Hitlers Volksstaat
Götz Aly
Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 18 Bewertungen)
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):
Missverstandene Geschichtsstunde 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Ich beziehe mich auf die durchgesehene und erweiterte Ausgabe von 2006.
Götz Alys Buch gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten der neuesten Geschichtsforschung, verschiebt es doch den Focus von der sicher vorhandenen "Verblendung" der deutschen Bevölkerung in Nazideutschland (wohlgemerkt nicht Hitlers Verlendung)auf das dunkle Kapitel des Nutznießertums weiter Bevölkerungsgruppen auf Kosten der Minderheiten und später der besetzten, ausgeplünderten Länder.
Aly vorzuwerfen, dass sein Buch populärwissenschaftlich sei, halte ich bei der Fülle von neuen Fakten falsch (Man beachte den gut gefüllten Anhang).
Als Fazit bleibt: Ein gut lesbares, unbequemes Buch!
Hochgelobt 2 von 5.00 Punkten
Verfasser wurde dieses Werk ja, doch leider zeigen damit die Lobenden eher, das sie ebensowenig von der Materie verstehen wie der Autor. Dieser scheitert grade zu monumtenal an der Komplexität der Thematik, die er doch so gerne mit einfachen Thesen erklären möchte. Der Ansatz ist zwar nett, aber er hätte sich mal lieber tiefergehend damit befassen sollen, mehr Fakten liefern sollen, anstatt sich in Schwatzhaftigkeit zu verlieren und die Löcher in seiner Argumentation mit Taschenspielertricks zu überdecken. Schade um Zeit und Geld, der wirklich interessierte sollte lieber zu Tooze greifen. Der ist zwar auch nicht perfekt, aber dafür fundiert recherchiert.
Heilsame Schrift zur Diagnose eines Traumas 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Zusammenschau ist wichtig und trotzdem Einzelheiten zu bringen, an Einzelheiten das ganze Faszinosum dieses nazionalen Sozialismus festzumachen, das ist wahrhaft spannend.
Denn, wie die Spannung das eigentliche Element gewesen sein mag, dieses Aufbrechen aus dem Alten, dem Spießerischen, hinein in eine geträumte Freiheit, in eine quasi spätpubertäre rauschhafte Beweglichkeit, die sie ja auch "Bewegung" nannten, das ist es, was antrieb.
Und wie alles gerade in Deutschland, dem perfekten Land in der Mitte Europas, geschehen konnte, ja das konnte man bald sehen und fühlen (auch heute?).
Wir hier in der Mitte Europas, eigentlich die Tapfersten, die Besten gegen eine Übermacht, aber leider sieglos zum Schluss des ersten Weltkrieges (obwohl mathematisch schon damals wahrscheinlich vorher- oder zumindest einsehbar), wir werden es der Welt zeigen.
Das war die Botschaft (das sang man später auch) und derjenige, der es zumindest als Führer einer neuen Nation zuwegebringen sollte, den Ausweg nämlich aus der gedachten und auch erfühlten Misere, der war ja schließlich ein Zögling des deutschen Militärs.
Nirgends fand er so freundlichen Unterschlupf als hier in einer Umgebung, die ihm eigentlich von Natur aus nicht vorrangig zustand.
Aber, wie es die Natur manchmal zuwege bringt, hat er sich eingebracht und er fand als Suchender Zuhörer.
Das ist eigentlich schon fast alles, denn wir wissen, wie es weiterging, wie er begeisterte und man ihm zugrölte und zuwarf "die weiße winkende Hand" und ihn zu einem Deutschen machte, nämlich in Braunschweig.
Daß sich Militär und Wirtschaft, Politik und Vertrauensleute gerade auch aus höhrer Schicht sich ihn aussuchten, das spricht Bände.
