Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Jared Diamond
Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 29 Bewertungen)
Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):
Umfangreich, aber unvollständig 3 von 5.00 Punkten
Verfasser Das Buch hat im Original den Titel »Guns, germs and steel« und drückt damit besser die Hauptthese in Diamonds Buch aus: »dass die Geschichte verschiedener Völker unterschiedlich verlief, beruht auf Verschiedenheiten der Umwelt und nicht auf biologischen Unterschieden zwischen den Völkern.« Beispielhaft wird daneben Pizzaros Erfolg bei der Niederwerfung der südamerikanischen Ureinwohner »durch die Militärtechnik mit Kanonen, Waffen aus Stahl und Pferden, ansteckende Krankheiten eurasischer Herkunft, Schiffbau und Navigation, die zentralistische politische Ordnung europäischer Staaten und nicht zuletzt die Schrift« erklärt.
Als hervorragendes Beispiel wird der fruchtbare Halbmond beschrieben. »Mit der biologischen Vielfalt Vorderasiens auf engem Raum hängt auch ein Vorteil zusammen: der Reichtum dieser Region nicht nur an Vorfahren wertvoller Kulturpflanzen, sondern auch an Vorfahren domestizierter Säugetiere.« Besser: domestizierbarer Säugetiere. Denn dies ist nach Diamond ein Unterscheidungsmerkmal für den Vorteil eurasischer Umwelt im Gegensatz zur afrikanischen. Auch gilt »Gesellschaften von Jägern und Sammlern sind in der Regel vergleichsweise egalitär.« Nun entwickeln sich durch den Aufbau bäuerlicher Gruppen scheinbar konsequenterweise hierarchische Gesellschaften.
Diamond beschreibt auf den ersten 400 Seiten ausführlich, mit einigen Wiederholungen, manchmal langatmig, die Entwicklung der Menschheit bis zur Zeitenwende. Seine Thesen sind nachvollziehbar, zeitweise aber spekulativ oder selektiv. Warum wird der Aufstiegs und Niedergang Roms oder anderer Staaten wie in Griechenland kaum erwähnt? Die für Europas Entwicklung fundamentale Völkerwanderung, ihre Ursachen und Auswirkungen werden mit keinem Wort erwähnt. Und doch behandelt Diamond immer wieder den Zusammenprall der europäischen mit der amerikanischen Welt am Ende des Mittelalters. Die Jahrhunderte davor blendet er größtenteils aus. Die Ursachen für die Machtverschiebung von Vorderasien nach Westen bleiben plakativ.
Immerhin kommt er im Epilog auf einige Fragestellungen zurück, die er selbst in seinem Werk nicht beantwortet: »Wie kam es, dass Vorderasien und China ihren enormen Vorsprung von mehreren tausend Jahren vor dem Nachzügler Europa eingebüßten?« Seine vordergründigen Erläuterungen wirken unbeholfen, an die tieferen Ursachen kommt er nicht heran. Auch widerspricht er sich selbst, indem er einerseits despotische Regimes für Rückschritte in der gesellschaftlichen Entwicklung in Vorderasien und China verantwortlich macht, andererseits aber den »Einfluss einzelner Gestalten der Geschichte« als sehr gering bewertet.
Diamond bezieht seine Aussagen vorwiegend auf seine Forschungsergebnisse aus Neuguinea, das er in den letzten Jahrzehnten mehrfach besucht und dessen Geschichte er tiefgreifend erforscht hat. Darauf aufbauend behauptet er »Mit dem Aufkommen von Häuptlingsreichen vor rund 7500 Jahren wurden Menschen erstmals in der Geschichte vor die Notwendigkeit gestellt, regelmäßig mit Fremden zu verkehren, ohne ihnen gleich nach dem Leben zu trachten.« Das heißt, dass zuvor Menschen, die sich nicht kannten, sich prinzipiell feindselig eingestellt waren. Zumindest scheint das immer noch so in Neuguinea zu sein. Wie der Autor durch seine Reiseberichte mit seinen Freunden darlegt, deren gegenseitige Abneigung, ja Aggression allgegenwärtig und 'normal' zu sein scheint. Doch kann man aus den Erfahrungen in Neuguinea auf globale Gewaltbereitschaft schließen? Bemerkenswert ist der Hinweis des Autors auf das malaiische Wort 'Amok', das vor wenigen Jahrhunderten Eingang in europäische Sprachen gefunden hat. Warum untersucht er diese Entwicklung, deren Ursachen nicht weiter, obwohl er sich doch sonst intensiv mit der Glottochronologie beschäftigt?
