Levine untersuchte die Gehgeschwindigkeit für eine Distanz von 100 m in Großstädten, die Bedienungszeiten an Postschaltern und die Genauigkeit von Uhren. Bei der Ermittlung des "Gesamttempos" landete die Schweiz, gefolgt von Irland und Deutschland auf Platz eins; die letzten drei Plätze belegten Brasilien, Indonesien und Mexiko. Bemerkenswert ist, dass sich acht der neun schnellsten Länder in Westeuropa befinden; Japan ist der einzige "Eindringling" in diese geschlossene Gesellschaft. Die USA werden in der Untersuchung auf den 16. Platz im Mittelfeld platziert.
Levine stellt klare positive Ergebnisse in Gesellschaften mit einem hohen Lebenstempo fest, da dieses zu einer höheren wirtschaftlichen Produktivität, höherem Sozialprodukt, mehr Kaufkraft und ganz allgemein zu mehr Zufriedenheit führe. Andererseits schildert der Autor in seinem insgesamt sehr unterhaltsam geschriebenen Buch auch mit viel Sympathie und Humor Anekdoten über seine Erfahrungen in den Ländern mit einem geringen Lebenstempo. Als Resümee seiner Untersuchungen stellt Levine fest: "Wie wir gesehen haben, verweisen meine eigenen Untersuchungen auf positive wie negative Folgen eines schnellen Lebenstempos. Menschen in einer schnelleren Umgebung sind stärker potentiell gesundheitsschädlichem Stress ausgesetzt, was sich etwa in einer höheren Anzahl koronarer Herzerkrankungen zeigt, aber es ist auch wahrscheinlicher, dass sie einen komfortablen Lebensstandard erreichen und, wenigstens teilweise aus diesem Grunde, insgesamt mit ihrem Leben zufriedener sind" (S. 276).
Levine sieht es angesichts der zunehmenden internationalen Verflechtungen und den damit verbundenen Reisemöglichkeiten zwischen verschiedenen Kulturen als erstrebenswert an, sich kontrolliert dem Zeitbewusstsein eines anderen Lebenstaktes anzupassen. Die Kontrolle über die Zeit, die Bewältigung der Zeitvorstellungen fremder Kulturen, all das sind für Levine positive Erfahrungen. "Und wenn Menschen, die nach der Uhr leben, sich auf eine langsamere Kultur einstellen - nun, was ist denn so schmerzhaft daran, in ein Bewusstsein einzutauchen, in dem persönliche Beziehungen Vorrang vor Leistung haben, in dem Ereignisse ihren natürlichen, spontanen Lauf nehmen dürfen, in dem man Zeit Zeit lässt?" (S. 265)
Das Buch ist auch für Laien durchgängig gut verständlich geschrieben. Es bietet eine sehr gute Einführung in das Thema Zeit.
Das Buch liest sich streckenweise spannend wie ein Roman mit wissenschaftlichen Touch. Oft musste ich schmunzeln, wenn Levine Geschichten erzählt wie die von den beiden Brüdern aus Afghanistan: beide erschienen am verabredeten Ort, aber jeder von beiden in einem anderen Jahr. Interessant war für mich ein kleiner Einblick in die Lebensart der Japaner. Auch dort scheint zu gelten, dass alles eine Frage der Einstellung (und natürlich auch der Erziehung) zu Arbeit und Zeit ist. Da Levien Amerikaner ist, beschränken sich seine Experimente auf das Gebiet Nordamerikas, was wahrscheinlich bis auf die Stadt New York oder den Bundesstaat Californien für die meisten Deutschen nicht unbedingt nachvollziehbar ist.(Wann werden solche Experimente einmal in Deutschland gemacht?)
Trotzdem ist das Buch sehr zu empfehlen, wenn man Lust auf Sitten und Gebräuche anderer Kulturen hat. Reaktionen während der Lektüre reichen von `Ach jetzt versteh ich das` bis `Oh, Gott, wie peinlich (für mich und mein Verhalten im letzten Urlaub)!`
Es ist ein eindrucksvolles Porträt der Zeit gelungen, dass uns einlädt, unser Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Ach, wie schnell doch unsere Tage im schwarzen Loch der Lebensuhr verschwinden. Die Zeit ist für uns Menschen eben endlich. Dabei kennt unser ZEIT-Erleben durchaus den wohltuend ruhigen und gleichmäßigen Fluss, aber auch die verdichtende Beschleunigung und die breite Verzögerung des ZEITstroms. Im Traum und in besonderen Momenten des Erlebens kann sich der ZEITverlauf sogar aufheben.
ZEIT nimmt man sich nicht - ZEIT hat man! Ist das die Wirklichkeit? Wenn überhaupt, so denken die meisten Menschen im Alltag nur selten an ihr - neben der Gesundheit - kostbarstes Gut, das sie sozusagen von Geburt an besitzen.