Daß keiner oder nur selten jemand wirklich laut lachte, als er mit Motorradkappe erschien wie ein Clown auf einer imaginären Bühne und dabei seltsam süßsauer lachte (dabei war die Bühne reell) und man ihm Flugzeuge und schicke Autos zur Verfügung stellte, das spricht ebenfalls Bände. Und daß das Ausland zusah und sich vielleicht Gedanken machte, vielleicht auch, mit diesem Schauspieler leicht fertig zu werden, das wurde etwas später bestraft. Da sah er dann aus, als stünde er über allem und lachte nur der Gefahr, einer Gefahr, der er ja auch zigmal entkommen ist.
Es gab seinerzeit in Europa eine Aufbruchstimmung und Spanien und Italien, auch Frankreich spielten mit einem nationalen Sozialismus, doch nirgends wurde der Rassismus derart vorangetrieben wie hier in Deutschland, vielleicht noch in Österreich.
Götz Aly nun hat anhand vieler Beispiele gezeigt und er untermauert es, wie Berufsbeamten, Finanziers, das Militär und vor allem die damals als jugendlich zu bezeichnenden Politiker das Werk eines revolutionär sich gebenden Staates ausführen. Sie taten es "auf Teufelkommraus" und sie zogen tatkräftig mit einem wilden Aktionismus alles mit sich hinein in einen Strudel der Leidenschaften.
Es gibt einen Roman, "Kaputt" von Curzio Malaparte, der beschreibt diese wilde Zeit ziemlich verblüffend und erschütternd und es gibt Tagebücher wie das von Goebbels, es gibt auch ein Buch, das heißt "Mein Kampf" und ich meine als Jugendlicher darin gelesen zu haben, daß irgendeinmal ein Staat weit nach "seinem" Tode das vollenden wird, was "ihm" nicht gelingen sollte. Es ist höchste Zeit also "Mein Kampf" im Original einem jeden von uns zugänglich zu machen, damit endlich einmal damit aufgeräumt wird, "die Leute hätten ja davon garnichts gewußt".
Derartige Bücher, wie dieses über den "Volksstaat" mit seinen schillernden und zugleich unglaublich brutalen Methoden, sind Aufklärung pur.
Unentbehrlich! 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Im Gegensatz zu den vielen Wälzern, die an dem Wesentlichen und zugleich äußerst Verwundernden der Jahren 1932-1945 in Deutschland glatt vorbeischreiben, stellt dieses Buch die einfache Frage: "Wie hätte das geschehen können?" und trägt dann erheblich zur Beantwortung derselben bei. Für solche, die die Ereignisse der Nazizeit und des zweiten Weltkriegs nicht nur kennen, sondern auch verstehen möchten, ist das Buch unentbehrlich.
Vielen Dank für dieses Sachbuch 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Vielen Dank für dieses Sachbuch!
Ich gehöre zur sogenannten Generation der "Nachgeborenen" und bin als historisch einigermaßen interessierter Mensch wenigstens in groben Zügen mit den Fakten und Daten des Dritten Reiches vertraut. Ich konnte allerdings rein gefühlsmäßig nie verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass gerade wir Deutschen die nazionalsozialistische Barbarei zugelassen haben, dass das "Volk der Dichter und Denker" moralisch überhaupt so tief sinken konnte. Das Buch von Götz Aly schließt hier eine echte Lücke und dafür bin ich dankbar. Denn es behandelt weniger die "große" Geschichte, die sich mit den zentralen Persönlichkeiten des NS-Regimes, den Eckdaten der Machtergreifung und des Kriegsverlaufes befasst, sondern es geht dem Autor um etwas ganz anderes ? nämlich, um die nationale Euphorie, die die Nationalsozialisten bei einem Gutteil der Bevölkerung, dank einfacher wie perfider "Rezepte", entfachen konnten.