Eigenwillig ist meines Erachtens folgende Aussage: »In Anbetracht der Milliarden von Eichhörnchen, von denen jedes Jahr für Jahr Hunderte von Eicheln an praktisch alle für das Gedeihen neuer Eichbäume geeigneten Stellen verteilt, hatte der Mensch keine Chance, Eichen nach dem Kriterium, ob ihre Früchte seinem Geschmack entsprachen, auszulesen.« Das ist also selektive Umwelt!
Insgesamt ein umfangreiches Werk, das jedoch viele Fragen offen lässt. Dass Umwelt grundlegende Bedingungen für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften schafft wird überzeugend dargelegt. Aber dass Kapitalismus hinter dem Aufstieg Europas steht, ohne zu erklären, warum er in Vorderasien oder Chinas keine Erfolge zeitigte, wirkt aufgesetzt und vordergründig. Insbesondere unter dem Blickwinkel der großen kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der (vorder-)asiatischen Welt bis zur ersten Jahrtausendwende unseres Zeitalters. Schlussendlich wäre es heutzutage sicherlich interessanter, statt sich mit der Entwicklung der Japaner und Koreaner zu beschäftigen, allgemeiner die Bedeutung und Ergebnisse der genetischen Analysen oder der Epigenetik zu berücksichtigen. Diese finden aber nur oberflächlichen Eingang in Diamonds Buch.
Absolut gelungen 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Der deutsche Titel "Arm und Reich" ist leider ziemlich irreführend; bedauerlicherweise hat das auch bei einigen Rezensenten zur Verwirrung geführt. Der englische Originaltitel trifft es viel besser. Außer ganz am Schluss geht es doch gar nicht darum, warum heute einige Gesellschaften arm und andere reich sind. Vielmehr erklärt Diamond, wie die Entwicklung der Landwirtschaft und vor allem die unterschiedliche Ausstattung mit natürlichen Schätzen einigen Völkern einen erheblichen Vorsprung verschafft haben. Die Verlierer wurden meist "überrollt".
Bis zur Zeitenwende halte ich seine Theorie für absolut plausibel. An diesem Werk wird man als am Thema Interessierter kaum vorbeikommen (selbst wenn Einzelheiten vielleicht noch revidiert werden). Das Gesamtbild stimmt sicher.
Bei der Erklärung, warum heute Länder unterschiedlich reich sind, werden seine Thesen ein wenig dünn. Hier sei die ergänzende Lektüre von David Landes' Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind und von Paul Kennedys Aufstieg und Fall der großen Mächte: Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000 empfohlen. Die ganze Wahrheit ist vielleicht sowieso noch nicht erzählt. Aber Jared Diamond hat uns ein ganzes Stück weitergebracht.
Zeigt die wahren Faktoren für Fortschritt 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Früher glaubten viele Menschen das die ethnische Herkunft, die sogenannte "Rasse", der entscheidende Faktor dafür sei wie fortschrittlich ein Volk werden konnte.
Heute glauben sehr viele Menschen im Westen, das ihr Fortschritt das den Rest der Welt lange Zeit extrem übertraf und auch heute noch vorherrschend ist, auf der Zeit der europäischen Aufklärung basiert.
Die Menschen glauben es sei ihre Kultur und die daraus hervorgehenden Denker und Erfinder der sie so fortschrittlich gemacht hat.
