Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind

Michael Schmidt-Salomon

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.0 von 5.00 Punkten (Insgesamt 23 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Aufbruchstimmung für ein realistisches Weltverständnis      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Für mich ist Buch eine grosse intellektuelle Leistung, stets gut verständlich, interessant und auch witzig geschrieben; es regt zum Nachdenken an! Um nur kurz das für mich Wichtigste zu sagen: Im ersten Teil legt der Autor eindrücklich nah, wie aufgrund falscher Moralvorstellungen und der damit oft einhergehenden religiösen Konstruktion des Bösen", viele Verbrechen, Kriege, Genozide begangen werden konnten. Eindrücklich wird dem Leser aufgezeigt, wie mit der Verabschiedung solch irren Denkens in Zukunft viel Leid verhindert werden könnte. Die ebenfalls nötige Verabschiedung von der dem Menschen zugeschriebenen Willensfreiheit, würde sich auf unser Befinden nur positiv auswirken. Menschliches Handeln nach ethischen Grundsätzen beurteilt wäre gerechter. Ob nun allerdings von dem komplexen und meiner Meinung nach schwer auslegbaren Begriffs Willensfreiheit" und von voreiliger Katalogisierung in Gut oder Böse" definitiv Abschied genommnen werden kann, möchte ich bezweifeln. Übeltäter mangels freien Willens als nicht schuldig zu erklären, sie dafür aber nach ethischen Massstäben abzustrafen, wirft doch berechtigte Fragen auf.
Der 2. Teil des Buches Die neue Leichtigkeit des Seins" kommt einer realistischen Offenbarung gleich, wie wir uns ein angenehmeres und beglückenderes Leben in einer toleranteren Welt zu eigen machen können. Interessant ist die Darstellung der Entzauberung fernöstlicher Mystik und wie diese Weisheit mit derjenigen des Westens vereint werden kann. Gegen Ende des Buches setzt dann Michael Schmidt-Salomon in einer Lektion der Bescheidenheit" noch überzeugende Argumente dazu, warum wir nun wirklich nicht mehr an ein göttliches Wesen glauben können, das die Welt erschaffen hat. Nicht nur eine Theorie, sondern auch Fakte weisen eindeutig auf eine zufällige Evolution hin. Ich finde, dass zu dieser Erkenntnis besonders schön die Worte des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago passen: Dieu est le silence de l'univers, et l'homme le cri qui donne sens à ce silence."
Zum Lesefluss sei noch bemerkt, dass mir recht viele der zahlreichen Anmerkungen auch interessant erschienen, und ich sie deshalb gerne im Text eingefügt gesehen hätte. (Das ewige Hin- und Herblättern ist mühsam!) Auch ein Namensregister hätte das Buch bereichert.

Modische Pseudo-Philosophie      2 von 5.00 Punkten       Verfasser
Michael Schmidt-Salomon hat sich Ungewöhnliches vorgenommen. Er möchte die Welt durch Abschaffung der Moral verbessern und die Menschen mit der Einsicht in die Unfreiheit ihres Willens glücklicher machen.

Schmidt-Salomon geht davon aus, dass ein großer Teil der gebildeten Zeitgenossen Europas, obwohl inzwischen ungläubig, immer noch einer Haltung anhängt, die man als "Sündenfall-Syndrom" bezeichnen kann und die nicht minder verderblich ist als die Religion.

Drei Überzeugungen seien für das "Sündenfall-Syndrom" kennzeichnend:

Erstens die Annahme, dass Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen über "Willensfreiheit" verfügen und daher bewusst zwischen "gut" und "böse" wählen können.

Zweitens die Annahme, dass absolute moralische Kategorien existieren, die für alle Menschen verbindlich festlegen, was "gut" und "böse" ist.

Aus beiden Annahmen folge als dritte grundlegende Überzeugung das "Schuld-, Sühne- und Sündenprinzip": Ein Mensch, der sich für das Böse entscheide, lade dadurch eine Schuld auf sich, die durch angemessene Bestrafung gesühnt werden müsse.

Schmidt-Salomon zufolge können heute beide Annahmen als wissenschaftlich widerlegt gelten, womit die Schlussfolgerung gegenstandslos wird.

