Aus der Unfassbarkeit der Faszination, welche Hitler auf große Teile der damaligen Müttergeneration ausübte, und natürlich - wie die Autorin treffend analysiert - aus einer Sprachlosigkeit über die Verwicklungen der Eltern in das damalige Geschehen ist auch die hohe Ambivalenz mancher Töchter in der Nachkriegszeit ihren damaligen Müttern gegenüber zu verstehen. Einerseits war da ein dankbares und zärtliches Erinnern an Geborgenheit und Schutz, welche die Kinder unter schier unsagbaren Bedingungen im Chaos des Krieges durch ihre »starken Mütter« erfuhren, andererseits die bange und oft unbeantwortete oft gar nicht zu stellen gewagte Frage nach der Teilhabe der Mütter an den verbrecherischen Geschehen des Nationalsozialismus. >>Auf welches Mutterbild kann ich mich stützen?<< fasst die Autorin diese Ambivalenz an einer Stelle fragend in Worte. >> Könnte sich aber nicht gerade diese Stärke der Mütter in der Erfüllung der Lebensaufgaben, ihrer Tüchtigkeit in lebenspraktischen Dingen, für uns Töchter deshalb ambivalent dargestellt haben, weil sie nicht aus einem Emanzipationsbewusstsein heraus getragen und gewachsen waren? ... «
Einfühlsam sind auch die Abschnitte über die Rolle der während der Kindheit lange abwesenden Väter in der Identitätsentwicklung der Frauen der Töchtergeneration. Die Autorin leitet sie im biografischen Teil ihres Vorwortes mit zwei Träumen ein, in denen sie sich einmal als selber Betroffene ihre liebevolle Beziehung zu ihrem eigenen Vater vor Augen führt und., im zweiten Traum, ein sehr eindrucksvolles Bild findet für die Verletztheit der Vatermänner, welche durch die Höllen dieser Zeit gingen. Sie schreibt: »Auf die Erscheinung der später heimkehrenden Väter, von denen die meisten wohl hungrig, schmutzig und erschöpft aussahen, reagierten viele Kinder verunsichert, mit Scheu oder gar mit Ablehnung des ihnen meist völlig fremden oder in den Jahren der Trennung fremd gewordenen Mannes.« Auch die heimkehrenden Väter waren durch die lange Abwesenheit und ihr oft lebenslang nicht verarbeitetes Kriegserleben ihren Frauen und Kindern entfremdet. Noch unauflösbarer als die Frage nach dem Anteil der Mütter am Zeitgeschehen schien daher für viele Töchter später die Frage nach der Beteiligung der Väter an den Kriegskämpfen. Eine von ihnen sagt: »Nie hätte man die Frage gewagt und das kann man eigentlich auch gar nicht aussprechen: >Warum hast du mir das angetan? Warum muss ich jetzt mit dem Bewusstsein durch die Welt laufen, dass mein Vater vielleicht ein Mörder ist?< Erst heute kann ich sehen, wie wichtig diese Frage gewesen wäre. Durch die Studentenbewegung 1968, in der es ja zuerst um den Vietnamkrieg ging, wurde auch die Auseinandersetzung mit den Eltern über die NS Vergangenheit in Gang gebracht, und da nahm man die Position eines Stellvertreters für die Opfer und eines Anklägers gegen die Eltern ein.«
In einigen sehr authentischen Abschnitten setzt sich die Autorin kritisch teilnehmend mit dem inneren Erleben der 68er-Generation auseinander. Nach den schrecklichen biedermännischen, auf Restauration setzenden Gründerjahren der Bundesrepublik brach eine revoltierende Jugend die lähmende Verdrängung und das Schweigen über die Vergangenheit auf. Die Autorin gibt aber auch zu bedenken dabei eine der von ihr befragten Frauen zitierend -, dass die kritisch die Elterngeneration befragenden Jugendlichen ja vielleicht auch autoritäre Gedankenmuster der Elterngeneration verinnerlicht hätten.