Und die dritte Welt, z.B. die islamische Welt, sei schwächer weil sie nicht die günstigere Kultur haben.
Es heißt, die dritte Welt müsse eine Aufklärung erleben wie Europa, damit Wohlstand und Fortschritt aufkommt.
Jared Diamond beweist in diesem Buch das die Ideologien die Fortschritt fördernd sind und die z.B. auch in der europäischen Aufklärung entstanden nicht die eigentliche Ursache des Fortschritt ist, sondern das letztendlich die Entstehung solcher Ideologien auf geographischen Vorteilen basiert.
Einfach gesagt, nur wer eine günstige Geographie hatte konnte Fortschritts fördernde Ideologien herausbilden.
Wer die Verteilung von Industriestaaten, dritte Welt Ländern und Schwellenländer mit der Verteilung der Klimazonen vergleicht wird schnell herausstellen das die Verteilung von Arm und Reich kein Zufall ist, sondern ein eindeutiges Muster zeigt wonach ca. 90% der Industriestaaten sich alle in der gemäßigten Klimazone befinden während die ärmsten Länder der Welt genau am Äquator sind.
Warum erorberten die Inkas nicht Spanien 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Die unterschiedliche Entwicklung in verschiedenen Kulturkreisen , von den ach so zivilisierten Europäern auf der einen Seite bis zu den steinzeitlichen Jägern in Tasmanien , die nicht in der Lage waren , selbstständig Feuer zu entfachen auf der anderen Seite wurde früher oft mit rassistischen Theorien erklärt. Ein überzeugender gegenteiliger Entwurf wird in diesem Buch dargelegt. Die Unterschiede haben ökologische Ursachen, habe viel mit der Ausstattung an kultivierbaren Pflanzern und Tieren zu tun, mit geographischen Gegebenheiten und ähnlichen Faktoren.
Diamond belegt auch, dass eben bestimmte Kulturen sich wenig entwickelten, weil sie nur geringem Selektionsdruck unterlagen. Günstige Umweltfaktoren haben den entscheidenden Einfluss. So konnten viele Großtiere, wie Rind, Schaf, Ziege Pferd und Kamel im Nahen Osten domestiziert werden mit vielfältigen positiven Folgewirkungen. In Afrika, wo Tiere und Menschen schon länger zusammenlebten, hatten die Tiere früh einen Fluchtreflex, wie etwa das Zebra, so dass sie nie domestiziert werden konnten. Auf der andern Seite wurde Amerika so spät von den Menschen besiedelt, das die dort lebenden Grosstieren kaum einen Fluchtreflex entwickelten und daher von den Indianer sehr früh ausgerottet wurden, bevor sie hätten domestiziert werden können. Das ist nur ein Beispiel, denen im Buch viel Folgen. So waren Infektionserkrankungen für die indianische Bevölkerung verheerend. 95 % starben an den von Europäern eingeschleppten Erkrankungen. DIAMOND erklärt, warum die Europäer die Indianer infizierten, es aber umgekehrt kaum zu Ansteckungen ab. Das hat mit dem Zusammenleben vom Mensch und Tier zu tun, weil oft Erreger übertragen werden, aber auch mit Bevölkerungsdichte, DIAMOND beschreibt auch, dass gewisse Vorteil von Zeitalter zu Zeitalter wechseln können, auch dass es unter bestimmten Umstände Rückschritte" geben kann. Japan hatte 1600 zum Beispiel die größte Schusswaffendichte der Welt, ein Jahrhundert waren die Schusswaffen verschwunden. In China wurde n mechanischen Uhren und die Seeschifffahrt aufgegeben.
Das Buch ist äußert informativ und erhellend. Es zerschmettert Vorurteile.
Das passende Buch zur Hungerdiskussion 1 von 5.00 Punkten
Verfasser Armut lässt sich nicht aus den unterschiedlichen Rassen erklären, ist aber dennoch leider unvermeidbar. Das ist die Botschaft dieses Buchs.
Wie macht das Diamond?