Für die Widerlegung der Willensfreiheit beruft sich Schmidt-Salomon schlicht auf das Kausalprinzip. Eine echte Wahl zwischen zwei Handlungsalternativen könne es nicht geben, weil sie einen "Riss im universellen Kausalgefüge der Welt" voraussetze. "Denn für materielle Körper ... gilt notwendigerweise, dass identische Ursachen auch identische Folgen nach sich ziehen. Wie also könnte sich eine natürliche Person X zu dem Zeitpunkt Y unter den ... vorherrschenden Bedingungen anders verhalten, als sie sich de facto verhält?" (S. 119).

Hinsichtlich der Moral müsse man feststellen, dass "gut" und "böse" wertende Begriffe seien und vorzugsweise in präskriptiven Aussagen vorkämen. Empirisch arbeitende Wissenschaftler bemühten sich hingegen darum, nur wertfreie Begriffe zu verwenden und sich auf deskriptive Aussagen zu beschränken.

Darüber hinaus führe die Wissenschaft alle Phänomene auf natürliche Ursachen zurück. Kein Wissenschaftler würde z. B. ein Verbrechen erklären wollen, indem er behaupte, "das Böse" habe Macht über den Täter gewonnen.

Im Übrigen sei das "Sündenfall-Syndrom" auch aus ethischen Gründen inakzeptabel. Schließlich diene die Illusion der Willensfreiheit als Deckmantel für primitive Rachegelüste und werde regelmäßig missbraucht, um soziale Ungerechtigkeit zu rechtfertigen, während der Glaube an absolute moralische Kategorien die menschliche Neigung zum Gruppendenken verstärke und im Konfliktfall dazu beitrage, die Angehörigen anderer Gruppen als Vertreter "des Bösen" abzuqualifizieren. Moral trete immer als Doppelmoral in Erscheinung und sei historisch eng mit Fanatismus und Gewalt verbunden.

Allerdings möchte Schmidt-Salomon um jeden Preis verhindern, dass die Beseitigung des Sündenfall-Syndroms zu fatalistischen und relativistischen Konsequenzen führt.

Was den Fatalismus anbelangt, so glaubt er ihn durch Berücksichtigung einer grundlegenden Eigenschaft aller Lebewesen widerlegen zu können: dem "Prinzip Eigennutz". Eigennützige Systeme seien per se unberechenbar, da sie über Kreativität verfügten. "Kreativität ist das Vermögen, vorgegebene Wirkfaktoren so umzukodieren, dass dabei mitunter etwas völlig neues, noch nie Dagewesenes entstehen kann. ... Aufgrund dieser schöpferischen Eigenschaft des Lebens ist selbiges nicht nur theoretisch, sondern prinzipiell unberechenbar" (S. 176).

Hinsichtlich des Relativismus nennt Schmidt-Salomon zwei Hilfsmittel, die es erlaubten, zwischen akzeptablen und inakzeptablen Weltbildern zu unterscheiden, nämlich Logik und Empirie. Niemals würden fragwürdige Ideologien logischen und empirischen Ansprüchen ebenso genügen können wie der aufgeklärte Humanismus.

Außerdem verfüge der Humanismus über eine äußerst tragfähige normative Orientierung, in deren Mittelpunkt die Einsicht stehe, dass alle Menschen gleichermaßen Freude und Leid empfinden könnten (S. 191). Daher erscheine dem Humanisten jedes Individuum als legitimer "Mittelpunkt eines eigenen kleinen Universums" (S. 249).

Mit diesen Überlegungen glaubt Schmidt-Salomon einen Mittelweg zwischen falschem Freiheitsgefühl und Fatalismus einerseits, Moral und Relativismus andererseits gefunden zu haben. So wie die Kreativität es dem Menschen erlaube, auch ohne Willensfreiheit sein Schicksal zu beeinflussen, führe die normative Grundhaltung des aufgeklärten Humanismus dazu, dass die Suche nach absoluten moralischen Kriterien durch "Ethik" ersetzt werden könne, dem Bemühen, Konflikte über einen fairen Interessenausgleich zu lösen.

Das "entspannte" Verhältnis zu sich und anderen, das Schmidt-Salomon aus diesen Einsichten ableiten zu können glaubt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine zentralen Argumente sich bei näherem Hinsehen durchweg als leere Behauptungen, rhetorische Taschenspielertricks oder geistige Sackgassen erweisen.