Gelegentliche Anlässe, inne zu halten, sich seiner Selbst und damit auch seiner (Lebens)ZEIT bewusst zu werden, sind Sterbefälle, der Jahreswechsel, eine bedrohliche Krankheit, oder - die schönsten Wochen des Jahres.
Für gewöhnlich denken wir an ein 'irgendwie gleichmäßiges Fortschreiten der ZEIT`, die wir in der Regel als 'objektive Gegebenheit` betrachten.
Goethe's hierzulande immer noch als zeitgemäß verstandene Sicht auf diese Gegebenheit lautet: «Was verkürzt mir die Zeit? Tätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? Müßiggang!» Ein Meister des Zen würde da sicher erstaunten Auges blicken, und seine Antwort auf diese preußische Haltung würde lauten «Tu nicht einfach irgend etwas; sitz` nur da.» Goethe's englisches Pendant, William Shakespeare, hatte seinen Gänsekiel schon differenzierter am Puls der Zeit als sein deutscher Kollege: «Die ZEIT vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell.» So weit, so verschieden.
Schon immer haben die Menschen in anderen Kulturen das Phänomen ZEIT unterschiedlich aufgefasst und gewichtet. Denn jede Kultur hat ihre eigenen ZEITlichen Fingerabdrücke. Ein Volk kennen, heißt die ZEITwerte kennen, mit denen es lebt. Dies gilt auch jenseits der verschiedenen Kalender und sonstigen astro-physikalischen Zeitmesser.
In seinem Buch «Eine Landkarte der Zeit - Wie Kulturen mit Zeit umgehen» untersucht der Kognitionspsychologe Robert Levine das Lebenstempo in 31! Ländern. Levine präsentiert die Ergebnisse dieser Mammut-Aufgabe gut verständlich und lesbar. Dabei führt er sogenannte 'Tempo-Elemente` an, mit deren Hilfe er nicht nur den Einfluss der ZEITmessung auf die verschiedensten Gesellschaften untersucht und sich mit der jeweiligen Lebensqualität beschäftigt. Er schenkt auch unserer häufig unterschlagenen 'psychischen Uhr` die verdiente Beachtung.
So hat er bei der Untersuchung von angenehmen Erfahrungen festgestellt, dass Menschen diejenigen Tätigkeiten, in denen sie erfolgreich waren, als bedeutend kürzer einschätzen als solche, in denen sie versagt haben. Beim sehnsüchtigen Warten auf die Rückkehr eines geliebten Menschen dagegen spüren wir das Vergehen der ZEIT sehr viel intensiver, als uns gelegentlich lieb ist.
Eine unter zahlreichen Besonderheiten, die das Lesevergnügen erhöhen, hat Levine bei burmesischen Mönchen gefunden. Sie wissen, dass es morgens ZEIT ist aufzustehen, «wenn es hell genug ist, dass man die Adern auf der Hand erkennt.»
Unser Sprichwort «ZEIT ist Geld», wird von Jäger-& Sammler Völkern wahrlich anders gesehen. Das Kapauku-Volk in Papua Neu-Guinea ist davon überzeugt, dass es nicht gut ist, an zwei aufeinander folgenden Tagen zu arbeiten. Eine Angehörige des australischen Dobe-Volkes sammelt in einem Tag die Nahrung, die sie braucht, um ihre Familie drei Tage zu versorgen. Der Rest der ZEIT gehört ihr. Und wie nutzen wir den durch Technik und allgemeine Schnelllebigkeit gewonnenen Lebensrohstoff ZEIT?
Bei seinen Untersuchungen erkennt Levine eine enge Beziehung zwischen dem Klima und den Tempo-Elementen. Das höchste Lebenstempo hat Levine in der Schweiz, in Irland und in Deutschland gemessen. Die Länder mit dem niedrigsten Tempo waren Brasilien, Indonesien und Mexiko.
Mexiko, du hast es besser, möchte man da ausrufen!
Bei den Tuareg heißt es: «Der Mensch hat die Uhren erfunden und Gott die ZEIT.» Wer wollte das bezweifeln. Gönnen wir uns doch an dieser Stelle einfach etwas ZEIT und erinnern uns an die kleine Waise "Momo", die gegen die "ZEITsparkasse der grauen Herren" kämpft.
Ihr Schöpfer, der bekannte Buchautor Michael Ende, hat ihr viele Freunde in dem gleichnamigen Buch von 1973 zur Seite gestellt. Denn Momo hat die Gabe, außergewöhnlich gut zuhören zu können.
Das idyllische Leben der Momo in ihrem Amphitheater zerbricht, als merkwürdige, Zigarre rauchende graue Herren die Menschen überreden, ihre Lebenszeit bei einer "ZEITsparkasse" zu deponieren. Alle beginnen, wie besessen zu arbeiten, ihre ZEIT zu sparen - und bringen sich so um ihr Glück und ihre Freundschaften. Vergeblich versucht Momo ihren Freunden zu erklären, daß sie um ihre ZEIT betrogen werden. Verzweifelt läßt sie sich von der Schildkröte Kassiopeia zu Meister Hora, dem Hüter und Verwalter aller menschlichen ZEIT bringen. Daraufhin weiht Hora sie in das Geheimnis der Stundenblumen und der ZEIT ein.