"Dieses Buch unternimmt den Versuch, die Geschichte aller Völker in den letzten 13 000 Jahren zu skizzieren. Die Frage, die es zu beantworten sucht, lautet: Warum nahm die Geschichte auf den verschiedenen Kontinenten einen so unterschiedlichen Verlauf?" Diamond geht es um die Erklärung der heutigen weltweiten Verteilung von arm und reich. Besonders liegt ihm am Herzen, seine Theorie von Erklärungen abzugrenzen, die arm und reich aus der Rasse der Völker erklären.
Was taugen seine Erklärungen?
1. Die Methode, Geschichte zu erklären, derer sich Diamond bedient, bezeichnet er als historisch. Dabei behauptet er, dass ein gesellschaftlicher Zustand so zu erklären sei, dass er das Resultat des zeitlich vorherigen Zustands ist. Das "Vorher" - also ein zeitliches Verhältnis zweier Perioden - wird als Ursache des "Nachher" behauptet. So vermeidet er es, den Grund, warum in einer Gesellschaft aus einer Vorperiode etwas (weiter)existiert oder nicht, in dieser Gesellschaft selbst zu suchen.
Diese historische Methode verschafft Diamond stattdessen die Freiheit, sich die Sachverhalte aussuchen zu können, die er gerne als Ursache für die heutige Armut und und den heutigen Reichtum behaupten möchte. Es muss nur vorher stattgefunden haben, um dann das Nachher als notwendig und unvermeidlich abzuleiten. Das geht allerdings nicht ohne viele Ungereimtheiten.
2. Zu seiner historischen Methode gehört auch, die in x-facher Gestalt variierte Behauptung, dass in der Geschichte irgendetwas eingetreten ist, weil es vorher die technische Möglichkeit dazu gab. Wegen der Möglichkeit, aus Stahl Waffen zu produzieren, gab es Stahlwaffen; wegen der Möglichkeit mit Nahrungsüberschüssen eine Herrschaft zu ernähren, gab es Herrschaft; etc. etc. . So ist er locker darüber hinweg gegangen, welche Interessen es nötig haben, mit Waffengewalt durchgesetzt zu werden.
3. Das zentrale Ergebnis von Diamonds Theorie ist, dass die unterschiedliche "Entwicklung" von Armut und Reichtum von geographischen Voraussetzungen abhängt, die den Austausch von Wissen über Technik und Naturbeherrschung erlauben oder verhindern. Damit unterstellt er, dass die Menschen ihr Wissen austauschen wollen. Auf der anderen Seite soll aber ein Entwicklungsfortschritt dazu führen - siehe die Waffenentwicklung -, dass die fortgeschrittenen Völker andere Völker beherrschen, was gerade das Gegenteil eines Austausches ist, der zu einem Ausgleich von Wissen und dessen Nutzung führt.
4. Im Inneren einer Gesellschaft soll laut Diamond die Entwicklung so verlaufen sein, dass auf der einen Seite diejenigen, die landwirtschaftliche Überschüsse über den unmittelbaren Verbrauch hinaus produziert haben, andere Menschen benötigt haben, die ihre Vorräte schützen. Diese seien im Rahmen einer Arbeitsteilung durch die Produzenten von der Produktion freigestellt worden. Auf der anderen Seite sollen aber genau diese "Beschützer", Herrschaft über die Vorräte und deren Produzenten haben, also im glatten Gegensatz zu den Produzenten stehen. Eine ziemlich widersprüchliche Theorie, die aber erforderlich ist, wenn man eine eigentliche Harmonie zwischen Herrschern und Beherrschten behaupten will.
5. Dieses Desinteresse, nach Nutzniessern und Opfern einer gesellschaftlichen Entwicklung zu fragen, betätigt sich auch in Diamaonds inhaltslosen Bestimmung des "Strebens nach Reichtum und Macht". Da setzt Diamond den Inhalt der Macht und des Reichtums beim Cromagnon mit Kolonisatoren und modernen Staatenlenkern gleich. Worin der Reichtum oder die Macht bei den Cromagnon bestanden haben, wozu die Macht gedient hat, wer Nutznießer und Geschädigter der jeweiligen Macht und des Reichtums sind, übergeht Diamond und setzt das mit Macht und Reichtum in der gegenwärtigen Gesellschaft gleich: Höchstwahrscheinlich hatten die Cromagnon auch eine Bundeskanzlerin und der reiche Cromagnon hat in Aktien investiert.