Das deutsche Selbstwertgefühl - unbestritten eine der wichtigsten Kulturnationen Europas - lag nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und der "Schmach" des Versailler Vertrages am Boden. Viele empfanden die restriktiven Regelungen des Friedensvertrag als ungerecht und konnten sich nie mit der aufgezwungenen und alles andere als wehrhaften Weimarer Demokratie identifizieren. Die Nationalsozialisten schafften es, diese diffusen Gefühle für ihre Zwecke auszunutzen. Wie diabolisch verführerisch "Hitlers Volksstaat", wie verlockend die nationalsozialistische Rassenideologie für die Menschen tatsächlich war, das habe ich durch die Lektüre von Alys sehr gutem und bestens recheriertem Buch nun eher "begriffen". Immerhin schafften es das Regime ein Gutteil seiner Versprechungen (auf Kosten anderer) "wahr" zu machen. Und nun stellt sich mir die Frage, ob sich so etwas in unserer aufgeklärten Zeit eventuell wiederholen könnte. War ich einst vollkommen vom NIEMALS WIEDER überzeugt, bin ich mir heute nicht mehr ganz so sicher. Genau deshalb sind solche Bücher wie "Hitlers Volksstaat" so wichtig, denn sie zeigen uns auf, mit welchen Mitteln es gelingen konnte, in einem ganzen Volk eine destruktive nationalistische Stimmung zu erzeugen - und nur mit diesem Wissen kann auch in Zukunft ähnlich schlimmes verhindert werden.
Schlüssel zum Schloß Nationalsozialismus 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Kurz nach dem Krieg geboren waren Schulunterricht, Zeitungslektüre, Gespräche mit Leuten, die das dritte Reich erlebt hatten und ganz besonders die willkürlichen kommunistischen Thesen aus der Blütezeit des Stalinismus (der "Faschismus" ist eine Folge des Kapitalismus), die während der 68er-Zeiten aufgewärmt wurden, keine Basis für ein schlüssiges Bild des dritten Reichs. Nachdem ich nun Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat" gelesen hatte, paßte alles plötzlich zusammen: die vielen Äußerungen kleiner Leute, die mir aus der Zeit nach dem Krieg in Erinnerung geblieben sind ("war nicht alles schlecht", "es ging aufwärts", Arbeitsplätze!!), der Judenmord, der offenbar primär eine "zweckrationale" wirtschaftliche Maßnahme der nationalsozialistischen Ostpolitik war und kein Exzess wutschäumender rassistischer Wahnsinniger, die nach Judenblut verlangten, und manche Merkwürdigkeiten des modernen deutschen Sozialstaats (Ehegattensplitting, Ruf nach hoher Besteuerung ("Bestrafung") der Spitzenverdiener etc.). Jetzt ist mir auch die Kontinuität deutscher Geschichte bzw. Sozialpolitik klar geworden. Und so tragen wir heute noch psychologisch und ökonomisch an den Folgen der Hitlerschen Gefälligkeitsdiktatur (derzeitige Krise!). Wunderschöne terminologische Beispiele für "Hitlers Volksstaat" sind Oscar Lafontaines "Fremdarbeiter" und Franz Münteferings "Heuschrecken".
Historisches meisterhaft aufgearbeitet 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Der Autor dieses Buches, Götz Aly, ist Historiker und Journalist sowie Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Er berichtet über einen Aspekt des Dritten Reiches
der in der in der geschichtlichen Untersuchung in den letzten Jahren eher vernachlässigt wurde.
Mit welch en Mitteln sind die Menschen in den nationalsozialistischen Staat integriert worden, was hat sie so lange zufrieden gemacht oder zu mindestens ruhig gestellt? Den Deutschen ging es in dieser Zeit des Nationalsozialismus besser denn je. Man muss sich einmal vorstellen, allein wie integrativ eine Rentenerhöhung von 15% im Jahre 1941 gewirkt hat, mitten im Krieg, auf Kosten von Millionen Zwangsarbeitern, die in die Sozialversicherungssysteme einbezahlt haben. Mit diesen und ähnlichen Wohltaten hat man das Volk moralisch bestochen.
