Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher

Sigrid Chamberlain

Durchschnittliche Gesamt-Lesermeinung: 4.5 von 5.00 Punkten (Insgesamt 8 Bewertungen)


Lesermeinungen (Wiedergabe von Amazon.de):

Chamberlain eröffnet neue Blickwinkel!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Dieses Buch ist eines der tiefsinnigsten und differenziertesten Werke, die ich je gelesen habe. Chamberlain beschäftigt sich mit einem Thema, das für viele immer noch tabu ist: Den Folgen der nationalsozialischen Erziehung für die betroffenen Kinder. Sie rückt damit die Vergangenheit wieder in unsere Gegenwart und erläutert wie eng Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aneinander gekoppelt sind. Eindrücklich erläutert sie die Erziehungsmethoden der Nazis und weist auf bis in unsere Zeit hinein reichende Folgen hin. Überdies zeigt sie auf, wie ein ganzes Volk diese Erziehung in sein privates Leben integrieren konnte, ohne selbige zu hinterfragen.
Dabei bversucht sie immer möglichst objektiv zu bleiben, keine Tat zu rechtfertigen, sondern lediglich Hintergründe aufzudecken. Dies gilt auch für ihre tiefenpsychologische Herangehensweise gegenüber Hitlers Biografie.
Ein sehr empfehlenswertes Buch, das uns hilft zu verstehen, wieso die Dinge heute so sind wie sie sind und was wir erzieherisch tun können, damit Auschwitz nie wieder passiert.

Neuauflage dieses Ratgebers immernoch auf dem Markt!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Erstaunlicher weise gibt es genau diesen Eltern-Ratgeber IMMERNOCH zu kaufen; leicht überarbeitet; Ausgabe von 1987; unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind". Und viele Eltern erziehen immer noch danach!

gelungene Auseinadersetzung mit der NS- Erziehung!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Sigrid Chamerlain hat eine sehr gelungene Auseinandersetzung mit der von Johanna Haarer vielfach publizierten Erziehung in der NS- Zeit geschrieben, die bis 1987! verlegt wurden. Sie schreibt sehr gut lesbar und durch viele Beispiele betroffener Kinder dieser Zeit sehr anschaulich, wie die Erziehung die Menschen prägte und auch heute prägt. Es wird dargestellt, welche politische Funktion diese Erziehung hatte und welche Folgen für die persönliche Entwicklung die NS- Erziehung verursacht.
Besonders wichtig finde ich Chamberlains Buch, weil es nicht nur um eine geschichtlich interessante Auseinandersetzung geht, sondern weil die Folgen, die Johanna Haarers Bücher haben, in die Erziehung heutiger Kinder hineinreicht. Sowohl durch die Großeltern, aber auch unbewußt durch die jungen Eltern, die unreflektiert die eigene Erziehung an ihre Kinder weiter geben!
Ein sehr anspruchsvolles Buch, daß eine so große Verbreitung finden sollte, wie die Bücher, von denen es handelt, also unbedingt lesen!!

Distanzierte Kleinkinderziehung - gestörtes Erwachsensein      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
S. Chamberlain befasst sich mit einem weitgehend bis in die heutige Zeit hinein tabuisierten Thema: dem Beitrag der Mütter während der Zeit des Nationalsozialismus zur Erziehung von so genannten willfähigen Vollstreckern (D.J.Goldhagen). Freiwillig, aktiv und mit verheerenden Folgen folgten Mütter seit der Stunde der Geburt erziehungstheoretischen Grundlagen für die frühkindliche nationalsozialistische Erziehung nach zwei Büchern mit Millionenauflage, die bis 1986 verlegt wurden.
Sensibel widmet sich die Autorin ursächlichen Gründen für Mangel an Selbstvertrauen, für Bindungs- und Beziehungsunfähigkeit. Sie hat ein großartiges Buch geschrieben. Es wird vielen Menschen helfen, die die Ursprünge ihrer Geschichte suchen, ihr Leben besser zu verstehen.

Hausfrauenpsychologie und Propaganda      1 von 5.00 Punkten       Verfasser
Dieses Buch entpuppt sich leider recht schnell als Machwerk auf unwissenschaftlicher Basis. Die Autorin versucht sich in einer Beweistechnik, deren Sinnhaftigkeit sie unüberlegt voraussetzt: sie greift Erziehungsratschläge und Zitate aus einzelnen Büchern heraus, stellt Verbindungen zwischen diesen und gesellschaftlichen Umständen der (Vor-)Nazi-Zeit her und argumentiert recht wortgewaltig gegen diese von ihr erst erschaffene Verbindung. Völlig außer Acht läßt sie, daß nicht nur die Nazi-Generation, sondern auch die 68er mit der von ihr kritisierten Erziehungsweise aufwuchsen.