Damit werden Macht und Reichtum als menschliche, natürliche Grundeigenschaft behauptet. Hier wird Diamond selbst rassistisch, indem er dem Menschen das "Streben nach Macht und Reichtum" als Naturkonstante unterstellt (Was im Übrigen wieder überhaupt nicht zu dem angeblichen Willen zum Wissensaustausch passt.).
6. So verwundert es schon gar nicht mehr, wie er die "Entwicklung" der Beherrschung der Natur in Landwirtschaft und Technik behandelt. Er unterstellt den Zweck "Entwicklung". Was soll das sein? Wozu und warum wurde die Technik jeweils weiter entwickelt? Kann es wirklich im Interesse aller Mitglieder der "Völker" gelegen haben, dass "Entwicklung" dazu stattfindet, Mittel für Kriege, deren Opfer die Völker als Kriegspersonal sind, zu entwickeln?
7. Es ist schon reichlich absurd, wenn seit mindestens 150-200 Jahren die Naturbeherrschung durchgesetzt ist, wenn es keine relevanten geographischen Schranken mehr gibt (Wie kamen denn sonst die Eroberer zu den "Nichtentwickelten"?), wenn es eine Produktivität gibt, mit der alles, solange sich nur ein Geschäft damit machen lässt, hergestellt werden kann und wo technisch ein Vielfaches der gegenwärtigen Weltbevölkerung ernährt werden könnte, Diamond behauptet, dass die heutige Armut eine Wirkung der geographisch bedingten ungleichen "Entwicklung" sei.
Als nur eines einer beliebig zu erweiternden Kette von Beispielen sei auf das Umleitungsprojekt des Rio Sao Francisco, des zweitgrößten Stroms nach dem Amazonas in Brasilien hingewiesen. Dabei wird - vor allem zur Gewinnerwirtschaftung durch Kraftstoffe aus Palmöl - 100.000enden Anwohnern am Unterlauf des Rio Sao Francisco die Lebensgrundlage durch diesen zweckgerichteten Eingriff in die Geographie genommen. Also von wegen Armut und Elend seien ein Ergebnis der ungünstigen Geographie: Die Verwandlung aller natürlichen Lebensgrundlagen in Geschäftsartikel, inklusive der Veränderung ganzer geographischer Gegebenheiten im Interesse der Gewinnerwirtschaftung schaffen Not und Elend.
8. Ob Diamond nun die Absicht hat oder nicht: sein Buch macht nichts anderes als durch angebliche geographische Notwendigkeiten all das zu legitimieren, was sich heute als massenhaftes Elend präsentiert.
Der geneigte Leser kann sich also beruhigt zurücklehnen und seine Weltbetrachtung um dieses Stück Anschauung ergänzen.
Dagegen mein Tip: Die Mühe der fast 600 Seiten kann man sich sparen. Dann schon lieber das Buch von Lueer. Warum verhungern täglich 100.000 Menschen?: Argumente gegen die Marktwirtschaft
alle Menschen sind Brüder (äh, und Schwestern :-) ) 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Ich war zu neugierig, was denn nun bei den verschiedenen Menschen Sorten zu diesen unterschiedlichen Entwicklungen geführt hat. Antwort (in aller Kürze) die verschieden häufig vorkommenden kultivierbaren Wildpflanzen gaben auf den unterschiedlichen Kontinenten den ersten entscheidenen Anstoß zu einer sich entweder schnell entwickelnden Landwirtschaft oder zum bestehen bleiben der Jäger und Sammler Nomaden. Es ist ganz einfach, die Menschenstämme, die in ihrer Umgebung Pflanzen vorfanden, die sie landwirdschaftlich nutzten konnten und somit zu Nahrung machen, konnten auch sesshaft werden. Viel Nahrung, viele Nachkommen. Die weiteren Entwicklungen waren dann schon komplexer, politischer Art oder größere Resistenzen gegenüber Krankheiten oder verschieden "gute" Kriegskunst.