Im ersten Teil des Buches entwickelt der Autor den zentralen Begriff einer Gefälligkeitsdiktatur, das heißt er betrachtet den nationalsozialistischen Staat aus einer Perspektive in der er sich als Gefälligkeitsdiktatur zeigt. Er entwickelt damit die zentrale These, dass es eben nicht vorrangig Repression und Terror waren, die die Deutschen ermutigt hat mitzumachen, sondern er sagt an einer anderen Stelle später, die Deutschen waren Nutznießer und "Nutznießerchen". Er sieht diese Tatsache als komplementäres Element der Wahrheitsfindung von hohem Gewicht, das bisher in der Forschung vernachlässigt worden ist.
Herr Aly spricht nicht vom Nationalsozialismus sondern vom nationalen Sozialismus. Wie sozialstaatlich war eigentlich der Nationalsozialismus? Das sozialistische Konzept in seiner ursprünglichen Form ist ein internationalistisches. Es beruht auf der Auseinandersetzung von Kapital und Arbeit. Das historisch tragische ist, dass ein Teil dieses Konzeptes von der NSDAP übernommen wurde und dass dazu die ethnische Homogenisierung gemischt wurde. In dieser Mischung haben sich soziale und sozialistische Ideen relativ gut behauptet.
Das System, das haben Studien zur Finanzpolitik klar ergeben, basierte von 1934 an auf reiner Verschuldungsbasis. Der Krieg stand so zu sagen als "Finanzierungsmittel" auf der einen Seite von Anfang an am Horizont, auf der anderen Seite die Judenvernichtung und die damit einhergehende Enteignung. Man hat immer viel mehr Geld ausgegeben als eingenommen werden konnte. Das hat sich dann auch günstig für die breite Masse des Volkes ausgewirkt.
Darüber hin aus hat man zwischen 1933 und 1940 trotz Rüstungsboom und anwachsender Staatsausgaben die Steuern nicht erhöht. Darüber hinaus hat man die Pfändungstitel gestoppt. Das war für viele Menschen, die durch die Weltwirtschaftskrise in Not und Verschuldung geraten waren, von großer Wichtigkeit.
Das Konzept der in der Anfangsphase propagierten Volksgemeinschaft funktionierte natürlich nur mit einem Gegenkonzept, nämlich der negativen Integration, also der ?Ausgrenzung von klar definierten Gruppen. Darüber hinaus hat der Nationalsozialismus ein hohes Maß an sozialer Mobilität und Klassenvermischung im Inneren durchgesetzt.
Die vom Autor zitierte Nutznießerschaft bezieht sich auf die Phase des Krieges. Da gibt es Phänomene über die bis heute wenig geschrieben worden ist.
Unter der Kapitelüberschrift "Hitlers zufriedene Räuber" werden die Deutschen hart zu Gericht genommen, denn alle haben in irgendeiner Form profitiert, und so betrachtet verwandelte die NS-Führung die Deutschen mehrheitlich nicht zu überzeugten Herrenmenschen und bedingungslosen Fanatikern sondern zu willigen Nutznießern.
Die deutsche Volksgemeinschaft, die sicher auch in dieser Konsolidierungsphase am Anfang der NS Zeit sozial psychologisch hervorgebracht worden ist, hätte sicher lieber gesehen, wenn ihr die anschließenden Anstrengungen, Zumutungen und bitteren Verluste, selbst bei einem siegreiche ersten Teil des Krieges, erspart geblieben wären.
Dieses Buch erhellt in ausgezeichneter Form die Zeit des Nationalsozialismus. Beieindrucken ist die umwerfende Sachkenntnis des Autors.
Wichtiges Buch, zur richtigen Zeit ? mit Schlampereien 4 von 5.00 Punkten
Verfasser Die in Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat" aufgeworfene These, dass es sich bei dem NS-Staat um eine "Raubmaschine ohne Beispiel" gehandelt habe, ist so neu nicht und wurde schon von anderen Historikern, wenn auch nicht in dieser Ausführlichkeit, aufgegriffen. Aly deckt in "Hitlers Volksstaat" detailliert auf, wie sich der NS-Apparat mithilfe von sozialen Vergütungen und Steuerbelastungen für die besser situierten Bevölkerungsschichten und Großbetriebe das Gros des deutschen Volkes gefügig machte.