Wenn im "universellen Kausalgefüge der Welt" kein Riss existiert, ist beim besten Willen nicht einzusehen, warum das Leben "prinzipiell unberechenbar" sein soll. Tatsächlich wird diese erstaunliche Aussage von Schmidt-Salomon auch gar nicht begründet, sondern lediglich mit dem Zauberwort "Kreativität" vernebelt.

Doch selbst wenn die Behauptung zuträfe, würde daraus nicht folgen, dass die Zukunft offen ist, wie es Schmidt-Salomon möchte. Sie wäre immer noch vorherBESTIMMT, wenngleich nicht vorherSEHBAR. Der Fatalismus wäre also keineswegs widerlegt.

Nicht besser steht es mit dem Relativismus. Um seiner Position Plausibilität zu verleihen, hat sich Schmidt-Salomon in dem von ihm weitschweifig beschworenen islamischen Fundamentalismus einen Widersacher ausgesucht, dem wohl keiner seiner Leser zutrauen wird, den Ansprüchen von Logik und Empirie gewachsen zu sein. Das Problem des ethischen Relativismus wird aber erst akut, wenn sich logisch und empirisch GLEICH STARKE Positionen gegenüber stehen.

Ein bekennender Naturalist wie Schmidt-Salomon hätte hier vor allem an zeitgemäße Formen des Sozialdarwinismus denken müssen. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich eine sozialdarwinistische Ethik auszumalen, in der nicht das "Wohl und Wehe" aller Lebewesen im Mittelpunkt steht, sondern deren Eigennutz, mit der Folge, dass die brutale Missachtung der Interessen anderer Lebewesen als gerechtfertigt, ja sogar geboten erscheint. Wie sollte eine rationale Wahl zwischen dieser Position, in der natürlich kein Platz für Menschenrechte ist, und dem aufgeklärten Humanismus erfolgen, wenn beide logisch und empirisch gleichwertig wären?

Schlimmer noch. Allem Anschein nach hätte der aufgeklärte Humanist eher schlechte Aussichten, sich gegen diese Konkurrenz zu behaupten. Seine Bereitschaft in jedem Individuum den "Mittelpunkt eines eigenen kleinen Universums" zu sehen, will nämlich ganz und gar nicht zu Schmidt-Salomons naturalistischer Einschätzung passen, die Menschheit sei im Rahmen des Universums nichts Besonderes (S. 306).

In Bezug auf die "Ethik" ist zu bemerken, dass es durchaus keine Schwierigkeiten bereitet, Feindbilder zu konstruieren, ohne dabei von den Ausdrücken "gut" und "böse" Gebrauch zu machen. Ein historischer Überblick über die Schattenseiten der "Ethik" würde nicht weniger vernichtend ausfallen als Schmidt-Salomons Bilanz der Moral.

So ist das Resultat dieser seichten Behandlung wichtiger Fragen ganz anders als vom Autor erwünscht: Der Determinismus führt unweigerlich zum Fatalismus. Der Naturalismus hat eine starke Affinität zum Relativismus. Naturalismus und Humanismus sind kaum miteinander vereinbar.

Die neue Leichtigkeit des Seins      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
In seinen Memoiren schrieb Albert Einstein einmal: Schopenhauers Spruch: ,Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will', hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten meines Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz."

Michael Schmidt-Salomons neues Buch Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind" ist eine vorzüglich geschriebene und überaus unterhaltsame Monographie zur Einsteinschen Lebensweisheit.

Mit Hilfe der Argumentation Arthur Schopenhauers zeigt er zunächst, dass wir keine Willensfreiheit haben. Und mit Hilfe der Argumentation Friedrich Nietzsches zeigt er sodann, dass die Willensfreiheit stets als ein Folterinstrument" diente, über dessen Verlust wir uns keineswegs grämen müssen.

Ganz im Gegenteil! Die Einsicht, dass die Menschen gar nicht anders handeln können, als sie tatsächlich handeln, befreit uns von so hässlichen Gefühlen wie Selbstgerechtigkeit, Rache und Grausamkeit und befördert stattdessen so bewundernswerte Gefühle wie Güte, Milde und Nachsichtigkeit. Oder, wie es Michael Schmidt-Salomon ausdrückt: Der Tod der Willensfreiheit ermöglicht uns eine neue Leichtigkeit des Seins.