Nix mit "Überlegenheit" kontra "Unterlegenheit" von wem auch immer. Wir sind alle gleich. Bei allen auftretenen Unterschieden, ob in Hautfarbe, Körperformen oder entwicklter "Kultiviertheit" Wenn man alle Klichees hinter sich läßt.
Warum ist die Welt, wie sie ist? 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Wer schon immer das Gefühl hatte, dass die heutige Weltsituation einer genauren Erklärung bedarf, ist mit Jared Diamonds Werk bestens beraten! Der Evolutionsbiologe vermag es auf geradezu unterhaltsame Weise einen völlig neuen Verständnisansatz unserer Lebenssituation zu liefern: Diamond erklärt die unterschiedlichen geografischen Voraussetzungen zu den Ursachen für die ungleiche Verteilung der Güter. So erläutert er in drei Teilen als erstes die unterschiedlichen Voraussetzungen, dann im zweiten Teil die daraus resultierenden verschiedenen Entwicklungen von Krankheiten, Technik, Schrift und politischen Systemen und als drittes überträgt Diamond seine Beobachtungen auf die konkreten Geschichten verschiedener Regionen der Welt. Im ersten Teil erklärt er bespielsweise die Existenz domestizierbarer Tierarten zu einem wichtigen Einflussfaktor für die spätere Entwicklung. Im letzten Teil zeigt Diamond seine Beobachtungen an der Geschichte Chinas, der Besiedelung Australiens und Papuaneugineas und z.B. auch noch Eurasiens und Nordamerikas auf.
Das Buch besticht v.a. durch Diamonds flüssigen Stil, sein überaus umfassendes Wissen (von Linguistik über Archäologie bis zu Epidemologie) und die zahlreichen persönlichen Erfahrungen und Anekdoten, die der Wissenschaftler einfließen lässt.
Eine ökologische Weltgeschichte der Spitzenklasse 5 von 5.00 Punkten
Verfasser Jarred Diamond unterhielt sich eines Tages mit einem Melanesier auf Papua Neuguinea über dies und das wurde plötzlich gefragt, warum die westliche Welt so viel höher entwickelt sei als die Heimat der Melanesier. Das ist "Yalis Frage", die der Autor am Beginn des Buches formuliert und deren Beantwortung ihn zu einem Galoppritt durch die menschliche Evolution veranlasst. Dieser Galoppritt beginnt immerhin vor etwa sieben Millionen Jahren, als sich in Afrika der Urahn des Menschen aus dem Primatenbaum separierte, ehe er vor zwei Millionen Jahren mit Hilfe des Feuers auch in Gebiete außerhalb Afrikas vordrang. Doch erst mit dem Auftreten des homo sapiens bzw. des sprachbegabten Cro Magnon Menschen ging es vor etwa 50.000 Jahren so richtig los: Der homo sapiens kennt Behausungen und Kleidung und weitet er seine Lebensräume bis nach Sibirien, Amerika und Australien aus. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass er, wohin er auch kommt, die Großtierarten ausrottet. Dodo, Vogel Rock, das amerikanische Mammut ab in den Orkus der Schöpfung. So weit so schlimm, doch was ist mit Afrika passiert? fragt der Autor. Hatte denn Afrika als die Wiege des Menschen nicht einen ungeheureren Vorsprung und wieso konnten die Menschen in Afrika diesen Vorsprung nicht halten?
