werden solche Experimente einmal in Deutschland gemacht?)

Trotzdem ist das Buch sehr zu empfehlen, wenn man Lust auf Sitten und Gebräuche anderer Kulturen hat. Reaktionen während der Lektüre reichen von `Ach jetzt versteh ich das` bis `Oh, Gott, wie peinlich (für mich und mein Verhalten im letzten Urlaub)!`
Es ist ein eindrucksvolles Porträt der Zeit gelungen, dass uns einlädt, unser Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.


Ach du, liebe ZEIT      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Geht es Ihnen auch manchmal so oder jedenfalls so ähnlich?
Unaufschiebbare Termine zerren an Ihnen und Sie fragen sich, wie Sie das nur Alles schaffen sollen? Schließlich haben Sie doch keine ZEIT!
Oder der bangen Überlegung: "Was wollte ich eben noch tun - Was habe ich nur vergessen?", folgt die Furcht vor der Lücke: "Was mach` ich bloß als Nächstes?"

Ach, wie schnell doch unsere Tage im schwarzen Loch der Lebensuhr verschwinden. Die Zeit ist für uns Menschen eben endlich. Dabei kennt unser ZEIT-Erleben durchaus den wohltuend ruhigen und gleichmäßigen Fluss, aber auch die verdichtende Beschleunigung und die breite Verzögerung des ZEITstroms. Im Traum und in besonderen Momenten des Erlebens kann sich der ZEITverlauf sogar aufheben.

ZEIT nimmt man sich nicht - ZEIT hat man! Ist das die Wirklichkeit? Wenn überhaupt, so denken die meisten Menschen im Alltag nur selten an ihr - neben der Gesundheit - kostbarstes Gut, das sie sozusagen von Geburt an besitzen.
Gelegentliche Anlässe, inne zu halten, sich seiner Selbst und damit auch seiner (Lebens)ZEIT bewusst zu werden, sind Sterbefälle, der Jahreswechsel, eine bedrohliche Krankheit, oder - die schönsten Wochen des Jahres.
Für gewöhnlich denken wir an ein 'irgendwie gleichmäßiges Fortschreiten der ZEIT`, die wir in der Regel als 'objektive Gegebenheit` betrachten.
Goethe's hierzulande immer noch als zeitgemäß verstandene Sicht auf diese Gegebenheit lautet: «Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang!» Ein Meister des Zen würde da sicher erstaunten Auges blicken, und seine Antwort auf diese preußische Haltung würde lauten «Tu nicht einfach irgend etwas; sitz` nur da.» Goethe's englisches Pendant, William Shakespeare, hatte seinen Gänsekiel schon differenzierter am Puls der Zeit als sein deutscher Kollege: «Die ZEIT vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell.» So weit, so verschieden.

Schon immer haben die Menschen in anderen Kulturen das Phänomen ZEIT unterschiedlich aufgefasst und gewichtet. Denn jede Kultur hat ihre eigenen ZEITlichen Fingerabdrücke. Ein Volk kennen, heißt die ZEITwerte kennen, mit denen es lebt. Dies gilt auch jenseits der verschiedenen Kalender und sonstigen astro-physikalischen Zeitmesser.

In seinem Buch «Eine Landkarte der Zeit - Wie Kulturen mit Zeit umgehen» untersucht der Kognitionspsychologe Robert Levine das Lebenstempo in 31! Ländern. Levine präsentiert die Ergebnisse dieser Mammut-Aufgabe gut verständlich und lesbar. Dabei führt er sogenannte 'Tempo-Elemente` an, mit deren Hilfe er nicht nur den Einfluss der ZEITmessung auf die verschiedensten Gesellschaften untersucht und sich mit der jeweiligen Lebensqualität beschäftigt. Er schenkt auch unserer häufig unterschlagenen 'psychischen Uhr` die verdiente Beachtung.
So hat er bei der Untersuchung von angenehmen Erfahrungen festgestellt, dass Menschen diejenigen Tätigkeiten, in denen sie erfolgreich waren, als bedeutend kürzer einschätzen als solche, in denen sie versagt haben. Beim sehnsüchtigen Warten auf die Rückkehr eines geliebten Menschen dagegen spüren wir das Vergehen der ZEIT sehr viel intensiver, als uns gelegentlich lieb ist.
Eine unter zahlreichen Besonderheiten, die das Lesevergnügen erhöhen, hat Levine bei burmesischen Mönchen gefunden. Sie wissen, dass es morgens ZEIT ist aufzustehen, «wenn es hell genug ist, dass man die Adern auf der Hand erkennt.»
Unser Sprichwort «ZEIT ist Geld», wird von Jäger-& Sammler Völkern wahrlich anders gesehen. Das Kapauku-Volk in Papua Neu-Guinea ist davon überzeugt, dass es nicht gut ist, an zwei aufeinander folgenden Tagen zu arbeiten. Eine Angehörige des australischen Dobe-Volkes sammelt in einem Tag die Nahrung, die sie braucht, um ihre Familie drei Tage zu versorgen. Der Rest der ZEIT gehört ihr. Und wie nutzen wir den durch Technik und allgemeine Schnelllebigkeit gewonnenen Lebensrohstoff ZEIT?
Bei seinen Untersuchungen erkennt Levine eine enge Beziehung zwischen dem Klima und den Tempo-Elementen. Das höchste Lebenstempo hat Levine in der Schweiz, in Irland und in Deutschland gemessen. Die Länder mit dem niedrigsten Tempo waren Brasilien, Indonesien und Mexiko.
Mexiko, du hast es besser, möchte man da ausrufen!