Ohne Zweifel werden wir es wohl als befreiend erleben, wenn wir uns nicht länger mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen herumplagen müssen. Doch was ist mit den anderen? Was ist mit denen, die vergewaltigen, rauben und morden? Müssen wir sie jetzt von jeder moralischen Schuld und strafrechtlichen Verantwortung freisprechen? Michael Schmidt-Salomons mutige Antwort lautet: Ja!

Ganz im Sinne dessen, was man in der heutigen Debatte um den Determinismus revisionistischen Kompatibilismus" nennt, argumentiert er gegen die Theorie der Vergeltung und für die Theorie der Verhütung. Verantwortung hin, Verantwortung her, der Staat ist zum Schutz der Rechte seiner Bürger verpflichtet: Er wird daher auch in Zukunft Menschen, die elementare Rechtsnormen verletzen, hinter Schloss und Riegel sperren. Allerdings wird er sie ohne jede moralistische Aggression behandeln müssen.

Insofern es sich bei Jenseits von Gut und Böse" nicht um ein Fachbuch, sondern um ein Sachbuch handelt, werden viele Leser von Gehirn & Geist möglicherweise eine philosophische Auseinandersetzung mit den Positionen von Ansgar Beckermann, John Martin Fischer, Jürgen Habermas, Robert Kane, Geert Keil, Michael Pauen, Derk Pereboom, Peter Strawson und Henrik Walter vermissen.

Wer sich mit dem aktuellsten Stand der Diskussion vertraut machen möchte, der sollte daher auch lieber zu dem kürzlich von Paul Russell herausgegebenen Buch Free Will and Reactive Attitudes" greifen.

Wer sich dagegen gerne auf eine kurzweilige Reise durch die Soziobiologie und die Neurobiologie sowie den Buddhismus und Islamismus begeben möchte, dem darf man zuversichtlich Bon Voyage!" wünschen.

Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache. Deshalb gibt es keinen freien Willen.      2 von 5.00 Punkten       Verfasser
Dr. Michael Schmidt-Salomon (Oberster Atheist, Vorstand der giordano bruno stiftung gbs, Buchautor) veröffentlicht in diesem Buch seine These, die kurzgefasst lautet:

Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache. Deshalb gibt es keinen freien Willen.

Es genügt also, den ersten Satz der These zu widerlegen, um den zweiten Satz zu stürzen.

Der Satz: Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" lässt sich nach Form und nach Inhalt analysieren. Beginnen wir mit der Form.

Es handelt sich um eine eingeschränkte universelle Behauptung, die vom menschlichen Beobachter unabhängig ist. Universell, da jederzeit im gesamten Kosmos gültig, eingeschränkt, da der Satz eine Teilmenge darstellt. Die tautologische Gesamtmenge, lautet: Im Universum gibt es Wirkungen mit Ursache und Wirkungen ohne Ursache. Dieser Satz ist immer wahr, jedoch informationslos, ähnlich: Draußen regnet es oder es regnet nicht. Er ist zwar wahr, doch weiß ich immer noch nicht, ob ich einen Regenschirm benötige. Der eingeschränkte Satz von MSS Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" ist informativ, zwangsweise weniger wahr, Das heißt nicht, dass er falsch ist, sondern dass er in seiner Form falsifiziert oder verifiziert werden kann, er also dem Anschein nach eine wissenschaftliche Aussage ist.

Nun lässt sich die Behauptung Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" nicht von uns Menschen verifizieren, da das Universum schlichtweg zu groß ist und zudem die Behauptung auch zu Zeiten gilt, an denen es keine Menschen gibt, also vor mehreren Millionen Jahren und in einigen hundert Jahren (wenn es so weitergeht wie bisher). Glücklicherweise gibt uns die Logik ein Mittel in die Hand / den Mund / das Gehirn: Eine wahre Aussage ist gleichbedeutend damit, dass ihr Gegenteil falsch ist. Beispiel: Alle Raben sind schwarz" ist identisch mit Alles, was nicht schwarz ist, ist kein Rabe". Um zu beweisen, dass alle Raben schwarz sind, brauchen wir nur Nichtschwarzes zu sammeln. Und wenn nach langer Zeit des Sammelns sich keine Raben in der Sammlung finden lassen, dann ist bewiesen und verifiziert, dass alle Raben schwarz sind. Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" ist identisch mit Jede Wirkung hat eine Ursache." Nun ist die Ursachenforschung bereits in den kleinen Teilbereichen der Politik und der Liebe eine Sisyphusarbeit, sodass wir wohl niemals das gesamte Universum durchkämmen werden.

