Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945

Ernst Klee

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 3.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 4 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Personenlexikon      3 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein sehr umfangreiches Werk, wobei mir noch immer unklar ist, nach welcher Auswahl die Aufnahme der in diesem Buch beschriebenen Personen erfolgte. Als sehr hilfreich hätte ich es empfunden, wären Bilder der Personen (dort, wo möglich) hinzugefügt worden, so wie man es aus anderen Lexika kennt. Nicht immer ist erkennbar, was die Personen nach 1945 getan haben bzw was aus ihnen geworden ist.

Fleißarbeit      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Über die Auswahl der hier im Lexikon beschriebenen Personen und über die Qualität der Lebensläufe kann man wirklich streiten. Sucht man nach Einträgen, die für sich allein kaum einen Sinn ergeben, wird man schnell fündig. Aber mindert das den Nutzwert dieses Buches? Hier ist es der Untertitel, der für Klarheit sorgt. Intention von Klee war es offenbar, hier aufzuzeigen, welche persönlichen Kontinuitäten zwischen dem Dritten Reich und dem Nachkriegsdeutschland gegeben hat. Im Ergebnis sind deshalb hier vor allem Mitglieder der mittleren Führungsebene des Dritten Reiches vertreten. Aber genau damit füllt Klee eine Lücke. Die Prominenz nämlich, die wird bei Guido Knopp doch schon bis zum Erbrechen abgehandelt. Wer dieses Regime aber wirklich am Funktionieren gehalten hat, das sind aber oft genug die, die dann nach 1945 eben doch als Mitläufer eingestuft wurden. Und dann im Nachkriegsdeutschland wieder schnell zu Ruhm und Ehren kamen.

Ärzte und Juristen, das waren die zwei Berufsgruppen, die sich über die Katastrophen der deutschen Geschichte offenbar am besten retten konnten. Liest man das Buch mit seinen 4.300 Einträgen einfach mal quer, erhält man einen guten Eindruck, wie sich Eliten sich nach dem verlorenen Krieg schnell wieder fanden. Auch die Diskrepanz zwischen den durch Urteil verlangten Haftstrafen und der tatsächlichen Haftdauer überrascht in vielen Lebensläufen. Als Täter war man offenbar 1953 in der Regel schon wieder frei. Als Opfer war man 1953 in der Regel schon fast ein Jahrzehnt tot. Es stimmte halt etwas nicht, nach dem Krieg, im Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders.

Wenn man das Buch kritisieren kann, dann sicherlich nicht aufgrund einzelner Fehler in der Masse von 4.300 Lebensläufen. Ich hätte mir eher gewünscht, dass mehr einzelne Lebensläufe exemplarisch herausgehoben und näher beschrieben worden wären. Dadurch wäre das Bild einer deutschen Elite, die Schreckliches angerichtet hat, noch genauer, verständlicher und für die Zukunft warnender geraten. Denn auch heute haben wir genug Karrieristen, die durchaus bereit sind, auch schlechte Weisungen gut und professionell umzusetzen, wenn es denn nur dem eigenem Erfolg dient. Und diese Freiheit von humanistischen Werten ist genau das, was den Verbrechern an der Spitze dann den Erfolg erst ermöglicht.

Für mich ist das ein wertvolles Buch, dessen Lektüre ich hier empfehlen möchte.