Als Momo in ihr Amphitheater zurückkehrt, ist ein Jahr vergangen. Alles hat sich verändert: Eine hektische Großstadt erwartet sie, in der keiner mehr ZEIT für den anderen hat. Momo ist verlassen und einsam. Auf diesen Augenblick haben die grauen Herren gewartet. Sie wissen, daß Momo ihnen gefährlich werden kann und versuchen, sie zu erpressen. Wenn sie ihre Freunde von dem schrecklichen Spuk erlösen will, muß sie die ZEITdiebe zu Meister Hora führen, denn sie wollen sich in den Besitz aller menschlichen ZEIT bringen. Belagert von den grauen Herren hält Meister Hora die ZEIT der Welt an: Eine Stunde bleibt Momo und ihrer Schildkröte, um den ZEITspeicher der "grauen Herren" zu finden und zu zerstören, denn ohne die gestohlene ZEIT können diese nicht existieren.
Nur mit einer Stundenblume in der Hand macht sich Momo schließlich auf den Weg ...
Gewiss, diese Geschichte ist ein Gleichnis, aber keineswegs nur Fiktion.
Siebenundzwanzig Jahre später greift die schwedische Autorin Bodil Jönsson die katastrophalen Auswirkungen einer "ZEITsparkasse" erneut auf. In einem Beispiel, sie nennt es ihr Lieblingsbeispiel, beschreibt sie, wie unsinnig es ist, wenn wir in der (sogenannten) westlichen Welt davon sprechen "ZEIT zu sparen." Die Dame ist immerhin Professorin für Physik an der renommierten Universität im schwedischen Lund.
Nun ist ZEIT nicht zuletzt auch ein physikalisches Phänomen und gerade deshalb ist Bodil Jönsson professionell entsprechend präpariert. Aber an der Neuauflage 'einer kleinen Geschichte der ZEIT` wie bei Stephen Hawking's ist sie nicht interessiert. Vielmehr nähert sie sich dem Zusammenhang von ZEIT + Lebensqualität. Vielmehr erinnern Jönsson`s Fragen und Phantasien an die junge und hellwache Protagonistin aus "Sofies Welt" von Jostein Gaardner.
Ihr Buch "Zeit - Wie man ein verlorenes Gut zurückgewinnt", hat im Übrigen nicht das Mindeste mit einer persönlichen Seelenschau zu tun.
So konstruiert Jönsson ein Fallbeispiel, das dem Gedanken nach vertraut erscheint.
Also liebe Leser, nehmen wir einmal an, ihr Arbeitsplatz liegt fünfzig Kilometer von ihrer Wohnung entfernt, so dass sie jeden Tag einhundert Kilometer mit dem Auto fahren müssen. Vielleicht schaffen sie das in einer Stunde. «Aber brauchen sie wirklich eine Stunde, um einhundert Kilometer zu fahren?» Betriebswirtschaftlich betrachtet kostet es sie etwa 50,- DM, diese Strecke mit dem Auto zu fahren. Ihr durchschnittlicher Nettoverdienst pro Stunde liegt bei 20,- DM. Das bedeutet, so folgert Jönsson, das sie täglich alleine zweieinhalb Stunden arbeiten, um ihre Autofahrt zu finanzieren. Denn ZEIT ist ja schließlich Geld, oder?
Sie brauchen also nicht eine Stunde für die einhundert Kilometer, sondern 1+2,5: das heißt dreieinhalb Stunden. Damit beträgt ihre durchschnittliche Geschwindigkeit 28,6 km/h (3,5h auf 100 Kilometer). «Also könnten sie ebenso gut mit dem Rad fahren.»
Nun ja, die Wenigsten werden deshalb ab morgen den Drahtesel bevorzugen.
Aber solche Gleichnisse können manchmal ganz hilfreich sein, bestimmte Dinge im Leben zu überdenken. Und fest steht, dass vieles durchaus nicht so schnell geht, wie wir uns oft genug vormachen. «Für einen vermeintlichen ZEITgewinn bezahlen wir stets mit zusätzlichem Arbeitseinsatz.» Unsere täglichen Bemühungen, den Faktor ZEIT in das Ergebnis Geld umzumünzen, werden durch solche Beispiele relativiert. Folgt man der Autorin, dann ist «...jedenfalls jeder Ansatz, der die in dem Satz 'ZEIT ist Geld` ausgedrückte Vorstellung erschüttert, zu begrüßen.»
Dem zuzustimmen fällt nicht schwer, denn 'ZEIT ist Leben`, und zwar in allererster Linie.
Ihnen noch eine schöne ZEIT!
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