Was heißt das? Der Satz Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" lässt sich logisch weder verifizieren, noch falsifizieren. Die strenge Logik besagt, dass so ein Satz unsinnig ist. Nett ausgedrückt: die Behauptung basiert auf einer Ideologie.

Doch nun zum Inhalt der Behauptung. Im Universum gibt es keine Wirkung ohne Ursache" klingt doch aus dem Bauch heraus nicht schlecht. Jeder von uns kennt viele Wirkungen, die auf bestimmte Ursachen basieren: Müdigkeit, Hunger, Lesen, ... Sicherlich tun wir einiges, ohne recht zu wissen warum. Doch das heißt nicht, dass wir grundlos handeln! Um eine Wirkung ohne Ursache in unserem Universum zu finden, müssen wir uns an seine Grenzen begeben: zum ganz Großen und zum ganz Kleinen. Beginnen wir beim Größten, dem Universum selbst.

Unser mitteleuropäischer Verstand lässt zwei Möglichkeiten zu: Das Universum hat einen zeitlichen Anfang - das Universum hat keinen zeitlichen Anfang.
Erste Möglichkeit. Wenn das Universum zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden ist, dann liegt die Ursache seiner Entstehung zeitlich vor seiner Entstehung, also außerhalb des Universum. Als Mitglieder dieses einen Universum ist es uns nicht vergönnt, nach draußen zu blicken. Wir können somit eine Ursache nicht erkennen, weder beweisen, noch ausschließen. Genau so gut können wir davon ausgehen, dass ein höheres Wesen, welches außerhalb von Zeit und Raum ist, das Universum erschaffen hat. Für einen Atheisten eine untragbare Annahme, weshalb er doch lieber den freien Willen akzeptieren sollte, bevor er mit seinen Überlegungen zum Theisten wird.
Wenn nun das Universum einen Anfang hat, so könnte es auch ein Ende haben. Die letzten Ursachen wären dann derart ausgedünnt, dass sie wirkungslos blieben. Zwar ist dies kein absoluter Gegensatz zu der häufig zitierten Behauptung, verursacht jedoch ein unangenehmes Gefühl.
Also sollte das Universum keinen zeitlichen Anfang haben und am besten auch kein zeitliches Ende. Dann wäre das Universum ewig. Und würde es sprechen wollen - vielleicht tut es das, wir können es nur nicht hören - dann würde es sagen: Ich bin, der ich bin.
So oder so, die Beschäftigung mit dem Universum mündet in die Beschäftigung mit Gott. Ein Atheist sollte die Finger davon lassen, wenn er Atheist bleiben will. Und wozu das Ganze? Nur um zu beweisen, dass es keine Willensfreiheit gibt?

Ich habe noch etwas versprochen: das Allerkleinste.
Die Chaos-Theorie besagt, dass allerkleinste Ursachen eine Wirkung haben. Diese allerkleinsten Ursachen sind so klein oder energiearm, dass sie an sich nicht nachgewiesen werden können, da sie unterhalb des Nachweisbarkeitsgrenze anzusiedeln sind. Mit anderen Worten: es gibt sie nicht. Ihre Wirkungen sind jedoch außerordentlich gut nachweisbar, wie Erdbeben, Unwetter, Wirtschaftskrise (pardon: Finanzmarktkrise). Das ist auch der Grund, warum wir nicht imstande sind, Wetter, Erdbeben, Aktienkurse und Lottozahlen vorherzusagen.

Zusammengefasst: Es gibt Anzeichen dafür, dass viele Wirkungen eine Ursache haben. Es gibt Anzeichen dafür, dass viele Wirkungen keine Ursache haben. Weder das eine, noch das andere lässt sich beweisen oder widerlegen. Auf diese Unsicherheit basierend ist die Aussage, dass es keinen freien Willen gibt, höchst windig.