Wenig ausgewogen      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
Die Stärken dieses Personenlexikons liegen auf Klees ureigenem Arbeitsgebiet, der Medizingeschichte und den Natur- und Humanwissenschaften. Es gibt kaum einen Arzt, Internisten, Physiologen, Chirurgen, Psychiater, Biologen, Chemiker, Physiker und Pharmakologen, dessen Wirken im NS-Staat Klee nicht nachzeichnet.
Deutlich unterrepräsentiert ist der deutsche Widerstand gegen Hitler. Einträge zu vielen Personen, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben ließen, wird man in diesem Personenlexikon vergeblich suchen. Andere Mitglieder des Widerstands werden viel zu knapp abgehandelt. Oftmals belässt es Klee dabei, Daten zur Kooperation dieser Personen mit dem NS-Staat zuzammenzutragen, ohne deren Rolle im Widerstand angemessen zu würdigen. Ähnliche Lücken bestehen im Bereich von Film, Theater, Fernsehen und Propaganda, also beim Kulturapparat des NS-Staates. Dies sind beileibe keine Einzelfälle in diesem wenig ausgewogenen Lexikon. Vielmehr zeigt sich darin, dass Klee die einzelnen gesellschaftlichen Funktionsbereiche - also Politik, Wirtschaft, Justiz, Wissenschaft, Kunst, Religion, Erziehung und Medien - sehr ungleichgewichtig behandelt.
Darüber hinaus ist eine große Zahl der Personeneinträge inhaltlich von schlechter Qualität. Viele Angehörige der SS werden in wenigen Zeilen abgehandelt, die nur rudimentärste Angaben zu Berufsstationen und Dienstgraden beinhalten. Manche dieser Einträge muten so an, als habe Klee sie aus Personenglossaren der einschlägigen Sekundärliteratur abgeschrieben. In anderen finden sich wiederum Unwichtiges oder gar Unrichtiges. Theodor Oberländer wird als rechtsstaatlich verurteilter NS-Täter präsentiert, obwohl er letztinstanzlich 1998 von allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Wenig gehaltvoll sind auch einige Einträge zur politischen Elite. Adolf Hitler widmet Klee ganze 18 Zeilen und damit in etwa denselben Umfang wie Werner Köster, dem Fachspartenleiter Nichteisenhaltige Metalle in der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Beim Eintrag zu Joseph Goebbels erfährt man einiges über die luxuriösen Herrensitze des Propagandaministers, wenig hingegen über seine rastlosen Aktivitäten während des Krieges. Ähnliches gilt für Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop sowie für Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk. Zu oft hat Klee kein Gespür dafür, welche Informationen wichtig (und daher mitteilenswert) sind und welche nicht.
Ein weiteres Problem ergibt sich auch aus dem Anspruch des Lexikons, die Nachkriegskarrieren der NS-Eliten nachzuzeichnen. Unklar bleibt, wie viele der von Klee porträtierten Personen nach 1945 keine beruflichen Nachteile erlitten oder gar besser dotierte berufliche Stellungen erklommen, obwohl sie vorher zu den NS-Eliten gezählt hatten. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Klee diese Frage in einem einleitenden Beitrag aufgegriffen und eine kritische Synthese der einschlägigen Literatur zum Thema versucht hätte. Dadurch wäre dem Leser zu vermitteln gewesen, welche NS-Eliten denn eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg Karriere machten und welche nicht. Bei Klee entsteht der Eindruck, die gesamte Trägerschicht des NS-Staates sei nach 1945 ungeschoren geblieben oder habe sich nahtlos in die beiden neuen deutschen Staaten eingefügt. Das vorliegende Personenlexikon ist deshalb nur sehr eingeschränkt zu empfehlen, da es eben oft nur einen verzerrten Blick auf die Lebensgeschichte der Porträtierten erlaubt. Es gibt eine ganze Reihe von Nachschlagewerken, die weitaus informativer und ausgewogener sind.

Hoher Nutzwert - fundiertes Nachschlagwerk zu Personen im NS      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ernst Klee, bekannt geworden mit bahnbrechenden Studien zur Euthanasie, dem Behindertenmord im Dritten Reich, hat ein Werk vorgelegt, zu dem die etablierte Geschichtswissenschaft bisher nicht in der Lage war: Kurzbiografien zu 4300(!) führenden Persönlichkeiten im Nationalsozialismus. Angegeben wird jeweils die Funktion, der Dienstgrad (incl. SS-Karriere), die wichtigsten Tätigkeitsbereiche sowie die Stellung des Betreffenden nach 1945. Recherchiert hat Klee in verschiedensten Archiven, ganz besonders in den Akten der ehemaligen Ludwigsburger Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen, der heutigen Außenstelle des Bundesarchivs. Ein besonderer Service sind soweit möglich akribische Literaturangaben unter die tausendfachen Kurzbiografien, die weitere Recherchen ermöglichen. Dass bei einer solchen Sisyphus-Arbeit Fehler nicht ausbleiben, versteht sich. Einige hochrangige Funktionsträger des NS-Regimes fehlen, z.B. Paul Karl Schmidt, Pressechef im NS-Außenministerium 1940-1945, der nach 1945 als Bestsellerautor "Paul Carell" zu Hitlers Russlandfeldzug reüssierte. Eine weiter Schwäche ist die Überrepräsentiertheit von Medizinern und die Unterrepräsentiertheit von Offizieren im Lexikon. Dies schmälert den überaus hohen Nutzwert des Personenlexikons jedoch nicht, zumal jeder kurze Artikel nicht nur eine hohe Dichte an Sachinformationen enthält, sondern Klee zudem ausgesprochen lesbar schreibt.

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