Bei den Tuareg heißt es: «Der Mensch hat die Uhren erfunden und Gott die ZEIT.» Wer wollte das bezweifeln. Gönnen wir uns doch an dieser Stelle einfach etwas ZEIT und erinnern uns an die kleine Waise "Momo", die gegen die "ZEITsparkasse der grauen Herren" kämpft.
Ihr Schöpfer, der bekannte Buchautor Michael Ende, hat ihr viele Freunde in dem gleichnamigen Buch von 1973 zur Seite gestellt. Denn Momo hat die Gabe, außergewöhnlich gut zuhören zu können.
Das idyllische Leben der Momo in ihrem Amphitheater zerbricht, als merkwürdige, Zigarre rauchende graue Herren die Menschen überreden, ihre Lebenszeit bei einer "ZEITsparkasse" zu deponieren. Alle beginnen, wie besessen zu arbeiten, ihre ZEIT zu sparen - und bringen sich so um ihr Glück und ihre Freundschaften. Vergeblich versucht Momo ihren Freunden zu erklären, daß sie um ihre ZEIT betrogen werden. Verzweifelt läßt sie sich von der Schildkröte Kassiopeia zu Meister Hora, dem Hüter und Verwalter aller menschlichen ZEIT bringen. Daraufhin weiht Hora sie in das Geheimnis der Stundenblumen und der ZEIT ein.
Als Momo in ihr Amphitheater zurückkehrt, ist ein Jahr vergangen. Alles hat sich verändert: Eine hektische Großstadt erwartet sie, in der keiner mehr ZEIT für den anderen hat. Momo ist verlassen und einsam. Auf diesen Augenblick haben die grauen Herren gewartet. Sie wissen, daß Momo ihnen gefährlich werden kann und versuchen, sie zu erpressen. Wenn sie ihre Freunde von dem schrecklichen Spuk erlösen will, muß sie die ZEITdiebe zu Meister Hora führen, denn sie wollen sich in den Besitz aller menschlichen ZEIT bringen. Belagert von den grauen Herren hält Meister Hora die ZEIT der Welt an: Eine Stunde bleibt Momo und ihrer Schildkröte, um den ZEITspeicher der "grauen Herren" zu finden und zu zerstören, denn ohne die gestohlene ZEIT können diese nicht existieren.
Nur mit einer Stundenblume in der Hand macht sich Momo schließlich auf den Weg ...

Gewiss, diese Geschichte ist ein Gleichnis, aber keineswegs nur Fiktion.
Siebenundzwanzig Jahre später greift die schwedische Autorin Bodil Jönsson die katastrophalen Auswirkungen einer "ZEITsparkasse" erneut auf. In einem Beispiel, sie nennt es ihr Lieblingsbeispiel, beschreibt sie, wie unsinnig es ist, wenn wir in der (sogenannten) westlichen Welt davon sprechen "ZEIT zu sparen." Die Dame ist immerhin Professorin für Physik an der renommierten Universität im schwedischen Lund.
Nun ist ZEIT nicht zuletzt auch ein physikalisches Phänomen und gerade deshalb ist Bodil Jönsson professionell entsprechend präpariert. Aber an der Neuauflage 'einer kleinen Geschichte der ZEIT` wie bei Stephen Hawking's ist sie nicht interessiert. Vielmehr nähert sie sich dem Zusammenhang von ZEIT + Lebensqualität. Vielmehr erinnern Jönsson`s Fragen und Phantasien an die junge und hellwache Protagonistin aus "Sofies Welt" von Jostein Gaardner.