Gefangen im Wahn von Gut und Böse      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Wenn Michael-Schmidt-Salomon ein Buch veröffentlicht, sind heftige Reaktionen und Diskussionen vorprogrammiert. Bereits in der jüngeren Vergangenheit hat der Philosoph und bekannteste Vertreter der Neuen Atheisten in Deutschland in seinen Darstellungen, vor allem im Manifest des evolutionären Humanismus, in aller Deutlichkeit Position bezogen für eine säkulare Gesellschaft verbunden mit heftigen Attacken gegen den schädlichen Einfluss vor allem der monotheistischen Religionen auf unsere Gesellschaft. Für noch mehr Aufregung sorgte er mit seinem religionskritischen Kinderbuch Wo bitte gehts zu Gott?, gegen das von verschiedenen Institutionen ein schließlich gescheitertes Verbotsverfahren angestrengt wurde. Und auch sein neues Buch "Jenseits von Gut und Böse" lässt die Emotionen hoch kochen, wie sich auch in den verschiedenen Rezensionen sowie deren Kommentaren hier bei Amazon verfolgen lässt.

"Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden" (9). In seinem einleitenden Satz stellt Schmidt-Salomon klar, als was er die Kategorien von "Gut" und "Böse" betrachtet: Es handele sich um von Menschen gemachte Konstrukte, um einfache Antworten und Handlungsrichtlinien für eine als zu komplex empfundene Umwelt zu erhalten. Hauptakteure dieses Konstruktionsprozesses seien seit jeher die Religionen dieser Welt gewesen, welche das "Böse" mit bestimmten Wesensmerkmalen versehen haben (vgl. 39f.). Das Gut-und-Böse-Schema, oder, in der auf Richard Dawkins basierenden Terminologie Schmidt-Salomons, der "Gut-versus-Böse-Memplex" (85), habe sich in der kulturellen Evolution der Menschheit durchsetzen können, da sich die eigene Gemeinschaft besser habe behaupten können, wenn Abweichler in den eigenen Reihen oder fremde Kulturen mit dem absoluten Begriff des "Bösen" bezeichnet worden sind (vgl. ebd). Jedoch müsse man sich nun bewusst werden, dass die Einteilung der Welt in "Gut" und "Böse" zu viel Unheil geführt habe, so dass sich die Menschheit nun von dieser liebgewonnen Illusion verabschieden müsse: "Aus Auschwitz lernen, heißt daher, auf den Memplex des Bösen zu verzichten, der in der Geschichte der Menschheit immer wieder zur Eskalation von Ingroup-Outgroup-Konflikten und auch maßgeblich zum Völkermord unter Hitler beitrug" (99).

Im 2. Kapitel begründet Schmidt-Salomon, warum es für die Kategorien "Gut" und "Böse" keine Rechtfertigung mehr gebe. Die Willensfreiheit, und somit auch die Freiheit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, sei lediglich eine Illusion. Dazu der Autor in den Worten Schopenhauers: "Du kannst tun, was du willst: aber du kannst in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur ein Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine" (121). In eigenen Worten formuliert er: "Willensfreiheit ist nichts als eine Chimäre, ein Trugbild, für das es in der Realität keinerlei Entsprechung gibt" (146). Besonders lesenswert ist hierbei Schmidt-Salomons Differenzierung zwischen Willens- und Handlungsfreiheit, auf die er seine Argumentation stützt" (vgl. 122ff.).

Schmidt-Salomon sieht in dem Abschied von der Willensfreiheit jedoch keinen Grund zur Verzweiflung, sondern begreift es vielmehr als Auf- und Herausforderung, sein eigenes Leben in den gegebenen Grenzen frei zu leben und zu gestalten: "Die Tatsache, dass wir stets nur das wollen können, was wir [...] wollen müssen, steht keineswegs im Widerspruch zu der für unser Freiheitsempfinden so wichtigen Intuition, dass die Zukunft offen ist. Vielmehr sind wir als lebende, Wohl und Wehe empfindende Wesen geradezu dazu determiniert, tagtäglich auf kreative Weise Probleme zu lösen, was den Fluss der Ereignisse immer wieder in neue Bahnen lenkt" (177f.). Es sei, so der Autor, gerade diese "Akzeptanz der metaphysischen Sinnlosigkeit unserer Existenz" (232), die uns Menschen die Freiheit zur individuellen Sinnstiftung gebe. Hier steht Schmidt-Salomon ganz in der Tradition des großen existentialistischen Freiheitsphilosophen Jean-Paul Sartre, der die Verantwortung des Menschen nach dem Tod Gottes mit den Worten "[W]ir sind zur Freiheit verurteilt" (Das Sein und das Nichts, S. 838) umschrieb.