Damit mich niemand falsch versteht: die Kritik an den Erziehungsbüchern halte ich für gerechtfertigt. Die von Sigrid Chamberlain gezogenen Schlüsse erachte ich aber als willkürlich und bedenklich. Die Ursachen für den Nationalsozialismus dürften bedeutend komplexer sein und sich nicht durch die Analyse zweier Erziehungsbücher begründen lassen. Besonders überflüssig ist das letzte Kapitel, in dem begründet wird, warum Hitler so wie Hitler war.


Ein äußerst wichtiges Buch      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Das vorliegende Buch ist ein äußerst wichtiges Buch in den Bereichen Psychologie, Zeitgeschichte, Pädagogik sowie Kommunikationsfragen.

Es ist eine Abrechnung mit den Säuglingspflegebüchern "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" - welches nach dem 2. Weltkrieg unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" wieder erschien - und "Unsere kleinen Kinder" von Johanna Haarer.

Johanna Haarer wurde auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kleinkindererziehung zur maßgebenden Autorität. Die Bücher der 1900 geborenen Ärztin erreichten ab 1934 innerhalb von kurzer Zeit enorme Auflagen.

Doch nicht erst heute, sondern bereits in den 20-er und frühen 30-er Jahren wusste die Fachwelt darüber Bescheid, dass die spezifischen Pflegeregeln, die von Haarer aufgestellt und in der Folge prägend wurden, einem Ingangkommen einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung abträglich waren. Weshalb sie dennoch vertreten und popularisiert wurden, wird nur vor dem Hintergrund der politischen, pädagogischen und massenpsychologischen Interessen des nationalsozialistischen Staates verständlich: Die Hitlerjugend und nicht eine glückliche Mutter-Kind-Beziehung sollte dem nationalsozialistischen Menschen das erste Gemeinschaftserlebnis vermitteln.

Als Initiator der genannten Bücher fungierte der nationalsozialistische Verleger Julius F. Lehmann. Er schaute sich ständig nach Autoren um und versuchte, sie für seine politischen Ziele einzuspannen. Als "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" erschien, herrschte keinerlei Mangel an Literatur über Säuglingspflege.

Haarer vermittelte den Müttern in ihren Erziehungsbüchern, Kinder seien u.a. gierig, faul, gefräßig, zerstörerisch, unsauber, sie wollen die Erwachsenen tyrannisieren, ihre Aufmerksamkeit erzwingen u.a.m. und die Mutter müsse mit allen Mitteln dagegen ankämpfen. Sigrid Chamberlain meint, dass Haarer an einer Kindphobie litt. Eine Mutter, die ihr Kind als Gegner ansieht, kann keine gesunde Bindung zu ihm aufbauen.

Durch die sofortige Trennung nach der Geburt konnte die Mutter ihr natürliches Potential gegenüber dem Baby nicht entfalten und war umso mehr auf Anweisungen angewiesen. Haarers Pflegeanweisungen hatten schwere Folgen für das Leben mit dem Kind. Es gab kein Spielen und "Bummeln" beim Baden, Wickeln, Füttern, kein "Trödeln" an der Brust. Das Kind wurde in einem ständigen Spannungszustand gehalten. Es fehlten ihm Muße und Experimentiermöglichkeiten. Das sich-beschäftigen mit dem Baby oder Kleinkind wurde als "Tändeln" abgewertet. Ein zwangloses sich-beschäftigen mit dem Baby ist jedoch für den Aufbau einer gesunden Beziehung notwendig.

Die Regeln, die Haarer für das Stillen und Füttern aufstellte, sind bestens dazu geeignet, die bereits durch die 24-stündige Trennung von Mutter und Baby vor der ersten Mahlzeit bestehenden Probleme zu vermehren: Es wurden strenge Zeiten für das Stillen bzw. die Flaschenfütterung vorgegeben. Eine Brustmahlzeit dürfe nicht länger als 20 Minuten dauern, eine Flaschenmahlzeit 10 Minuten. Ab einem halben Jahr wird jede Fütterung sofort abgebrochen, wenn das Kind Schwierigkeiten irgendeiner Art macht. Hunger sei der beste Koch.