Er beschreibt den innenpolitischen Prozess während der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft dabei als ständiges "Geben" und "Nehmen", mithilfe dessen sich Hitler und seine Entourage eine Zustimmungsdiktatur aufgebaut hätten.
Die Nazis werden so zu Hasardeuren stilisiert, deren ständiger Aktionismus, etwa die staatliche Enteignung des jüdischen Einkommens ab 1938, ein unablässiges Muss zur Kriegsfinanzierung und psychologischen Unterstützung seitens der "Volksgemeinschaft" gewesen wäre.
Die Beispiele und Rechnungen des Autors sind nicht immer verständlich, bei näherer Betrachtung aber quellentechnisch überaus gelungen untermauert. Nicht umsonst eilt Aly unter den Historikern der Ruf eines "Archivmäuschen" voraus.
Trotz der sprachlichen Eleganz, die dennoch weit entfernt bleibt von alten Schwergewichten wie Golo Mann oder Haffner, überzeugt "Hitlers Volksstaat" durch seine geballte Quellenoffensive und den von bisherigen Publikationen nur kaum beachteten Ansatz der erkauften Massenloyalität.
Ein unnötiger Fauxpas, der fast eine Art neuen Historiker-Streit ausgelöst hat, unterläuft Götz Aly nur in dem Punkt, als dass er den ideologischen Ansatz (Norbert Frei) und personellen Ansatz, respektive die Rolle der Persona Hitler (Hans-Ulrich Wehler), vernachlässigt.
Die Synthese aus beiden Aspekten, der ohnehin latent vorhandenen und erkauften ideologischen Überzeugung, bleibt deshalb aus.
Dennoch eines der wichtigsten und gelungensten Werke zur NS-Thematik, das in der letzten Zeit veröffentlicht wurde.
Gekaufte Gefolgschaft 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Das Buch von Götz Aly ist ein "Heuler" in doppeltem Wortsinne: Man muss heulen, wenn man liest, mit welchen Mitteln die Nazis Ihresgleichen und Arglose zufriedengestellt haben, und eine Sirene der Warnung vor teilweise denselben Praktiken, die der demokratische Volksstaat in der Sozialpolitik anwendet, um die Wiederwahl seiner Funktionäre zu gewährleisten. Wohlgemerkt: Die Adenauer-Republik hat weder Juden ausgeraubt, noch besetzte Länder! Und hierum geht es Götz Aly vornehmlich.
Die detaillierte Beschreibung der Methoden, mit denen Schuldlose beraubt und um ihr ehrlich erworbenes Gut gebracht wurden, die Enthüllung der Niedertracht von Maßnahmen, die von "anständigen" Bürokraten, der Elite der Verwaltungsbeamten, ausgeklügelt wurden, die Aufdeckung der Schamlosigkeit mit der sich Begünstigte des Systems bereichert haben, raubt mir schier den Atem.
Als Jugendlicher war ich Teil dieses Systems, das ich nicht durchschauen konnte, aber später wurde mir klar, dass das teilweise gleiche Personal im Aufbau der Bundesrepublik einigen Politikern ähnliche Praktiken gegenüber der eigenen Bevölkerung zur Verfügung gestellt hat, um mit sozialen und fiskalischen Wohltaten deren Wiederwahl zu ermöglichen.
