Opa war kein Nazi: Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis

Harald Welzer

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 2.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 5 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Ressentiment statt Wissenschaft      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ich halte dieses Buch für ein großes Ärgernis, nicht weil mir seine Tendenz missfällt, sondern weil ich seine Ausgangsthesen teile, aber die Methode der Beweisführung durch Auswertung von Gesprächen für katastrophal missglückt halte.
Wer als Jurist (in meinem Fall als Richter) ständig mit dem Gedächtnis anderer Menschen zu arbeiten hat, der weiß einerseits, wie sehr der Umgang damit von den Bedürfnissen des Systems (in meinem Fall der Justiz) und den emotionalen der Erinnernden geprägt ist und andererseits wie weit man sich dabei von der Wahrheit entfernt. In den letzten Jahren hat die Hirnforschung viel zur Aufklärung des Funktionierens des Gedächtnisses beigetragen und auf seine Abhängigkeit von Emotionen und anderen vorbestehenden Mustern verwiesen.
Es ist deshalb nicht nur wegen der auch von mir allenthalben im Privaten zu beobachtenden Stimmungslage hoch plausibel, dass - so die Kernthesen des Buches - das Familiengedächtnis die NS-Erinnerung nach den Loyalitätsbedürfnissen der Familienmitglieder schönt, es daher kaum Täter- aber viele edle Widerstandsgeschichten gibt usw. Auch die später durchgeführte Emnid-Umfrage beweist das.
Der Kardinalfehler der Untersuchung liegt aber in dem Irrtum, man könne diese Ausgangsannahmen allein durch Lektüre der Gesprächsprotokolle (immanente Textkritik) und ohne Rekurs auf die dahinter stehende reale Geschichte nachweisen.
Zur Erklärung ein scheinbar triviales Beispiel: Wenn in einer Familie mit drei Kindern jedes Kind behauptet, man hätte ein Hähnchen gegessen und jedes habe dabei eine Keule abbekommen, dann weiß man im vorhinein, dass das nicht stimmt. (So wie wir wissen, dass in der NS-Zeit nicht bloß 6 % der Kriegsgeneration dem NS-Staat positiv gegenüberstanden, wie die emnid-Befragung ergibt, und 14 % Widerstand leisteten). Aber wenn man nachweisen will, welches der Kinder sich nicht richtig erinnert, muss man entweder nach logischen Fehlern suchen (Sah die Keule wie ein Flügel aus?) oder man muss aus anderen Quellen schöpfen. Wenn man aber von jedem der Kinder behauptet, dass es lügt, erweist man sich als voreingenommen.
Einerseits wird hervorgehoben, dass gerade die Unvollständigkeit, Widersprüchlichkeit und Vagheit der Äußerungen das Medium für das Verfassen der jeweils eigenen Erinnerung darstellt, aber dennoch werden im Interview keine aufklärenden Nachfragen stellt, die z.B. nachweisen könnten, dass eine neutrale Geschichte der Großeltern von den Enkeln zur heroischen Tat stilisiert wird. Das führt in der Interpretation zur Kaffeesatzleserei.
Vielfach ist nicht einmal mehr klar, ob es sich überhaupt noch um die gleiche Geschichte handelt.
Ich habe auf Seite 96 aufgehört zu lesen. Dort wird versucht, die wiederum plausible These nachzuweisen, dass vielfach Flucht- und Opfergeschichten aus Versatzstücken aus Filmen und Holocaust-Geschichten bestehen. Wenn man aber gleichzeitig weiß, dass auch die Flüchtlinge in Viehwagen voller Exkremente fahren mussten und Erschießungen und Verstümmelungen mit ansahen, dann bleibt die Behauptung "es sind aber wohl viel eher die Überlagerungen dieses Erlebnisses mit visuellen und narrativen Repräsentationen, die dem Holocaust entstammen, die die Erzählung bestimmen" nichts weiter als willkürliches, prätentiöses Geschwätz.
Ich fürchte, hinter diesem Fehlschlag steckt ein Ressentiment gegen das Erinnern der Leiden der Deutschen. Die Opferrolle scheint für Autoren wie Welzer allein durch den Holocaust bestimmt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass er an anderer Stelle (Radebold u.a. Transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Belastungen, S. 84) ernsthaft die Frage stellt, ob es überhaupt Sinn habe, sich an Dinge wie den Bombenkrieg etc. zu erinnern, "die man unter politischen und moralischen Gesichtspunkten besser vergisst". Man klingt wie ein Revanchist, wenn man das zu kritisieren hat, aber gerade weil Welzer Recht hat, wenn er sich um das Geschichtsverständnis der Enkel Sorgen macht, ist sein Buch so gefährlich: Die Enkel werden sein Ressentiment spüren und sich umso mehr in der Loyalität zu ihre Nazi-Opa bestätigt fühlen.