Das Kind hat durch all diese Vorschriften nie die Gelegenheit, entspannt in seinem eigenen Rhythmus zu saugen, da Lutschen und "Bummeln" nicht erlaubt waren und es nur darauf ankam, Brust oder Flasche in möglichst kurzer Zeit leergetrunken zu haben. Im Gegensatz dazu muss ein Stillvorgang, der die psychischen und physischen Bedürfnisse des Babys erfüllt, es ihm ermöglichen, den aktiven Phasen schnellen Saugens solche des langsamen Nuckelns oder auch Lutschens folgen zu lassen.

Bei einer gesunden Bindung passt sich die Mutter mit ihrer Sprechweise den Hörbedürfnissen des Babys an. Sie regt es zu einem regelrechten Dialog an. Das Baby lernt so sehr früh die Regeln des Gesprächs von Rede und Gegenrede. Dem nach Haarer erzogenen Kind bleibt dies verwehrt. Denn Haarer warnt davor, mit dem Kind in einer "Kindersprache" zu reden. Doch eine Stimme, die den Hörbedürfnissen des Babys nicht entspricht, kann es so sehr erschrecken, dass es sich spontan abwendet und zu weinen anfängt. Nach Haarer sei das Kind bei "Maulen" mit einem "augenblicklichen Klaps" zu bestrafen. Sie spricht von Befehl und Gehorsam.

Bei konsequenter Erziehung nach Haarer resultiert eine pathologische unsicher-vermeidende Bindung an die Mutter. Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung einer unsicher-vermeidenden Bindung ist die Zurückweisung von Körperkontakt. Dass Körperkontakt zwischen Mutter und Baby lästig, schädlich, unzweckmäßig und folglich so weit wie möglich zu vermeiden sei, ist etwas, was Haarer immer wieder zum Ausdruck bringt.

Die existenziellen Interessen von Kindern wurden permanent mit Füßen getreten. Das Kind erfuhr eine vollständige Missachtung seiner Gefühle, Befindlichkeiten, Bedürfnisse. Das frühe Aberziehen und Ersterben lassen von Gefühlen führte letztlich zur Fühllosigkeit, zum inneren Todsein.

Im Nationalsozialismus hatten sogenannte "Schwächlinge" keine Daseinsberechtigung. Mitleid und Mitgefühl mit Schwachen und Kranken galt als der "innere Schweinehund", den es zu besiegen galt. Viele Kinder empfanden Krankheit als etwas strafwürdiges, was es zu verheimlichen galt. Sigrid Chamberlain schildert Beispiele von Kindern, denen es sehr schlecht ging, und die sich nicht trauten, sich an den zuständigen Erwachsenen zu wenden. Die Beziehung zum Kind lag manchmal so im argen, dass das Kind krank sein konnte, ohne dass dies jemandem auffiel.

Die Folgen der Erziehung nach Johanna Haarer sind bis in die heutige Zeit reichend: Manche der betroffenen damaligen Kinder spüren ihren eigenen Körper kaum, wenn sie Beschwerden haben, übergehen sie sie permanent. Sie können sehr schwer Nein sagen. Sie können nicht ICH sagen. Eigene Wünsche zu äußern, fällt ihnen schwer. Auch bei den eigenen Kindern fällt der Umgang mit Gefühlen schwer.

Abschließend befasst sich die Autorin mit der Person Hitlers. Hitlers Mutter Klara hatte ein schweres Schicksal erlitten: innerhalb von wenigen Wochen starben ihre ersten drei Kinder, darunter ein Baby, an Diphtherie. Nach den Säuglingsforschern Klaus und Kennell können die Vorgänge des Aufbaues und des Abbaues von Bindungen nur schwer nebeneinander ablaufen. Klara Hitler war zum Zeitpunkt Adolfs Geburt demnach aufgrund der noch nicht beendeten Trauerphase noch nicht wieder in der Lage, sich an ihr Kind zu binden. Die Autorin erläutert ausführlich die Bedeutung der Bindungslosigkeit in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung Adolf Hitlers.


Spannend und erschreckende Lektüre!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Sollte von allen Angehörigen der Nachkriegsgeneration, aber auch Älteren gelesen werden. MAcht klar, daß die NS-Pädagogik lange Auswirkungen hat.

Ein sehr wichtiges Buch, das viele lesen sollten!      5 von 5.00 Punkten       Verfasser
Die Autorin macht deutlich, wie sehr auch die nachkriegsgeneration unter den pädagogischen Schatten der NS-Erziehung zu leiden hat. Unbedingt lesenswert und wichtig!

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