Das Buch von Götz Aly wird sicher in der Zunft der Historiker angefeindet werden, da ihr wirtschaftliche, fiskalische und sozialpolitische Fragestellungen fernliegen. Für uns, die allgemeine Leserschaft, gibt Aly jedoch Erklärungen über den Erfolg des Nazi-Regimes bis weit in den Krieg hinein, die bisher nicht so klar erkennbar gemacht wurden. Es ist leichter, Gewalt, Einschüchterung, Diskriminierung als Grundlage der Herrschaft nachzuweisen als die schleichend erkaufte Zustimmung des Volkskörpers, wo doch beide Elemente und einige mehr die Herrschaft gefestigt haben.
Goldhagen ade - er hat nicht erkannt, wie die Mehrzahl der Bevölkerung über den Tisch gezogen wurde und es nicht ein dem deutschen Volk immanente Ausrottungswille, sondern weitgehend "Stimmungspolitik" war, die mir und dir das System mindestens erträglich, wenn nicht gar wünschenswert gemacht haben. Der in weiten Kreisen manifeste, zumindestens aber latent vorhandene Antisemitismus wurde weniger durch Neigung zur Gewalt als viel mehr durch den Willen zur ungerechtfertigten Bereicherung, also Neid aktiviert. Der heutigen Neidgesellschaft sei's ins Stammbuch geschrieben.
Genau auf den Punkt gebracht 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Götz Aly's Buch ist ein wichtiger Beitrag zu dieser Periode Deutscher Geschichte. Sein Buch stellt eine detaillierte Analyse des Raubrittertums der Deutschen in Europa zu dieser Zeit dar.
Das Hitler vor hatte die Juden zu beseitigen ist allgemein bekannt. Allgemein bekannt sollte auch sein das sich Nazi Deutschland bis Kriegsbeginn finanziell mit seinem Sozialismus fast völlig ruiniert hatte. Es gibt jede Menge Hinweise dazu in anderer Literatur. Die Meinung, daß Hitler den Krieg nur angefangen hat um den Staat zu refinanzieren ist auch schon oft erwähnt worden. Auch wenn wir natürlich wissen, daß er auch noch jede Menge andere Gründe hatte für Weltkrieg II, könnte es trotzdem ein triftiger Grund gewesen sein.
Aly schließt eine Lücke mit seinem Werk. Dies ist mit Abstand das umfangreichste Werk über den Raubmord an Europa. Es darf nicht verwundern, daß die Nazis populär sind. Es ist zwar Krieg, aber jeder in Deutschland lebt "wie Gott in Frankreich" und wenn die Zeiten gut sind ist jede Regierung populär. Das bei dieser Aktion der größte Teil Europa's fast über die Klinge springt ist für die Beteiligten, d.h. die Deutschen als ganzes, unerheblich. Die wollen das natürlich nicht wahr haben - auch heute nicht. Der ungewöhnliche Reichtum der Deutschen zum Kriegsende 1945 fällt dem Sieger auf. Wenn sie Aly's Buch 1945 gelesen hätten, wüßten sie sofort wie es dazu kam.
Ich staune über die viele negative Kritik zu diesem Buch. Das Hitler's Ideologie wenig positive Seiten hatte hat inzwischen hoffentlich auch der Dümmste verstanden. William Shirer und Ian Kershaw haben exzellente Bücher zu diesem Thema geschrieben. Da diese Seite der Nazi-Herrschaft nun vollends etabliert ist, ist es überflüssig das "Hitler war böse Syndrom" immer wieder zu wiederholen.
Und das ist das tolle an Aly's Buch. Er befaßt sich intensive mit einem Aspekt des Nazi-Regimes, der bisher wenig beleuchtet wurde. Dabei konzentriert er sich auf das Wesentliche und ignoriert die "üblichen Mantras", die zur 1933-45 Periode anscheinend erwartet werden veröffentlicht werden zu müssen.
Aly soll ein Linker sein, wie auch immer sich das im heutigen Deutschland definiert. But who cares? Was zählt, sind harte Fakten zum Thema. Und die sind da. Der finanzkundige Leser wird das kaum bezweifeln können.
Das Buch liest sich einfach, was ein zusätzliches Plus ist.
Good show.