Erst 20Seiten,schon gelangweilt!      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Mein Geschichtslehrer meinte, dieses Buch sei sehr gut und sehr interessant. Nun weiß ich, was ER unter sehr interessant versteht. Nämlich etwas ganz anderes, als ich.
Ich lese sehr gerne und sehr viel, auch über das Dritte Reich, aber der Schreibstil dieses Buches ist so schleppend, dass es keinen richtigen Spaß macht sich durch die Seiten zu lesen, um zu wissen wie es weiter geht und was letzendlich bei der Analyse rauskommt. Nun haben es sich sehr viele aus meinem Geschichtskurs bestellt und bereuen. Bereuen tue ich es nicht,denn diese Analse ist schon interessant, aber man hätte sie dennoch spannender verpacken können, als mit einer dreiseitigen Analyse eines Satzes.

schade      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
der eigentlich interessante ansatz verschwindet leider hinter dem, wie es scheint, gewollten konstrukt der autoren.
lapidar formuliert könnte man das fazit dieser untersuchung formulieren als: "statt sich ihre schuld einzugestehen, beschönigen die ihre verbrecherische vergangenheit, diese nazis!"
und diesem fazit wird jegliche "analyse" unterworfen. die argumentation ist stellenweise schlichtweg lächerlich, und die ergebnisse teilweise weder logisch noch nachvollziehbar.
dies begründet sich hauptsächlich auf die irrige grundannahme, daß so etwas wie ein allzeit konsistentes ethisch-moralisches grundgebot rückwirkend zur anwendung gebacht werden kann. was jedem, der sich ein bisschen mit geschichte auskennt zwangsläufig zumindest suspekt erscheinen muß.
ferner gehen die autoren stellenweise nicht auf das gesagte ein, sondern hängen sich spitzfindig an formulierungen und einzelaussagen auf, die, wie ich finde, jedoch keinerlei rückschluß auf die tasächliche motivation der versuchspersonen zulässt.
fazit:
hier wurde ein durchweg guter ansatz, der, wenn wissentschaftlich erarbeitet, mit sicherheit einigen aufschluß auf sehr elemetare psychosoziale mechanismen hätte geben können, schlichtweg, wie es scheint, der pc und der voreingenommenheit der autoren geopfert.

hoffentlich nimmt sich dieses themas nochmal ein team von seriösen wissenschaftlern an.


Interessantes Thema - Buch aber total langweilig!      2 von 5.00 Punkten       Verfasser
Unter diesem Buch hatte ich mir eigentlich etwas interessanteres vorgestellt, und nicht, dass Sätze wie "Meine Tante, die Ingried, trug ein blaues Kleid mit weißen Punkten und wusch gerade unsere Kleidung ..." von irgendeinem Psychologen auf drei Seiten analysiert werden. Die Übergänge sind stockend, und es macht auch überhaupt keinen Spaß, dieses Buch zu lesen (deshalb habe ich es bereits nach dreißig Seiten aufgegeben). Über dieses thema findet man weitaus bessere Literatur. Schade, dass diese interessante Thema so zerfleischt wurde, auch als Freund von Statistiken recht enttäuschend.

Erkundungen zu unserer Familien-Geschichte      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Das zentrale Thema der deutschen Nachkriegskultur ist - spätestens seit Adorno - noch immer die 'Vergangenheitsbewältigung', oder wie es seinerzeit hieß: 'Aufarbeitung' der NS-Vergangenheit. Zu erinnern sind die zahlreichen, wohlmeinenden Versuche von Institutionen quer durch die gesamte Gesellschaft, die, wenn man Welzer glauben darf, nur partiell erfolgreich waren. Auf offizieller und öffentlicher Ebene war man in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten darum bemüht, mit diesem Kapitel deutscher Geschichte ins Reine zu kommen. Über den Erfolg scheiden sich die Geister - nicht zuletzt angesichts des Neonazismus in der Gegenwartsgesellschaft. Nun gibt es hierfür die verschiedensten sozialökonomischen und sozialpsychologischen Erklärungsmodelle. Nur eines scheint bisher außer Acht gelassen: die Tradierung der Vergangenheit in der Familie. Wie werden Geschichten über Großväter (und Großmütter) im Familienverband weitergegeben? Was wird beschönigt? Und warum? Und auf welch merkwürdige Weise wird heroisiert? Opa war kein Nazi - oder doch? Zugegeben, er war auch ein Mitläufer, der aber auch irgendwie 'gegen Hitler' war. Über die Mechanismen der Vergangenheitsbewältigung in der Familie (vornehmlich in Westdeutschland) gibt Harald Welzer und seine Forschungsgruppe (Sozialwissenschaftler und Psychologen aus Hamburg und Hannover) hier Auskunft. Die Analyse ist erarbeitet anhand von Interviews mit Zeitzeugen sowie zwei Generationen von Nachgeborenen. Das Ergebnis: ein ungemein wichtiges Buch. Und nicht zuletzt ein für jeden historisch Interessierten (vom Schüler bis zum Akademiker) lesbares Buch.

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