Der Leser wird Zeuge einer Fülle von individuellen Erinnerungen an Kindheit sehr unterschiedlicher Art in denen sich aber immer die Bruchlinien einer zerfallenden, teilweise chaotischen und vom elenden Wirken des Nationalsozialismus und des Krieges gezeichneten Welt abbilden. Die Erinnerungen von früh in diese Welt hineingeborenen Frauen, welche die bedrohliche Atmosphäre einer autoritären Diktatur der Vorkriegszeit als Kinder - von Nazieltern, Mitläufern, welche nur die Augen zu machten, Gegnern und gar Verfolgten des Regimes - erfuhren, spiegeln oft Atmosphärisches, Unsicherheiten, ambivalentes Schwanken zwischen Innen und Außenwahrnehmung, aber auch Angst und direktes Bedrohtsein. Bei den später Geborenen stehen die schrecklichen Geschehnisse der Bombennächte, der Flucht, der aktuellen Bedrohung, der Zeugenschaft von Vergewaltigungen und Verlust im Vordergrund.
Für beide Gruppen hat die Abwesenheit der Väter natürlich unterschiedliche Bedeutung, die einen tragen noch ein inneres Vaterbild - ein gutes oder böses oder ambivalentes - in sich, sie haben Erinnerungen, für die anderen ist er unbekannt, ihr Bild des Vaters formt sich aus Mitteilungen der zurückgebliebenen Frauen und aus Phantasien. Auch die Rolle der Mütter wird unterschiedlich erinnert. Diese waren für die Älteren manchmal Vertraute, die sie mit in die Pflicht des Überlebenskampfes nahmen und ihr Wertgefühl stärkten, für die Jüngeren waren sie eher die Schutzgebenden oder manchmal auch in ihrer eigenen Angst nicht Schutz geben Könnenden, die starken oder die versagenden Mütter.
Darin liegt der Wert des Buches, dass es ein lange auch in der Individualpsychologie nicht genügend beachtetes Thema - die Folgen der Traumatisierungen, welche der Kulturbruch des Nationalsozialismus und der daraus entstehende Krieg in den Seelen noch der folgenden und nachfolgenden Generation hinterließ - an vielen eindrucksvollen Bildern ganz deutlich macht. Darum sei es zur Lektüre dringend empfohlen.
Rainer Schmidt, Dr. med., Internist, Facharzt für psychotherapeutiche Medizin, Psychoanalyse, Lehranalytiker (DGIP, DGPT), Alfred-Adler-Institut Aachen-Köln
Das Ermutigende an diesem Buch ist die Feststellung der Autorin und der zu Wort kommenden Frauen, dass aus den harten Anforderungen während der Kindheit sich besondere Fähigkeiten der Aufgabenbewältigung im späteren Leben entwickelten. Besonders hervorzuheben sind die politischen und gesellschaftlichen Positionen der Frauen ( u.a. die Frauenbewegung ) als Folge einer ungewöhnlichen Kindheit im 2. Weltkrieg und im Nationalsozialismus.
Dieses Buch vermittelt die Erfahrung "dass wir unsere Geschichte nicht losgelöst von dem sehen können, was Generationen vor uns an Fakten geschaffen haben, die im kollektiven und individuellen Gedächtnis ...fortleben, auch wenn das öffentliche Bewusstsein das meistens verdrängt." ( S.32)
"Starke Mütter, ferne Väter" ist ein sehr informatives Buch und hält das Gedächtnis der Individuen und der Gesellschaft lebendig. Es werden die Leistungen der Müttergeneration des 2. Weltkrieges gewürdigt, gleichzeitig aber auch die Verstrickungen dieser Frauengeneration in die Ideologie und Verfehlungen des Nationalsozialismus freigelegt. Die Töchtergeneration wird sich in den Biografien und Ausführungen wiederfinden und die eine oder andere Anregung erhalten, noch Ungeklärtes im eigenen Leben aufzugreifen und anzugehen.
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