Fazit: Der Weg zu einem im wahrsten Sinne des Wortes zwanglosen Leben liegt für Schmidt-Salomon in der Überwindung eben jener Konstrukte, die seit Jahrtausenden die Menschen mithilfe falscher Gewissheiten manipulieren. Erst so könne man sich seiner individuellen Verantwortung für sich und seine Mitmenschen bewusst werden, worin der Schlüssel zu einer friedlicheren Welt liege. Egal, wie man persönlich zu dieser Thematik steht oder ob einem der sicherlich provozierende Stil der Darstellung zusagt: "Jenseits von Gut und Böse" ist ein mit Feuer geschriebenes und höchst aktuelles Buch, welches eine möglichst breite Leserschaft verdient.

Intelligentes Lesevergnügen, wenn es kritisch gelesen wird      4 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ich habe beschlossen, es jetzt doch mal mit einer Rezension des Buches zu versuchen. Ich bin vorsichtig damit, weil ich, je mehr ich mich mit dem Inhalt und der Rezeption des Buches beschäftige, immer unsicherer werde, wie man das Buch "fair" bewerten soll. Also: als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, war ich absolut begeistert. Der Stil ist ansprechend und flüssig und das Thema und die Argumentation werden auf interessante und oft sogar spannende Weise dargestellt. Außerdem gewinnt man schnell den Eindruck, dass der Autor wirklich einen tiefen Einblick in das Themengebiet besitzt.
Auf den Inhalt möchte ich nicht mehr im Detail eingehen. Ich denke, dass das andere Rezensenten schon sehr ausführlich getan haben. Nur soviel: der Autor zeigt auf angenehm rationale Weise, dass wir selbst in unserer "modernen" Gesellschaft immer noch der religiösen Weltsicht von "Gut und Böse" anhängen. Diese Sichtweise basiere auf der Annahme, dass der Mensch einen freien Willen besitzt. Mit Hilfe der Evolutionsbiologie und der modernen Neurowissenschaften kommt er zu dem Schluss, dass dem nicht so sei und entwickelt daraufhin eine Ethik, die frei von Schuld und Sühne zu einem weitaus rationaleren Umgang mit dem Fehlverhalten von Menschen führt. Auch zeigt er auf, dass ein Abschied von der Willensfreiheit keineswegs zu Nihilismus oder ethischem Relativismus führt.
Die scheinbar undogmatische und logische Argumentation hat - obwohl ich mich zwischendurch immer wieder mal gefragt habe, ob die wissenschaftliche Basis, v.a. die Ablehnung der Willensfreiheit durch die Hirnforschung, auch korrekt ist - dazu geführt, dass ich das Buch nahezu in den Himmel gehoben habe. Ich war vom Inhalt überzeugt und fragte mich mal wieder, ob der Naturalismus/Materialismus nicht doch eine ausreichende Erklärung der Welt liefere. Erst als wir in einer Philosophiegruppe über das Buch diskutierten und ich mich anschließend mit anderen Rezensionen des Buches befasste wurde mir klar, dass ich das Buch zu unkritisch beurteilt hatte. Streng genommen ist die zentrale Prämisse des Buches, nämlich das Nichtvorhandensein von Willensfreiheit, wissenschaftlich nicht haltbar. Selbst renommierte Hirnforscher wie z.B. Wolf Singer halten die Frage nach wie vor für offen (s. z.B. seinen Vortrag "Philosophische Implikationen der Hirnforschung", Leipzig 2007). Zwar halte ich die Unterscheidung des Autors zwischen Willens- und Handlungsfreiheit für interessant, aber leider lässt er viele Details (z.B. warum ausgerechnet das "Prinzip Eigennutz" den Determinismus der menschlichen (Un-)Freiheit aufhebt) im Dunkeln. Dogmatisch könnte man jetzt behaupten, dass seine komplette Argumentation damit in sich zusammenfällt. Soweit möchte ich aber sicherlich nicht gehen. Ich halte das Buch auch weiterhin für sehr lesenswert. Es ist ein Buch, das zum philosophischen Nachsinnen einlädt und viele interessante Fragen aufwirft. Wichtig ist wie gesagt nur, dass man sich nicht zu sehr in der Argumentation des Autors verliert und seine Argumente kritisch für sich überprüft. Dann steht einem intelligenten Lesevergnügen nicht mehr im Wege.