Ihr Buch "Zeit - Wie man ein verlorenes Gut zurückgewinnt", hat im Übrigen nicht das Mindeste mit einer persönlichen Seelenschau zu tun.
So konstruiert Jönsson ein Fallbeispiel, das dem Gedanken nach vertraut erscheint.
Also liebe Leser, nehmen wir einmal an, ihr Arbeitsplatz liegt fünfzig Kilometer von ihrer Wohnung entfernt, so dass sie jeden Tag einhundert Kilometer mit dem Auto fahren müssen. Vielleicht schaffen sie das in einer Stunde. «Aber brauchen sie wirklich eine Stunde, um einhundert Kilometer zu fahren?» Betriebswirtschaftlich betrachtet kostet es sie etwa 50,- DM, diese Strecke mit dem Auto zu fahren. Ihr durchschnittlicher Nettoverdienst pro Stunde liegt bei 20,- DM. Das bedeutet, so folgert Jönsson, das sie täglich alleine zweieinhalb Stunden arbeiten, um ihre Autofahrt zu finanzieren. Denn ZEIT ist ja schließlich Geld, oder?
Sie brauchen also nicht eine Stunde für die einhundert Kilometer, sondern 1+2,5: das heißt dreieinhalb Stunden. Damit beträgt ihre durchschnittliche Geschwindigkeit 28,6 km/h (3,5h auf 100 Kilometer). «Also könnten sie ebenso gut mit dem Rad fahren.»

Nun ja, die Wenigsten werden deshalb ab morgen den Drahtesel bevorzugen.
Aber solche Gleichnisse können manchmal ganz hilfreich sein, bestimmte Dinge im Leben zu überdenken. Und fest steht, dass vieles durchaus nicht so schnell geht, wie wir uns oft genug vormachen. «Für einen vermeintlichen ZEITgewinn bezahlen wir stets mit zusätzlichem Arbeitseinsatz.» Unsere täglichen Bemühungen, den Faktor ZEIT in das Ergebnis Geld umzumünzen, werden durch solche Beispiele relativiert. Folgt man der Autorin, dann ist «...jedenfalls jeder Ansatz, der die in dem Satz 'ZEIT ist Geld` ausgedrückte Vorstellung erschüttert, zu begrüßen.»
Dem zuzustimmen fällt nicht schwer, denn 'ZEIT ist Leben`, und zwar in allererster Linie.
Ihnen noch eine schöne ZEIT!


Interessante Faktenauflistung, kein roter Faden      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Kern des Buches ist eine Untersuchungsreihe des Autors über das Lebenstempo gemessen anhand einiger Kriterien wie der Geldwechselgeschwindigkeit im Postamt in 31 Ländern und zahlreichen Städten. Darum herum liefert der Autor interessante Informationen über das Zeitverständnis in verschiedenen Kulturen der Welt. Leider gelingt es dem Autor nicht das alles in zusammenhängende, gut lesbare Form zu bringen. Für mich wirkt das wie zu Buch gewordene Notizzettel, die der Autor zusammengestellt hat, um mehr Inhalt rund um seine Studienergebnisse zu bekommen. Das eigentlich interessante "Drumherum" kommt daher an vielen Stellen zu kurz, etwa die Besprechung, was die einzelnen Kulturen von ihrem höheren oder niedrigerem Lebenstempo haben, die Besprechung der Studienergebnisse sind dürftig. Und trotzdem kann ich das Buch empfehlen, da es viele interessante Fakten zum Thema Lebenstempo beinhaltet.

Sich nicht der Uhr versklaven.      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Dieses Buch ist wirklich toll: 1. Es zeigt, daß wir unter unterschiedlichen Bedingungen und unterschiedlichen Regionen Zeit anders wahrnehmen. 2. Es zeigt daß der Umgang mit der Zeit mit wirtschaftlichem Erfolg zusammenhängt. 3. Es zeigt den Wert unserer subjektiven Zeit (esse ich, weil es Zeit ist oder weil ich Hunger habe?). Das Buch verschafft uns ein anderes Verhältnis zur Zeit. Dennoch hätte ich mir eine genauere Analyse der Falluntersuchungen gewünscht.

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