Die Antwort ist, dass nur die Ehtnien denen es gelang, die Landwirtschaft zu entwickeln soziokulturell abgehen wie die Raketen - die anderen müssen in den Gesäßfalten der Naturgeschichte verharren. Wie sich nun dieser Übergang vom Nomadentum zur Landwirtschaft in den verschiedenen Weltteilen ökologisch gestaltet, gehört zu den interessantesten Passagen des Buches. Der erste Schritt war die Verwertung von Wildpflanzen, wobei sich zunächst 90 % aller Wildpflanzen als ungenießbar erwiesen. Doch alles das, was dem Menschen nicht schmeckt verschwindet, die Biomasse wird domestiziert, und schnell bedecken die 0,1 % der sehr gut verwendbaren Pflanzen den allergrößten Teil der Anbauflächen. So geht das mit zuerst mit Weizen, Geste und Erbsen, später mit Obst, Oliven, Feigen Datteln, danach mit Äpfel, Birnen und Pflaumen und so weiter. Parallel dazu treten auch Rind, Schaf, Schwein Pferd, Huhn und Ziege (wo ist der Hund?) als domestizierte Wesen in das Haus des Menschen ein. Ihre Haltung als Fleisch- und Milchlieferant und als Zugtiere erhöhte die Möglichkeiten der Feldbestellung und damit die sesshaften Perioden. Sesshaftigkeit steigert wieder die Fruchtbarkeit, denn nun müssen die Frauen den Balg auf der Wanderung nicht immer mit sich rumschleppen sondern könne ihn auch mal hinter die Feuerstelle zum Trocknen legen. Von den vier Gebieten, in denen die Landwirtschaft unabhängig voneinander erfunden wurde (der fruchtbare Halbmond, China, die Ostküste der USA und Mittelamerika) könnten nun die "Bipopakete" in alle Welt exportiert werden. Doch leider gelang das nur in Eurasien, weil sich die Nehmerkulturen der Ägypter, Inder, Iraner und Griechen auf einem ähnlichen Breitengrad der Ost-West Achse befanden. Eine analoge Verbreitung auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent war (abgesehen davon, dass die Erfindungen erst viel später gelangen) wegen der Nordsüdausdehnung und dem Wechsel der Klimazonen nicht in vergleichbare Weise möglich.
Doch kaum hat der Mensch in großer Zahl Tiere domestiziert, wird er von Seuchen befallen, denn was sind Seuchen anderes als mutierte Übertragungen von Schädlingen vom Tier auf den Menschen ( siehe Aids). Was sich als eine Plage der sesshaften Viehbesitzer anhört, ist jedoch in Wahrheit eine Stärkung: denn nun werden innerhalb der Agrargesellschaften die Schwachen die Seuchen ausselektiert, es überleben die Starken, die gegen die Schädlinge eine Art Resistenz entwickeln. Der Erfindung der Landwirtschaft und der Resistenzenbildung gegen Seuchen folgte die Entstehung differenzierter und arbeitsteiliger Gesellschaften, politischer Organisationen (Staat) und die Entwicklung einer Produktivität, die die Unterhaltung stehender Heere gestattete. Bei Zusammenprall der Kulturen im 16. Jahrhundert und später gaben dann die Seuchen der eurasischen Völker den bis dahin weltabgegelenen verspäteten Kulturen den Rest. Was für ein Glück, denkt man als Europäer unwillkürlich, dass wir in den alten Zeiten so tolle Biopakete von den Orientalen erhalten haben und dadurch so reich geworden sind, dass wir uns solche Bücher leisten können. Aber im Ernst: das vorliegenden Buch, dessen Facettenreichtum hier noch nicht einmal angedeutet werden konnte, ist ein intellektuelles Abenteuer, eine ökologische Weltgeschichte der Extraklasse, für die fünf Sternchen fast noch zu wenig sind. Unbedingt vor dem Bestseller "Kollaps" vom gleichen Autor zu lesen.