Das NICHT Unwort Willensfreiheitunterstellung gefällt mir besonders gut      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein absolut erfrischendes Superbuch! Ein überzeugender Feldzug gegen die vielen selbsternannten Moralinstitutionen, die soviel Leid in die Welt gebracht haben. Das Bild der nach oben "gespülten" Erfolgreichen gefällt mir auch ausnehmend gut.

Das NICHT Unwort Willensfreiheitunterstellung gefällt mir besonders gut      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ein absolut erfrischendes Superbuch! Ein überzeugender Feldzug gegen die vielen selbsternannten Moralinstitutionen, die soviel Leid in die Welt gebracht haben. Das Bild der nach oben "gespülten" Erfolgreichen gefällt mir auch ausnehmend gut.

verwirrend.      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
ich muss gestehen ich habe nur die ersten 20 seiten des buches gelesen. ich habe dann angesichts der winterkaelte darueber meditiert was mehr wiegt der intellektuelle wert des buches oder sein kaloriengehalt, sein heizwert. ich entschied mich fuer letzteren. bin allerdings, wahrscheinlich weil ich deutscher bin nicht zut tat geschritten. ich denke wer die kategorien von gut und boese aus unserem denken verbannen will erreicht nur eines: verwirrung. ich finde es sehr schwer zu schreiben was den gut und boese ist, es zu definieren aber ich fuehle, und fuehlte waehrend meiner erziehung meines heranwachsens in Deutschland sehr deutlich wer einen guten, liebevollen einfluss auf mich ausuebte und wer einen boese absicht hatte. ich fuehltes es und fuehle es noch heute. wer mir diese unterscheidung nehmen will uebt eine boesen einfluss auf mich aus. im uebrigen es interessiert mich sehr wenig was die wissenschaft sagt. die wissenschaft ist absolut impotent und nichtssagend wenn es um die grossen philosophischen fragen geht. dualismus von koerper und geist?. sie verstehen noch nichts. die psychiatrie ist nicht in der lage auch nur eine sogenannte psychische erkrankung zu heilen, keine einzige. wer in das bio-chemische krankheitsmodell der depression hineinschaut findet lachhafte theorien, widersprueche wo man hineinschaut - nur keine heilung. nicht einmal die sprache ist erklaerbar, ergruendbar ---. Michael Schmidt glaubt an die wissenschaft eben weil er kein wissenschaftler ist. er ist ein Philosoph, jemand der mit dem instrument der sprache wahrheiten verkuendet die er nicht kennt, nicht kennen kann da er die sprache nicht versteht mit der er seine wahrheit mitteilt. er verurteilt Martin Luther und reflektiert nicht einmal das er die deutsche hochsprache benutzt die von Martin Luther geschaffen wurde. die sprache eines gewalttaetigen, hasserfuellten ideologen die mehr als alles andere das menschliche in Deutschland verstummen lies, noch heute dafuer sorgt das nur ein genie in der lage ist dieser sprache gefuehl zu verleihen. michael Schmidt weiss nicht was er tut, das er gut und boese nicht unterscheiden ist sein problem, das er ueber keine willensfreiheit verfuegt ist uebrigens auch sein problem, ich hingegen bin mir sicher das ich weiss was ein guter und boeser einfluss auf mich ist, ich verfuege ueber willensfreiheit: die freiheit das gegenteil von dem zu tun fuer das ich mich entschieden habe. einfach einer grundregel der philosophie zu befolgen die besagt das intellektuelle redlichkeit (Gutheit) darin besteht immer anzunehmen das auch das gegenteil von dem was ich vertrete die wahrheit bedeute. die grundregeln des kritischen denkens, der philosophie
geben uns willensfreiheit, wer das bestreitet ist kein philosoph mehr sondern ein phobosoph. ein verwirrer, jemand der nicht weiss, nicht fuehlt was gut fuer ihn ist. Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind

Muss man lesen!!!!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Ich habe noch nie ein so tolles Buch gelesen. Von der ersten bis zur letzten Seite wirklich fesselnd und für einen Laien verständlich und an vielen schönen Beispielen anschaulich festgemacht. Das muss Pflichtlektüre an allen Schulen werden!!!!

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