Über den Wettlauf der Völker 4 von 5.00 Punkten
Verfasser Diamond beschäftigt sich in diesem Buch mit der Entwicklung der Völker über die Jahrtausende. Um 11.000 v.Chr. war seinen Ausführungen zufolge die ganze Erde mit Jäger- und Sammler-Stämmen auf etwa dem gleichen technischen Niveau besiedelt. Diamond fragt nun durchgehend bis zur Kolonialisierung der letzten Urvölker im 18. Jahrhundert, warum einige Völker bedeutend schneller waren als andere. Wieso ging z.B. der historische Zusammenstoß zwischen Alter und Neuer Welt einseitig zugunsten der Europäer aus?
In seinen Analysen sieht der Evolutionsbiologe die Umweltbedingungen als entscheidend für die Entwicklung der Völker an, etwa im Fruchtbaren Halbmond. Diamonds Kernaussage ist, dass prinzipiell alle Völker gleich erfindungsreich sind, es also keine Rassenunterschiede gibt, sondern die Entwicklung auf den Einflüssen und Möglichkeiten der jeweiligen Umwelt beruht hat.
Die Ausführungen fand ich einleuchtend und zum Teil erstaunlich, z.B. Faktoren wie die Ausrichtung der Kontinente oder die Ausrottung domestizierbarer Großtiere bereits in der Steinzeit, die Tausende Jahre später zum Untergang von Kulturen führen sollten. Das Buch aus dem Jahr 1998 wurde nach Diamonds Erfolg "Kollaps" neu aufgelegt. Es ist mit 560 Seiten recht dick und es könnte viel kürzer sein - Diamond erklärt gern ausführlich und er wiederholt sich. Das Buch ist nicht perfekt, aber ich fand die ganzheitlichen Gedanken zur Entstehung der Menschheit sehr interessant.
Menschheitsgeschichte aus einer ungewöhnlichen Perspektive 5 von 5.00 Punkten
Verfasser "Gewöhnliche" Werke über die Entwicklung der menschlichen Zivilisation stellen die diversen Stufen zur Entstehung einer fortschrittlichen Gesellschaft (zum Beispiel Einführung von Ackerbau und Viehzucht, Schrift) sowie deren unterschiedliche Verläufe in den verschiedenen Regionen der Erde dar, wobei das Hauptaugenmerk normalerweise auf den Gesellschaften des Mittelmeerraumes liegt. Eine Erklärung für diese Unterschiede fehlt aber meist.
Jared Diamond geht hierzu von einem neuen Ansatz aus: Er untersucht, inwieweit die geographischen Gegebenheiten eines Kontinents sich auf das Schicksal der dort lebenden Bevölkerung auswirkten und geht der Frage nach, warum beispielsweise Europäer Amerika besetzten und nicht umgekehrt. Dabei stellt sich heraus, dass die Bewohner Eurasiens(das Diamond zusammen mit Nordafrika als einen Kontinent auffasst) von vorneherein begünstigt waren: In ihrem Lebensraum fanden sich die meisten domestizierbaren Pflanzen- und Tierarten, die sich - wie auch die hier gemachten Erfindungen - wegen der in Ost-West-Richtung verlaufenden Hauptachse des Kontinents auch besser ausbreiten konnten. Aus diesen Gründen entstanden die ersten Hochkulturen in Eurasien, aus denen sich in weiterer Folge die ersten Staaten und Reiche entwickelten.
Der wahre Grund für die Vorherrschaft eurasischer Völker liegt also in der unterschiedlichen geographischen Ausgangsposition, nicht in Unterschieden der Bevölkerung. Diese Theorie untermauert Diamond mit eindrucksvollen Belegen aus diversen Bereichen der Naturwissenschaften. Sein Buch ist darüber hinaus spannend und flüssig geschrieben, sodass es völlig zu Recht mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.
Schade nur, dass die mindestens genauso interessante Fragestellung, warum innerhalb Eurasiens gerade die europäischen Länder (und nicht etwa China oder Arabien) ab dem Ende des Mittelalters die Vorreiterrolle übernahmen, nicht näher behandelt, sondern nur im Epilog kurz angesprochen wird. Ein ausführlicheres Buch zu diesem Thema würde eine echte Marktlücke füllen.